Thomas Ostermeier - Theaterregisseur

Der Würgeengel

Thomas Ostermeier (Soltau, 1968) studierte Regie an der Hochschule für Schauspielkunst in Berlin. Von 1996 bis 1999 war er Regisseur und Künstlerischer Leiter der Baracke am Deutschen Theater in Berlin. Seit 1999 ist er Regisseur und Mitglied der Künstlerischen Leitung der Schaubühne.
Vom Leiter des Festivals d'Avignon wurde er zum "artiste associé" 2004 berufen und stand damit im Mittelpunkt des Festivals jenes Jahres.

Vom 16. bis zum 18. September 2005 war die Schaubühne mit dem Stück Würgeengel beim Teatre Lliure zu Gast. Die Aufführung fand in deutscher Sprache mit katalanischen Untertiteln in Kooperation mit dem Goethe-Institut statt. Wir befragten Thomas Ostermeier am Abend unmittelbar nach der Premiere.

Herr Ostermeier, gerade ist die Premiere Ihrer Version des Würgeengels hier in Barcelona zu Ende gegangen. Wie kam es zu dieser Aufführung? Es ist ja ungewöhnlich, dass eine deutsche Bühne ein Stück, das auf einem spanischen Stoff basiert, in Barcelona aufführt.
Also ich muss gestehen, dass wir noch nicht daran gedacht haben, dass wir es irgendwann hier spielen würden, als wir es in Deutschland vorbereitet haben. Die Idee rührte von dem Stoff her, den ich so stark fand. Der Film ist gar nicht so sehr Vorbild gewesen, sondern die zugrunde liegende Idee, dass Leute in einem Raum eingeschlossen sind, aus dem sie nicht mehr entkommen können. Und wenn sie entkommen, sind sie auf dem Friedhof. Das ist einfach eine starke Theatersituation. Hinzu kommt der Hintergrund einer ehemals linken, jetzt sehr etablierten Bourgeoisie, die mit allen Ihren verlorenen Hoffnungen und Sehnsüchten strandet.

Wir sind mit Àlex Rigola schon seit Jahren in Kontakt und hatten diese Aufführung bereits im letzten Jahr beim Festival in Avignon diskutiert. Ich zeigte Àlex Fotos von der Aufführung und er war so interessiert, dass er später nach Berlin kam, um sich die Aufführung anzusehen. Natürlich habe ich mich riesig gefreut, als er schließlich sagte, er würde das Stück gerne in Barcelona zeigen. Es ist ja etwas ganz Besonderes, mit so einem Stoff hierher zu kommen.

Wie sind Sie mit der Aufführung zufrieden, mit den Publikumsreaktionen?
Also ich finde, besonders ein Moment, der mir immer besonders wichtig ist, nämlich das Schwanken zwischen Schrecken, Tragik und Komik, wurde von dem spanischen Publikum wirklich sehr gut verstanden. Ich glaube, dass auch die Tatsache dazu beiträgt, dass dies hier eine, wenigstens ehemals, sehr katholische Region ist und dadurch viele Anspielungen besser verstanden wurden als in Berlin.

Inspirieren Sie ihre häufigen Aufenthalte in Barcelona, die ja alle in Kooperation mit dem Goethe-Institut zustande kamen, zu neuen Ideen? Welche Projekte entstehen daraus?
Von mir gäbe es natürlich den großen Wunsch, Àlex Rigola zu uns nach Berlin einzuladen. Ich habe vor kurzem von ihm die Heilige Johanna der Schlachthöfe von Brecht gesehen. Es war eine Super-Aufführung. Die hätte ich gerne in Berlin. Wir haben allerdings vom Senat in Berlin die Auflage, mit unserem Budget ausschließlich zu produzieren. Wir dürfen keine Gastspiele mehr einladen, um den Gastspielbühnen in Berlin keine Konkurrenz zu machen. Das ist eine neue Linie, die herausgegeben wurde. Ich versuche jetzt natürlich wenigstens, dieses und andere Stücke von Àlex anderswo zu empfehlen. Ich bin ja viel in der Welt unterwegs.

Eine andere Sache ist, dass Alex mir angeboten hat, hier im Teatre Lliure in Barcelona zu arbeiten. Das würde ich sehr gerne machen, wenn es die Zeit erlaubte. Allerdings könnte das noch ein paar Jahre dauern.

Wie kam der Austausch mit Àlex Rigola eigentlich zustande?
Das ist nun schon so viele Jahre her! Àlex gehört zu den wenigen Regisseuren, die sich auch für andere Arbeiten interessieren. Er reist sehr viel, ist sehr viel in Berlin, sieht sich jeden Sommer in Avignon die neuen Stücke an. Ein Festival in Avignon war die Wurzel. Daraus ist eine wichtige Partnerschaft der beiden Theater entstanden, in der das Goethe-Institut eine wichtige Rolle spielt.

Herzlichen Dank für das Gespräch

Thomas Ostermeier ist
Theaterregisseur und Künstlerischer Leiter der Schaubühne



Die Schaubühne hat in den letzten Jahren ein großes zeitgenössisches Repertoire der interessantesten deutschsprachigen und internationalen Stücke aufgebaut, inszeniert von profilierten und anerkannten Regisseuren wie Thomas Ostermeier, Luk Perceval, Falk Richter und Benedict Andrews. Viele der Stücke kommen über das Festival Neue Internationale Dramatik (FIND) nach Deutschland und damit an die Schaubühne, denn dieses Festival präsentiert Autoren, die erstmals ins Deutsche übersetzt werden, mit ihren Texten in szenischen Lesungen und ebnet ihnen damit den Weg zu einer Inszenierung für das Repertoire der Schaubühne und anderer deutschsprachiger Theater.

Beispielhaft für diesen Weg ist die Aufführung des spanischsprachigen Stückes „Die Dummheit/La Estupidez“ des Argentiniers Rafael Spregelburd, das in der vergangenen Saison (2004) erstmalig in deutscher Sprache auf dem FIND vorgestellt wurde. Das Stück ist Teil eines Zyklus von sieben Werken, in denen Rafael Spregelburd die modernen Äquivalente der tradierten Todsünden beschreibt. Nach den ersten Teilen „Die Appetitlosigkeit“, „Die Überspanntheit“ und „Die Bescheidenheit“ bezieht sich das vierte Stück „Die Dummheit“ auf die Sünde der Habgier und des Geizes. Durch die Verflechtung moderner Trivialmythen mit literarischen Verweisen von Dante bis Tschechow gelingt Spregelburd eine hochintelligente Komödie.

Die Kultur des Übersetzens, hier spezifisch der Transport und die Transformation von dramatischen Texten, ist die unersetzbare Quelle für die Vitalisierung und Fortentwicklung der Künste, gerade auch des Theaters. Besonders das deutschsprachige Theater hat ja unübersehbar von dem nicht abreißenden Strom der Autoren und Texte profitiert, der in die deutsche Sprache hineingeholt worden ist. So ist es uns gelungen, aus Shakespeare einen deutschen Dramatiker zu machen. Umgekehrt erleben zeitgenössische deutsche Autoren wie Marius von Mayenburg, Roland Schimmelpfennig, René Pollesch und Falk Richter gerade in Chile zunehmende Popularität und fortlaufend neue Inszenierungen auf Spanisch.

Doch dieser Strom bedarf einer Infrastruktur aus Institutionen und Menschen und der Beziehungen, die sie untereinander aufbauen, um zu fließen. Es ist ein Netzwerk der Arbeitsbeziehungen, das es ermöglicht, Texte, aber auch ihre szenische Umsetzung, zu transportieren und für einen fremden Rezipienten sichtbar und fruchtbar zu machen. Dieses Netzwerk besteht aus den Theatern, die durch den Austausch von Theaterstücken und Gastspielen über die Sprachgrenzen hinweg ihre unterschiedlichen künstlerischen Traditionen und inhaltlichen Positionen in Konfrontation und Austausch bringen für die beteiligten Künstler und ihr Publikum.

Die Schaubühne am Lehniner Platz versteht sich unter der künstlerischen Leitung von Thomas Ostermeier als das internationale Theater Berlins, genauer gesagt als das Autorentheater der internationalen neuen Dramatik. Das ist einzigartig, denn traditionell teilt sich die Theaterlandschaft in Berlin, aber auch in anderen deutschsprachigen Städten und Ländern, in die Stadttheater mit eigenem festen Ensemble, die ein Repertoire von hauptsächlich klassischen und einigen wenigen zeitgenössischen Stücken produzieren, und in die Spielorte, die ihrem städtischen Publikum ein internationales Gastspielprogramm präsentieren.

Im idealen Fall werden Theater wie die Schaubühne in Berlin und das Teatre Lliure, Regisseure wie Thomas Ostermeier und Àlex Rigola, von den Kulturinstituten ihrer Länder dabei unterstützt. So wie das Goethe-Institut in Barcelona Ostermeiers Inszenierung einer Bearbeitung von Luis Buñuels Würgeengel durch den Holländer Karst Woudstra den Weg zurück nach Katalonien ermöglicht hat.

Jens Hillje und Thomas Ostermeier
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