Überleben

Gartenzwerge von vorgestern

Foto (Ausschnitt): Alper Çuğun (alper @flickr), CC BY 2.0Foto (Ausschnitt): Alper Çuğun (alper @flickr), CC BY 2.0

Foto (Ausschnitt): Alper Çuğun (alper @flickr), CC BY 2.0


Die sogenannte „Alternative für Deutschland“, kurz AfD, ist der Krisengewinnler in der deutschen Parteienlandschaft. Ihren politischen Profit zieht die AfD aus der Krise, die Europas Banken und Finanzmärkte in den vergangenen Jahren erschüttert hat.

Und aus der Leichtgläubigkeit vieler Menschen, die sich ein schnelles, bequemes und im Zweifelsfall auch rabiates Ende dieser Krise wünschen. Die schnelle Lösung der AfD lautet: Weg mit dem Euro! Dieser Slogan ist so griffig, so leicht verständlich, so eingängig – man könnte meinen, die Bild-Zeitung hätte ihn gedichtet. Und tatsächlich hat die größte und dreisteste deutsche Boulevard-Zeitung erst vor einigen Monaten eine große Kampagne gegen „die Griechen“ (Zitat: „Wir zahlen, sie pöbeln“) und andere Südeuropäer vom Stapel gelassen, deren Schlagzeilen gar nicht weit von den Sprüchen der AfD entfernt waren.
Dabei zweifelt die AfD nicht nur an der Sinnhaftigkeit der Währungsunion („Der Euro ruiniert Europa“), sondern auch am Klimawandel (für die AfD nur „Pipi im Baggersee“) und an der Zuwanderung („Einwanderung braucht strikte Regeln“). Dass die AfD ihr klarstes Feindbild allerdings im Euro entdeckt hat, wundert nicht:

Auffallend viele Mitglieder der neugegründeten Partei sind Männer reiferen Alters, die vermutlich noch immer jeden Einkauf in Mark und Pfennige umrechnen. Ein guter Teil der Führungsriege ist außerdem hoch dekoriert und trägt seine Doktortitel wie Orden an der Brust.
Neuerdings jedoch suchen nicht nur saturierte Professoren, sondern auch jede Menge Rechtspopulisten aus anderen Kleinparteien Zuflucht unter dem blauen Banner der AfD. Darum hat die Partei vor kurzem einen Aufnahmestopp verhängt und will nicht mehr automatisch rechte und islamfeindliche Mitglieder zulassen. Innerhalb der AfD wird dieser Schritt allerdings bereits wieder kritisiert: Man wolle auch bei Islamkritik keine „Denkverbote“ hinnehmen. Na dann ...
Ihre Stimmen sammeln die Gartenzwerge um Parteisprecher Bernd Lucke bisher vor allem bei Protestwählern – eine Strategie, die schon anderen Parteien genutzt hat. Wo Merkel den Wählern suggeriert, es gebe keine Alternativen, behauptet die AfD das Gegenteil. Eine klare politische Linie – jenseits vom reinen Euro-Skeptizismus – muss die Partei aber erst noch finden. Bis dahin macht einstweilen die Euro-Rettung den Sündenbock, auf den sich leicht eindreschen lässt.

Für unsere Generation, die im Mathe-Unterricht in Sachaufgaben das Rechnen mit dem Euro-Zeichen gelernt hat, klingt die Parole „Zurück zur D-Mark“ so lächerlich, als wolle jemand ernsthaft wieder Grenzkontrollen in Europa einführen. Und doch haben auch junge Wähler unter 30 Jahren die AfD gewählt. Insgesamt holte die Partei bei der Bundestagswahl Ende September 4,7 Prozent – und das nur ein halbes Jahr nach ihrer Gründung. Sind alle diese Leute gegen den Euro und gegen Europa? Oder einfach nur frustriert und sauer auf die großen Parteien? Das werden wohl erst die nächsten Wahlen zeigen, bei denen die AfD sich entweder behaupten oder klanglos untergehen wird.
Vorerst sieht es so aus, als würde sie sich recht wohlig am rechten Rand einnisten: Führende Parteimitglieder geben ihre Interviews am liebsten der rechten Zeitschrift „Junge Freiheit“. Während Bernd Lucke derweil zu einem Vokabular greift, das einer demokratischen Partei nicht würdig ist: Bei Parteiveranstaltungen sprach er „sozialem Bodensatz“, der durch ungebildete Zuwanderer ins Land komme, und von „Entartungen“ der Demokratie. Ist das Zufall oder wächst da eine neue rechte Partei, die die Bankenkrise für sich und ihre populistischen Ziele ausschlachtet? Inzwischen beklagen sich sogar die rechtspopulistischen Republikaner, dass ihnen die AfD zunehmend ihre Themen klaut.



Stefanie Baum
aus der Nähe von Regensburg. Während ihres Journalistik-Studiums absolvierte sie ein Auslandspraktikum in Buenos Aires; im Rahmen ihrer Diplomarbeit über die Aufarbeitung der argentinischen Militärdiktatur kehrte sie für einen Recherche-Aufenthalt dorthin zurück. Dem Journalistik-Studium folgte ein Master-Studiengang, in dem sie sich nun vor allem mit romanischer Literaturwissenschaft, Philosophie und Kunstgeschichte beschäftigt. Neben ihrem Studium arbeitet sie als freie Journalistin für verschiedene deutsche Printmedien.

Copyright: rumbo @lemania
Januar 2014

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