Einführung in die arabische Literatur

Die moderne arabische Literatur: Grundzüge und Probleme

Literatur oder Literaturen?

Von Prof. Abdo Abboud

Selbstverständlich ist es unmöglich, die moderne arabische Literatur auf wenigen Seiten erschöpfend darzustellen. Allenfalls kann es in dieser knappen Form gelingen, einen ersten Zugang zu den Grundzügen und zu den wichtigsten Problemen dieser Literatur herzustellen. Aber haben wir es denn überhaupt mit einer einheitlichen arabischen Literatur zu tun? Jeder der 22 arabischen Staaten besitzt seine eigene literarische Welt, und jede dieser literarischen Welten spiegelt die Wirklichkeit jenes Landstriches wieder, von dem sie bis zu einem gewissen Grad abhängig ist. So sprechen wir heute beispielsweise von der algerischen, der libanesischen, der ägyptischen oder der irakischen Literatur. Gibt es also in Wirklichkeit nicht nur eine, sondern sogar mehrere moderne arabische Literaturen?

Zweifelsohne ist es richtig, dass das literarische Schaffen der Araber von der jeweiligen Wirklichkeit in jener Region geprägt wird, auf deren Boden es entsteht. Gleichzeitig stimmt es aber auch, dass dieses literarische Schaffen keineswegs auf diese eng begrenzte regionale Wirklichkeit beschränkt bleibt. Häufig machen moderne arabische Autoren überregionale Themen zu ihrem Gegenstand. Haidar Haidar beispielsweise ist ein in Syrien geborener Schriftsteller. Sein berühmter Roman „Das Bankett der Meerespflanzen“ spielt jedoch weder in Syrien, noch handelt er von der syrischen Wirklichkeit. Ebenso ist Dr. Abd-ar-Rahman Munif zwar ein aus Saudi-Arabien stammender Schriftsteller, aber „Die Salzstädte“ und „Östlich des Mittelmeers“ und andere seiner Romane zeichnen weniger die regionale saudi-arabische Realität nach, als dass sie die allgemeinen und übergreifenden zivilisatorischen Probleme arabischer Gesellschaften zum Ausdruck bringen. Abd-ar-Rahman Munif, der in mehreren arabischen Regionen und in Europa lebte, ist ein Schriftsteller, der sich gegen jegliche regionale Einsortierung sträubte. Dasselbe trifft auf den Dichter Nizar Qabbani zu, dessen Dichtung mit ihren beiden Richtungen, nämlich der liebespoetischen und der politischen, über regionale syrische Gegebenheiten hinausgeht, oder auch auf Abd-al-Wahhab al-Bayati, Gibran Ibrahim Gibran, Adonis, Ghada as-Samman und viele andere arabische Schriftsteller, deren Werke weniger regionale Gegebenheiten und Probleme formulieren, denn mehr arabische Sorgen und Probleme.

200 Millionen Araber in einem Zimmer

Viele arabische Schriftsteller veröffentlichen ihre Werke außerhalb jener Region, der sie entstammen. Wo verlegte der syrische Erzähler Hanna Mina fast alle seine Romane, um die Leser überall in der arabischen Welt zu erreichen? Über welchen Verlag gelangten die Romane der algerischen Schriftstellerin Ahlam Mustaghanimi an ein breites arabisches Publikum? In beiden Fällen war es das libanesische Verlagshaus Dar al-Adab. Die arabischen Verlage, besonders im Libanon und in Ägypten, beschränken ihre Aktivitäten keineswegs nur auf die Veröffentlichung von Werken der Schriftsteller jenes Landes, in dem sie sich befinden. Auf Verlagsebene war die moderne arabische Literatur nie in Regionen aufgeteilt.

Trotz regionaler Dialekte ist das Arabische in seiner hochsprachlichen Version eine weitestgehend einheitliche Sprache. Das ermöglicht es der Literatur, seine Leser – zumindest theoretisch – in allen arabischen Ländern zu erreichen. Sprach nicht der Dichter Nizar Qabbani davon, dass er mit 200 Millionen Arabern „in einem Zimmer“ lebe? Werden nicht die Romane von Nagib Machfus oder die Kurzgeschichten von Zakariya Tamer in der gesamten arabischen Welt gelesen? Werden nicht die Theaterstücke von Saadallah Wannus in ganz verschiedenen arabischen Regionen aufgeführt? Das moderne arabische Literaturschaffen, und dies betrifft ganz besonders seine herausragendsten Werke, findet sein Publikum überall in der arabischen Welt und keineswegs nur in der jeweiligen Region, aus der die Autoren dieser Werke stammen.

Unter künstlerischen wie verlegerischen Aspekten, aber auch aus der Sicht der Leser macht es also durchaus Sinn, von einer einheitlichen modernen arabischen Literatur zu sprechen. Daneben allerdings gibt es auch regionale Dimensionen und Facetten, die es erlauben, vom „ägyptischen Roman“, von der „jemenitischen Dichtung“ und von der „tunesischen Erzählkunst“ zu reden – um nur einige Beispiele zu nennen. So sind die beiden Begriffe „die moderne arabische Literatur“ sowie „die modernen arabischen Regionalliteraturen“ nicht beliebig austauschbar. Sie ergänzen sich vielmehr gegenseitig. Sie verdeutlichen sowohl die Einheit der modernen arabischen Literatur wie auch ihren Reichtum und ihre Vielgestaltigkeit.

Staatliche Zensur statt helfender Hand

Was nun sind die Hauptprobleme, mit denen die zeitgenössischen arabischen Schriftsteller konfrontiert werden? Das erste Problem, dem sich jeder arabische Schriftsteller gegenüber sieht, betrifft die Sicherung seiner Existenz und die Selbstbehauptung innerhalb der arabischen Gesellschaften. Die arabische Gesellschaft besitzt ein uraltes literarisches Erbe, aber ihre zeitgenössischen Autoren finden ein nur wenig inspirierendes kulturelles Umfeld vor und ein Milieu, das sie kaum ermutigt oder sie gar beschützt. Die Analphabetenrate zum Beispiel ist hoch, und die Zahl möglicher Leser, die bereit sind, literarische Werke aufzunehmen, ist begrenzt. Dazu kommt, dass der derzeitige arabische Bildungsbetrieb nicht zum Lesen ermuntert, da er weder bei Schülern noch bei Studenten das Interesse an Literatur weckt und sie auch nicht zum Lesen von jenen literarischen Werken motiviert, die nicht im Lehrplan vorgesehen sind. Das macht den gesellschaftlichen und kulturellen Unterbau, auf den sich die moderne arabische Literatur stützen kann, sehr schmal. Wenn man dann noch beobachtet, dass die arabischen Gesellschaften die literarische Produktion selbst kaum fördern – zum Beispiel mit Literaturpreisen, Stipendien oder wenigstens mit fairen Honoraren, dann wird das Bild noch düsterer.

Das größte Problem aber ist die Einstellung der offiziellen arabischen Behörden und ihrer kulturellen Organisationen gegenüber der modernen literarischen Innovation. Die Organisationen betrachten literarische Innovationsfreude und sogar die Schriftsteller selber mit Misstrauen und Ängstlichkeit. Ihr Blickwinkel ist zuallererst der der Zensur sowie jener der Sicherheit des Staates. Anstatt dem Schriftsteller die helfende Hand zu reichen und ihn zu schützen oder zu ermuntern, unterwerfen sie seine literarische Produktion der Zensur. Die Organisationen, die die Autoren vertreten, nämlich die Vereinigungen der arabischen Literaten und Schriftsteller, sollten eigentlich die Freiheit des literarischen Ausdrucks mit höchster Priorität verteidigen, in der Realität aber üben einige von ihnen sogar die Zensur der literarischen Werke im Auftrag der staatlichen Zensurbehörden aus.

Zu dieser offiziellen Zensur kommt nun noch eine neue Art von Zensur, die von Kreisen ausgeübt wird, die sich im Namen der Religion des Islam zum Vormund der Literatur ernannt haben. Sie scheuen nicht davor zurück, Rechtsgutachten zu erlassen, die zum Verbot literarischer Werke führen – mit dem Argument, diese enthielten Dinge, die mit islamischen Werten und Regeln im Widerspruch stünden. Sie strengen sogar gerichtliche Prozesse gegen Schriftsteller an und erklären sie für ungläubig oder abtrünnig. Werden wir jemals vergessen, was jene Kreise mit dem Roman von Haidar Haidar „Bankett der Meerespflanzen“ gemacht haben? Oder mit dem Buch Ahmad asch-Schahawis „Über das Lob der Frauen“, mit dem Buch Mamduh Azzams „Das Regenschloss“ oder mit der kuwaitischen Erzählerin Laila al-Uthman, um nur einige wenige Beispiele zu nennen. Jene Kreise ergänzen die offizielle arabischen Zensur gegen die moderne literarische Innovation mit ihren eigenen Zensurmaßnahmen.

Dies alles macht die arabische Welt zu einem nur wenig fruchtbaren Boden für literarisches Schaffen, denn das wird weder geschützt, noch ermutigt, sondern gehemmt, blockiert und an den Rand gedrängt. Die zeitgenössische arabische Literatur kann sich dadurch kaum entfalten und wird innerhalb des arabischen Kulturbetriebs an den Rand gedrängt. Am Ende ist der arabische Schriftsteller ständig mit der Sorge um seinen materiellen wie kulturellen Unterhalt belastet, indem er sich und die Seinen von der staatlichen und nichtstaatlichen Unterdrückung fernzuhalten versucht. Es kostet ihm Anstrengung zu verhindern, dass Furcht, Sorge und Frustration seine Schaffenskraft lähmen. Eine gesellschaftliche und kulturelle Umwelt dieser Prägung wirft die Schriftsteller im wahrsten Sinne des Wortes fort, denn sie zwingt sie zu einem Leben im Ausland – im Exil, weit verstreut in der Fremde. Wo verbrachte der Dichter Abd-al-Wahhab al-Bayati den größten Teil seines Lebens? Wo lebte der Dichter Nizar Qabbani die letzten Jahre seines Lebens? Lebte nicht der Erzähler Hanna Mina neun Jahre im Exil in China und in Europa? Wo leben Zakariya Tamer und Adonis und Ghada as-Samman oder andere große zeitgenössische arabische Schriftsteller? Das gesellschaftliche, kulturelle und politische Umfeld in den arabischen Ländern der Gegenwart wirkt zentrifugal auf die Schriftsteller, aber keineswegs schützend oder ermutigend. Dies ist für die modernen arabischen Literaten die erste und wichtigste Sorge, sie ist geradezu eine Frage des „Seins oder Nichtseins“.

Sprachprobleme und Sprachbarrieren

Die arabische Literatur ist, wie jede Literatur, eine Arbeit mit der Sprache oder – wie Nizar Qabbani es ausdrückte – eine Zeichnung mit Worten. Deshalb ist die Frage nach der Sprache essentiell. Diese Problematik hat zahlreiche Facetten und Seiten. Arabisch ist seit Jahrhunderten eine Literatursprache, aber jeder moderne arabische Schriftsteller steht vor der Aufgabe, sich diese Sprache gefügig zu machen und den Erfordernissen der modernen literarischen Innovation zu unterwerfen. Sie muss dienstbar gemacht werden, um mit ihr moderne Themen und Inhalte zu formulieren – mit modernen Kategorien und mit zeitgenössischen Stilmitteln.

Das ist in der zeitgenössischen arabischen Literatur auf verschiedene Weise und von einer zur anderen Literaturgattung in unterschiedlicher Form zum Ausdruck gekommen. Auf besonders schrille Weise wird das Sprachproblem bei den Dialogen in Theaterstücken sowie in Romanen oder Erzählungen deutlich. Ist es erlaubt, einen umgangssprachlichen Dialekt für diese Dialoge zu verwenden, weil dies der Realismus erfordert, oder muss man literarische Werke trotz der Unterschiede in ihren Gattungen, auf ihren stilistischen Ebenen und in den künstlerischen Richtungen alle auf Hocharabisch verfassen? Die Debatte, die der Literat und Kritiker Michail Naima in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts um diese Frage entfacht hatte, ist immer noch aktuell. Und sie wird die zeitgenössische arabische Literatur auch weiterhin begleiten. Das Dialektgedicht zum Beispiel, das ihre Schöpfer nicht etwa im Dialekt geschrieben haben, weil sie die Hochsprache nicht beherrschten, sondern weil ihre Wahl auf eben dieses literarische Mittel fiel, erreicht seine Empfänger schneller und intensiver, indem es die Ungebildeten unter den Lesern auf eine Weise anspricht, wie es ein Gedicht in der Hochsprache nicht vermag. So waren beispielsweise Bairam at-Tunisi, Abd-ar-Rahman al-Abnudi und Ahmad Fuad Nagm nicht etwa unfähig, ein Gedicht in der Hochsprache zu verfassen, sondern sie bevorzugten den Dialekt aus stichhaltigen künstlerischen wie ideologischen Gründen.

Darüber hinaus gibt es arabische Schriftsteller, die die arabische Sprache sowohl als Hochsprache wie auch als Dialekt ganz aufgegeben haben, um in fremden Sprachen zu schreiben, wie zum Beispiel auf Englisch, Französisch oder auf Deutsch. Diese Wahl haben zahlreiche moderne arabische Schriftsteller getroffen. Die lange Liste jener Autoren beginnt mit Gibran Khalil Gibran und verzeichnet Literaten aus ganz verschiedenen arabischen Regionen. Die berühmtesten sind der Libanese Amin Maalouf, die Ägypterin Ahdaf Suwaif, der Marokkaner Taher Ben Jelloun, die Algerierin Assia Djebar und der Syrer Rafik Schami. Verschiedene Gründe hat diese Schriftsteller dazu bewogen, nicht auf Arabisch, sondern in einer fremden Sprache zu schreiben. Zu diesen Gründen gehört, dass die neue Sprache sie von dem politischen, religiösen und sozialen Druck fernhält, dem ihre Kollegen, die auf Arabisch schreiben, ausgesetzt sind. Außerdem können sie dadurch ein internationales Publikum direkt ansprechen, indem sie die Sprachbarrieren ohne die Hilfe eines Übersetzers überschreiten. Heute sind die Schriftsteller arabischer Abstammung, die Literatur in einer fremden Sprache verfassen, zahlreich geworden. Sie bringen literarische Erscheinungsformen hervor, die Beachtung und wissenschaftliches Interesse verdienen.

Der Kampf der Gattungen

Die vielleicht wichtigste Entwicklung, die die moderne arabische Literatur genommen hat, fand auf dem Gebiet der literarischen Gattungen statt. Über Jahrhunderte war die arabische Literatur von einer einzigen Gattung beherrscht worden, nämlich von der lyrischen Poesie. Die moderne arabische Literatur aber kennt Gattungen, die im arabischen Literaturerbe nicht vorhanden sind, wie beispielsweise das Theaterstück, den Roman und die Kurzgeschichte. Diese gewaltige literarische Entwicklung wurde durch zwei Hauptfaktoren hervorgerufen: Zum einen ließen sich die zeitgenössischen arabischen Literaten von westlichen Literaturformen inspirieren, zum anderen brachte die sich verändernde arabische Wirklichkeit neue Themen und Inhalte hervor, die wiederum neue Formen des literarischen Ausdrucks erforderten. Nachdem die Poesie jahrhundertelang die arabische Literatur beherrscht hatte, befand sich der Roman im 20. Jahrhundert plötzlich auf dem Vormarsch und eroberte sich seinen Platz im „Diwan der Araber“. Auch die Kurzgeschichte blühte auf und vervollständigte diesen Siegeszug.

Das Theater ist unterdessen im literarischen Schaffen der Araber bereits fest verwurzelt – mit hervorragenden Theaterautoren wie beispielsweise Saadallah Wannus und al-Farid Farag Yusuf al-Ani. Die Entwicklung der Bühnendramatik bleibt jedoch weiterhin schwierig. Das hat verschiedene Ursachen. Sie begann sehr spät und konnte sich weder unter Schaffensaspekten noch hinsichtlich eines interessierten Publikums auf ein nennenswertes arabisches Theatererbe stützen. Die Entwicklung setzte zu einer Zeit ein, in der das Genre des Fernsehfilmes bereits seinen alles dominierenden Siegeszug angetreten hatte. Das schwächte die Position des Theaters nachhaltig und behinderte außerdem die Entwicklung der Romanliteratur wie auch die der Kurzgeschichte. Aus diesem Grunde eroberte sich das Fernsehdrama seinen Platz im neuen, im modernen „Diwan der Araber“. Man muss sogar gestehen, dass das Fernsehdrama zur beherrschenden Literaturgattung in der arabischen Kultur schlechthin geworden ist – wenn man denn überhaupt in diesem Fall von einer Literaturgattung sprechen möchte. Auf jeden Fall ist diese Art Drama inzwischen in der arabischen Kultur fest verankert – und zwar auf Kosten der gelesenen Literatur, ob es sich nun um Romane, Kurzgeschichten oder um Lyrik handelt, oder eben auf Kosten der Bühnendramatik. Es hat jene große Masse des Publikums, das über keine festen Lesegewohnheiten verfügte, bereits an sich gezogen. Problematisch ist ebenso, dass die Fernsehdramatik eine große Zahl von Schriftstellern an sich bindet, die sich dem Verfassen von Fernsehszenarien zuwenden und darin miteinander wetteifern.

Auch die lyrische Poesie, jene uralte Gattung, die in der arabischen Literatur so tief verwurzelt ist, hat sich im Laufe der Zeit stark verändert. Nachdem ihre traditionelle Form, die als „klassische Qasida“ bekannt ist, lange dominierte, etablierten sich in der modernen arabischen Literatur neue Formen einer Lyrik, die sich von den Fesseln des Metrums und des Reims mehr oder weniger befreite. Zunächst entstand die „metrische Qasida“, die das klassische Versmaß noch weitgehend bewahrte, später dann die „Prosa-Qasida“, die sich vollständig von den Zwängen des Metrums und des Reimes befreite und an deren Stelle eine Art von „poetischer Musik“ setzte. In beiden Fällen stoßen die Neuerer auf den Widerstand der Konservativen, und zwischen beiden Seiten entbrannte eine heftige Diskussion, in der moralische und ideologische Argumente angeführt werden. Die Gegner der Prosa-Qasida gingen sogar soweit, die Anhänger dieser Art poetischer Innovation zu Verrätern zu erklären und die ganze Entwicklung als Verschwörung gegen die arabische Literatur zu betrachten. Zwar ist die Schlacht um die Prosa-Qasida noch nicht gewonnen, inzwischen wurde aber klar, dass all der aufgewirbelte Staub und der entstandene Lärm ihre Anhänger nicht davon abhalten wird, sie zu schreiben oder zu lesen. Trotz der Abneigung oder gar der Feindschaft zwischen den Anhängern der klassischen Qasida und den Befürwortern der metrischen sowie der Prosa-Qasida existieren heute alle drei Formen der lyrischen Poesie in der arabischen Dichtung nebeneinander. Und jede hat ihre Verfasser und Leser.

Längst ist es an der Zeit, dass solche Auseinandersetzungen aus unserem Literaturleben verschwinden. Wir sollten jedem Autor das Recht zubilligen, die stilistische Form zu wählen, die er für angemessen hält, und ihn nicht mit Fanatismus bestrafen oder mit dem Vorwurf, ein Verräter oder Verschwörer zu sein. Denn das wirkliche Problem, mit dem unsere lyrische Poesie zu kämpfen hat, sind nicht die literarischen Glaubenskriege, sondern die breite Kluft zwischen den Poeten und den Lesern. Wir haben heutzutage eine große Anzahl an Leuten, die Gedichte schreiben, aber nur ein kleiner Teil ihres poetischen Werkes wird veröffentlicht und dieser findet am Ende auch nur eine kleine Zahl Leser. Wie viele schreiben heutzutage Gedichte und wie wenige lesen sie! Deshalb ist es äußerst wichtig, dass wir für die moderne arabische Dichtung nach Wegen suchen, ein Publikum zu finden, und zwar dadurch, dass wir sie an Orten unter die Menschen bringen, an denen sie sich einfinden, um sich von anderen kulturellen Erzeugnissen unterhalten zu lassen, zum Beispiel von Fernsehdramen, Romanen und Kurzgeschichten. In dieser Sache müssen wir uns den Kopf zerbrechen und kreative Lösungen suchen, und wir sollten von den Erfahrungen lernen, die in anderen Kulturen auf diesem Gebiet gemacht werden, denn die Krise der lyrischen Poesie herrscht weltweit.

Zwischen Innovation und Tradition

Fremde Einflüsse waren und sind ein entscheidender Motor jener künstlerischen und thematischen Veränderungen, die die arabische Literatur seit dem Ende des 19. Jahrhunderts erfahren hat und die sie zu einer modernen Literatur gemacht haben. Der Einfluss westlicher Literatur auf die arabischen Autoren war zu Beginn so stark, dass viele Werke der zeitgenössischen arabischen Literatur wie Nachahmungen von Werken westlicher Autoren wirkten. Aber es dauerte nicht lange, da eroberte sich die arabische Literatur ihre Ursprünglichkeit zurück und entwickelte einen eigenen Charakter. Es ist zwar richtig, dass diese fremden Einflüsse immer noch vorhanden sind, aber ihre Intensität hat abgenommen, sie stören die ganz eigene Prägung der arabischen Literatur nicht mehr. Inzwischen ist die moderne arabische Literatur in der Lage, jene schöpferische Balance zu wahren, die jede gute Literatur braucht, nämlich die zwischen der Offenheit gegenüber fremden Literaturen auf der einen Seite, um von den künstlerischen Errungenschaften anderer profitieren zu können, und der Wahrung ihres besonderen nationalen Charakters auf der anderen Seite.

Diese Balance erlangte die moderne arabischen Literaten mit unterschiedlichen Mitteln. Am wichtigsten war dabei die Hinwendung zum arabischen Erbe und zu dessen Anwendung in den literarischen Werken. Die Schriftsteller empfingen ihre Inspiration aus dem mythischen, volkstümlichen, literarischen, geschichtlichen und religiösen arabischen Erbe und verwendeten es schöpferisch. Das half dabei, der modernen arabischen Literatur einen besonders innovativen Charakter zu verleihen. Die Anwendung literarischer Techniken der internationalen Literaturmoderne auf der einen Seite und die Inspiration durch das arabische Erbe auf der anderen Seite sind zwei Schlüssel zum Erleben der zeitgenössischen arabischen Literatur, die inzwischen reich an Phänomenen des Zusammenspiels arabischer wie internationaler Elemente ist. Einige Kritiker allerdings können diese grundsätzliche Wahrheit nicht akzeptieren und sehen in der von fremden Einflüssen und vom arabischen Erbe gleichermaßen inspirierten arabischen Literatur Plagiate, die mit dem ursprünglichen Wesen der arabischen Literatur nichts mehr zu tun haben und die der Qualität des literarischen Schaffens insgesamt schaden.

Jedes Mal, wenn einer dieser Kritiker einen solchen Fall entdeckt zu haben glaubt, beeilt er sich zu verkünden, er habe „einen Dieb auf frischer Tat ertappt“. So behauptete einer der Kritiker einst, dass Saadallah Wannus’ Theaterstück „Der König ist der König“ von Bertolt Brechts „Mann ist Mann“ beeinflusst worden sei, und ein anderer enthüllte, dass der Roman „Die Geschichte eines Seemanns“ von Hanna Mina einer Geschichte eines obskuren russischen Autors entstamme, während ein dritter herausfand, dass Adonis von einem französischen Dichter beeinflusst worden war. Der große Lärm, der sich um Mahmud Darwischs Qasida „Ich bin Yusuf, Vater“ erhob, nachdem sie der libanesische Sänger Marcel Khalifa gesungen hatte, und der Versuch, damit einen religiösen Streit zu provozieren, ist ein weiteres schreiendes Beispiel für die eklatante Verkennung eines der elementarsten Grundsätze moderner arabischer Literatur, nämlich der Inspiration durch das arabische wie durch das internationale Erbe gleichermaßen.

Frauenliteratur auf dem Vormarsch

Niemand in der arabischen Welt wundert sich, wenn ein Mann schriftstellerisch tätig ist. Das gehört zur Tradition und zum kulturellen Erbe in der Region, anders sieht es jedoch aus, wenn es Frauen sind, die Literatur verfassen. Zwar gibt es in der arabischen Literaturgeschichte immer wieder auch Schriftstellerinnen, wie zum Beispiel al-Khansa oder Wallada, aber das Gewicht der Frauen unter den arabischen Literaten blieb in der Regel nur marginal. In der modernen arabischen Literatur ist jedoch ein bemerkenswerter Fortschritt auf diesem Gebiet zu verzeichnen, denn analog zu der wachsenden Zahl der Frauen, die sich als Schriftstellerinnen betätigen, ist auch ihre Rolle im Literaturbetrieb der arabischen Welt wichtiger geworden.

Das ist die Frucht gesellschaftlicher, kultureller und politischer Vorgänge, die in ihrer Gesamtheit zu beschreiben hier der Platz nicht ausreicht. Heutzutage gibt es keine Literatur eines arabischen Landes, in der nicht Frauen schriftstellerisch tätig sind, auch in Ländern mit konservativen Gesellschaftssystemen. Zeigt nun das literarische Schaffen von Frauen andere künstlerische Merkmale als das der Männer? Ist es gerechtfertigt, von einer weiblichen Literatur zu sprechen? Nicht zuletzt hat es vor allem auch die Männer unter den Literaten immer wieder überrascht, dass es berühmte arabische Schriftstellerinnen waren, Autorinnen von beachtlichem Ansehen wie Ghada as-Samman, die es ablehnten, von einer weiblichen Literatur zu sprechen. Ihrer Ansicht nach kann man Literatur in gute und schlechte Bücher unterteilen, aber eher nicht – entsprechend des Geschlechtes des Verfassers – in männliche und weibliche. Trotzdem ist es wohl so, dass die Literatur von Frauen ihre inhaltlichen und ästhetischen Eigenheiten hat, die sie von der der Männer abhebt, und dass es etwas gibt, das die Kritikerin Dr. Magida Hammud die weibliche literarische Rede genannt hat.

Ebenso kann man feststellen, dass sich die Werke arabischer Schriftstellerinnen eines weltweiten Zuspruchs erfreuen, der die Solidarität mit der arabischen Frau in ihrem Streben nach Freiheit und Gleichberechtigung deutlich macht. Werke zeitgenössischer arabischer Schriftstellerinnen sind bei den Übersetzungen von arabischer Literatur ins Deutsche und in andere Sprachen stark vertreten. Der Beitrag der Frauen zur modernen arabischen Literatur hat sich bereits als ein grundsätzlicher Bestandteil dieser Literatur erwiesen.

Der kleine Araber

Trotz der Stagnation der arabischen Kultur, trotz des teilweisen Niederganges der Kultur des Lesens erfreut sich eine für arabische Verhältnisse relativ neue Art von Literatur wachsender Beliebtheit: die Kinder- und Jugendliteratur. Bücher für die kleinen Leser beeinflussen die Heranwachsenden in großem Maße, und sie formen ihre Auffassungen und ihr Bewusstsein. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass es auf dem Gebiert der Kinder- und Jugendliteratur eine harte Konkurrenz zwischen verschiedenen ideologischen und politischen Richtungen gibt. Es gibt zahlreiche Zeitschriften für arabische Kinder, in fast jedem arabischen Land mindestens eine. Einige überschreiten den regionalen Rahmen und werden überregional in mehreren arabischen Ländern vertrieben, wie zum Beispiel die Zeitschrift „Magid“ aus den Vereinigten Arabischen Emiraten sowie „Der kleine Araber“ aus Kuwait. Es gibt Schriftsteller, die sich auf das Verfassen von Kinder- und Jugendliteratur spezialisiert haben, andere widmen nur einen Teil ihres literarischen Schaffens diesem Publikum. Ein nicht zu vernachlässigender Teil dieser Literatur ist mehr Entlehnung und Nachbildung, denn originäres literarisches Schaffen, besonders bei vielen arabischen Theaterstücken für Kinder. Trotzdem entwickelte sich die arabische Kinder- und Jugendliteratur zu einem wichtigen Bestandteil des zeitgenössischen arabischen Literaturbetriebs.

Die arabische Literaturkritik

Zu den neuen alten Problemen, mit der sich die zeitgenössischen arabischen Schriftsteller beschäftigen müssen, gehört das angespannte Verhältnis zwischen dem literarischen Schaffen auf der einen Seite und der Literaturkritik auf der anderen Seite. Die Schriftsteller haben ihre Meinung von den Kritikern, und die lässt sich im Grunde in der Behauptung zusammenfassen, dass die moderne arabische Literaturkritik, ganz besonders die akademische, nicht auf angemessene Weise mit der literarischen Entwicklung Schritt hält. Die Kritiker missachten die jungen Schriftsteller und die neue Literatur und konzentrieren ihre kritischen Bemühungen auf die bekannten Autoren. Dies etabliert einige Literatennamen und beschert denen das Dasein von Starautoren, während neue Namen in ihrem Schatten bleiben, egal wie groß ihr Talent ist. Selten beschäftigt sich die akademische Literaturkritik mit einem modernen Autor, solange dieser noch am Leben ist. Manchmal scheint es, als ob der Autor erst sterben müsse, bevor er die Aufmerksamkeit der Kritiker erregt und sie beschäftigt. Obwohl die akademischen Kritiker gleichzeitig Universitätsprofessoren sind, schrecken sie vor der Forschung über die zeitgenössische arabische Literatur zurück und erlauben ihren Studenten nicht, darüber Studien und Universitätsarbeiten zu schreiben. Außerdem ist das, was diese Kritiker verfassen, in den meisten Fällen kompliziert und unklar geschrieben sowie schwer zu verstehen. Das hilft dem Leser nicht gerade, sich literarischen Werken zu nähern.

Die journalistischen Kritiker werden darüber hinaus von einer großen Zahl zeitgenössischer arabischer Autoren beschuldigt, Cliquen zu bilden, Freunde zu begünstigen, launisch und oberflächlich zu sein sowie vorschnell den ersten Eindrücken zu folgen, wenn sie ihre kritischen Urteile fällen. Offensichtlich herrscht eine große Unzufriedenheit mit der Literaturkritik, denn selten liest man ein Interview mit einem zeitgenössischen arabischen Schriftsteller, ohne dass darin beißende Kritik an den Literaturkritikern formuliert wird. Vielleicht ist es diese Unzufriedenheit, die einige der Autoren dazu veranlasst hat, selbst Literaturkritik zu betreiben. Inzwischen schreiben so viele zeitgenössische arabische Autoren Literaturkritiken, dass man dieses Phänomen als „Kritik der Autoren“ bezeichnet. In jedem Fall besteht eine Kluft zwischen der arabischen Literaturkritik und der zeitgenössischen arabischen Literatur. Diese Kluft raubt der Kritik die Fähigkeit, ein Mittler und ein Qualitätskontrolleur zwischen der zeitgenössischen arabischen Literatur und ihren Lesern zu sein.

Die Sehnsucht nach der Welt

Selbstverständlich beschränkt sich die Beziehung der modernen arabischen Literatur zu nichtarabischen Literaturen nicht allein auf die Aufnahme fremder Einflüsse. Die zeitgenössischen arabischen Autoren streben danach, dass ihre Werke in andere Sprachen übersetzt werden. Die Welt soll auf diese Werke und ihre Themen und Inhalte schauen, und sie soll die Welt der Araber dadurch besser kennen lernen. Das arabische Interesse an der internationalen Wirkung der eigenen Literatur ist in wenigen Jahren stark gestiegen. Ein Zeichen dafür ist ein Projekt der „Vereinigung der arabischen Schriftsteller und Autoren“, das die Übersetzung von 105 arabischen Romanen in die wichtigsten internationalen Sprachen zum Ziel hat, unter anderen auch in die deutsche Sprache. Dieses Projekt spiegelt das Streben der zeitgenössischen arabischen Autoren nach einer besseren Aufnahme ihrer Literatur in der Welt wider. Genau das soll durch die Übersetzung derjenigen literarischen Werke geschehen, die von arabischer Seite als die besten der modernen und zeitgenössischen arabischen Literatur angesehen werden.

Auch wenn das Streben der arabischer Autoren nach globalem Respekt lange Zeit erfolglos war, so hat dieses Streben jedoch einmal, und zwar im Jahre 1988, Früchte getragen mit der Verleihung des Literatur-Nobelpreises an den ägyptischen Autor Nagib Machfus. Diese Auszeichnung nährte das Selbstvertrauen der arabischen Autoren und das Vertrauen in ihre Werke und weckte das Interesse der Welt an der modernen arabischen Literatur. Aber auch die Verleihung weiterer internationaler Literaturpreise und Auszeichnungen, beispielsweise an Adonis, Muhammad Darwisch, Assia Djebar, Taher Ben Jelloun und Ahdaf Suwaif, hatte eine positive Wirkung auf das Selbstverständnis der zeitgenössischen arabischen Literaten, ebenso die Berufung der arabischen Welt zum Ehrengast der Frankfurter Buchmesse im Jahre 2004. Trotz dieser Erfolge: Bis heute gibt es in den arabischen Staaten keine angemessenen Programme zur Förderung der Übersetzung arabischer Literatur in fremde Sprachen.

Schlussbemerkung

Inmitten schwieriger gesellschaftlicher, kultureller und politischer Verhältnisse und in einer Umgebung, die dem literarischen Schaffen nicht viel Unterstützung und Schutz gewährt, bildeten sich die vorstehend skizzierten Grundzüge der modernen arabischen Literatur heraus. In dem Maße, wie die Umgebung ihre Autoren unter Druck setzte, geriet die Entwicklung dieser Literatur ins Straucheln. Nicht selten wurde sie bei ihrer Aufgabe der Widerspiegelung arabischer Gesellschaften und ihrer Probleme marginalisiert, trotzdem war die moderne arabische Literatur gleichzeitig auch immer in der Lage, sich künstlerisch und inhaltlich weiterzuentwickeln. Sie ließ sich von fremden Einflüssen und vom arabischen Erbe inspirieren und entwickelte dabei einen eigenen, ursprünglichen Charakter. Sie nahm große Schritte in Richtung ihrer Internationalisierung und unterstützte dabei durchaus auch selber das Phänomen der Zunahme der Anzahl an Übersetzungen weltweit, das seit dem letzten Viertel des vorherigen Jahrhunderts zu beobachten ist. Es ist anzunehmen, dass die moderne arabische Literatur ihren schöpferischen Weg fortsetzen wird – mit Hilfe kultureller Techniken, die sich weiterentwickeln werden, nicht zuletzt auch auf dem Gebiet der elektronischen Publikationsmittel sowie vor dem Hintergrund tiefgreifender sprachlicher Veränderungen, hin zu einer weiteren kulturellen Globalisierung, der sich die arabische Nation nicht verschließen kann. Diese Entwicklungen stellen die moderne arabische Literatur vor neue Herausforderungen, bieten ihr gleichzeitig aber auch die gute Gelegenheit, einen gebührenden Platz innerhalb der modernen Weltliteratur einzunehmen.

Der Autor ist Professor für vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Damaskus. Zu seinen Publikationen gehören unter anderem Werke wie „Der moderne deutsche Roman – eine zukunftsorientierte vergleichende Studie“, „Die moderne deutsche Erzählung im Lichte ihrer Übersetzung ins Arabische“, „Das Exil der Texte – Studien zur literarischen Übersetzung und zum Kulturaustausch“, „Der Literaturvergleich – Probleme und Horizonte“. Der Autor ist Koordinator des Vorbereitungskomitees für die Konferenz „Die Literatur und der Dialog der Zivilisationen“, deren erstes Forum die Universität Damaskus geschaffen hat.

Übersetzt von: Georg Placzek