Adan Kovacsics - Übersetzer

Die "Bedeutung" der deutschen Bibliothek
Adán Kovacsics: der Leser im Winkel

Adan Kovacsics ist in Santiago de Chile geboren, er studierte in Wien und seit 1980 lebt er in Barcelona und arbeitet als literarischer Übersetzer, insbesondere von österreichischen und ungarischen Autoren. Daneben hat er zahllose Beiträge und Artikel über Literatur geschrieben.

Am logischsten  wäre es wohl gewesen, einfach mit dem Text zu beginnen, um den mich der Leiter des Goethe-Instituts gebeten hatte. Ende Mai 2005 war Abgabedatum, und ich sollte auf höchstens drei Seiten die Bedeutung des Instituts für mich persönlich herausstellen. Denn so, wie die Sprache über das (seltsame) Wort „Bedeutung“ verfügt, gibt es im Leben ebenfalls Zeiten oder Situationen, in denen etwas Bedeutsames offenkundig wird: Andernfalls würde unsere Sprache vermutlich den Ereignissen nicht gerecht werden.

Dagegen neigt die Sprache dazu, diese Momente der Vergessenheit anheim zu geben und unerschütterlich die Bürde der weit von ihrem Ursprung entfernten Worte zu tragen. Vergessen stellt sich unweigerlich ein, erst recht, wenn es sich um Zeiten großer Katastrophen handelt. Genau aus diesem Grund erinnere ich mich nur noch bruchstückhaft der Katastrophe mit der Bibliothek des Goethe-Instituts, durch die mir ihre (seltsame) Bedeutung erst bewusst wurde.

Selbstverständlich entsinne ich mich der unzähligen Male, die ich in den achtziger Jahren den langen Gang im vierten Stock des Gebäudes auf der Gran Via entlangging, wo außerdem – ob aus Zufall oder nicht – das chilenische Konsulat untergebracht war. Ich schritt als Bürger jenes Landes an Tür und Wappen von Chile vorbei und spürte diese Angst, die Diktaturen einflößen. Nach dieser düsteren Tür kam eine weitere, geheimnisvolle Tür, die fast immer offen stand und die, wenn ich mich nicht irre, zu einem gewissen American Visitors’ Bureau gehörte. Im Innern waren übereinander gestapelte Schachteln und Koffer zu erahnen, die den Eindruck erweckten, als seien sie schon vor dem Krieg dort liegen geblieben, ohne dass jemand sie vermisste. Hatte man einmal diese Klippe umschifft, kam man schließlich zum Eingang des Goethe-Instituts, zur Bibliothek mit ihren unzähligen Schätzen.
Nach dem Vorraum gelangte man in einen L-förmigen Raum, der gerade wegen dieses Zuschnitts zwei Aufenthaltsmöglichkeiten bot: Den Bereich an der Tür, für soziale Kontakte geeignet, nah an den Zeitungen und den Personen, die ein- und ausgingen, oder den einsamen, spirituellen oder monströsen Bereich im hintersten Winkel, so wie am Ende einer Sackgasse Dort standen in den Regalen die Werke von Novalis, Nietzsche, Rilke, Benjamin, Celan, Adorno und vielen anderen, so hell erleuchtet von den dicht stehenden Lichtstrahlern, dass sie aufzulodern schienen. Ein- oder zweimal pro Woche setzte ich mich dort hin, sei es zum Lesen oder um die Bücher auszusuchen, die ich mit nach Hause nehmen wollte. Mit der Zeit wurde mir bewusst, dass es immer dieselben waren. Ein ums andere Mal widerfuhr mir das gleiche, ein klares Zeichen für einen Teufelskreis, bei dem ich einen Titel herausnahm, der mir wichtig erschien, nur um dann gleich darauf meinen Namen auf der Karteikarte vorzufinden. Wie teuflisch auch immer, ich richtete mich aufs Bequemste in diesem Kreis ein. 

Sehr viel später, in den neunziger Jahren, geschah es dann: die Katastrophe! Am Ende des endlosen Korridors angelangt, vorbei an der inzwischen schon freundlicheren Konsulatstür und dem noch immer unerforschten American Visitors’ Bureau fand ich die Bibliothek hermetisch verschlossen vor.

Vermutlich hatte sich das Ganze so abgespielt: Die lodernde Glut, die von den Büchern in besagtem Winkel ausging, hatte ein paar Beamte, die Feuerwehrleute heißen (und die ich mir beim besten Willen nicht anders als mit riesenhaften Helmen vorstellen kann) aus dem Rathaus von Barcelona auf den Plan gerufen, die dann nach eingehender Betrachtung der Lage die Schließung des Instituts anordneten. Im Detail bin ich über die verschiedenen Gründe nicht im Bilde, aber ganz gewiss hatte es mit diesem hintersten aller Anhänge, mit dem Lichtstrahler zu tun, der der am hellste glühende Punkt der deutschen Literatur war. Nun gab es keinen Zugang mehr. Gestattet war nur die Rückgabe der Bücher, die noch vor dem Geschehnis entliehen worden waren, und weitschweifige, selbstgefällige Spekulationen über die Ursachen der Schließung und über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Bibliothek sowie die Beteiligung an einer Verschwörung zur umgehenden Lösung dieser schmerzhaften Aussperrung, die zur Folge hatte, dass zahllose sich nach Büchern verzehrende Heißhungrige ratlos und gierig auf der Suche nach einem Ersatz umherirrten. Es kam vor, dass sich zwei arme Ausgestoßene in Stadtvierteln wie der Ribera oder dem Raval auf der Straße trafen und einer zum anderen sagte: „Am Soundso-Platz ist eine Bibliothek, die so in etwa...“ Letztendlich waren dann doch all diese Hinweise enttäuschend. Sie nutzten gerade mal dazu, sowohl die durch die abgesperrte Bibliothek entstandene Lücke als auch unsere Unbeholfenheit zu bestätigen, kostete es doch ungeheure Mühen, uns ohne die Bibliothek in der Welt zurechtzufinden. Manch einer ging sogar so weit, der Bibliothek XY vorzuschlagen, die Regeln und Öffnungszeiten der nun unzugänglichen Goethe-Bibliothek zu übernehmen. Und so vergingen die Jahre des Exils, die uns die (seltsame) Bedeutung dieser Bibliothek offenbarten.

Eines Tages sprach ich einen der Bibliotheksnutzer an und erfuhr, dass sich eine Gruppe gebildet hatte, die eine Liste der Betroffenen aufgestellt und eine Eingabegeschrieben hatte, die den Zuständigen auf höchster Ebene überreicht worden war. Wie immer habe ich erst zu spät davon erfahren. Ich sage, wie immer, weil es mir nicht gelungen ist, auch nur einen einzigen Brief oder eine Erklärung mit zu unterzeichnen. Bei allen Gelegenheiten kam ich zu spät, und mir war nicht klar, ob mir das unbeabsichtigt oder willentlich passierte. Nur eines wusste ich zu dieser Zeit genau: Auf meine Frage, warum man sich nicht mit mir in Verbindung gesetzt hatte, antwortete mir der Befragte: „Weil wir dich niemals dort gesehen haben.“
Natürlich! Der abgelegene Winkel!
In den neuen Räumen des Goethe-Instituts in der Calle Manso gibt es keinen solchen Winkel mehr. 
 

Adan Kovacsics
Übersetzer

Aus dem Spanischen übersetzt

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