Überleben

Sozialer Wohnungsbau in der Klemme

Foto (Ausschnitt): James Long (jamespaullong @flickr), CC BY 2.0Foto (Ausschnitt): James Long (jamespaullong @flickr), CC BY 2.0

Foto (Ausschnitt): James Long (jamespaullong @flickr), CC BY 2.0


In Ballungsräumen und Wachstumsregionen mangelt es an günstigem Wohnraum. Lagen die Monatsmieten mittelgroßer Wohnungen zu Beginn des Jahres 2013 im Bundesdurchschnitt bei rund sechs Euro pro Quadratmeter, waren es in Bonn gut acht, in Frankfurt am Main etwas über zehn, in München mehr als 13 Euro. Tendenz steigend. Doch dem sozialen Wohnungsbau, der auch für Einkommensschwächere bezahlbaren Wohnraum sichert, fehlen die Investoren.

„Sagenhaft wohnen im Nibelungenviertel“. Im Bonner Süden baut ein privater Unternehmer 23 luxuriöse Eigentumswohnungen am Rhein. Nur wenige Minuten zu Fuß davon entfernt schlängeln sich Autos an der nächsten Baustelle vorbei: „Lillas Park“, hier entstehen gerade 15 „hochwertige“ Eigentumswohnungen direkt neben einem Tennisclub – Kaufpreis ab 187.500 Euro für 57 Quadratmeter. Für Geringverdiener, Alleinerziehende, Studenten und Rentner wird es immer schwerer, eine Wohnung zu finden, die sie sich leisten können.

Nachfrage steigt, Angebot sinkt

Laut der Stadt Bonn ist der Bestand an staatlich geförderten Wohnungen von rund 14.000 im Jahr 2000 auf rund 12.000 Wohnungen im Jahr 2012 zurückgegangen. Bis 2016 wird dieser Bestand weiter auf rund 8.000 Wohnungen sinken, weil dann für Hunderte von Wohnungen die Mietpreisbindung endet. Öffentlich geförderte Sozialwohnungen dürfen für einen befristeten Zeitraum nur für einen begrenzten Preis vermietet werden. Die Vermieter können die Wohnungen dann zu deutlich höheren Preisen vermieten. Derzeit suchen in der Stadt über 3.000 Menschen mit Berechtigungsschein eine Sozialwohnung. Der Anteil der einkommensschwachen Haushalte, die von 1.000 Euro im Monat leben müssen, liegt mit rund 16 Prozent über dem landesweiten Durchschnitt von knapp 13,6 Prozent. „In den letzten zwölf Jahren hat die Stadt Bonn die Entwicklung zum sozialen Wohnungsbau verschlafen“, kommentiert der selbstständige Schuldnerberater Ulrich Franz die Entwicklung.

Zwei Gründe für den Niedergang des sozialen Wohnungsbaus in Bonn springen ins Auge: Im Jahr 2002 verkaufte die Stadt laut der regionalen Tageszeitung General-Anzeiger sämtliche städtischen Wohnungen. Für rund 87 Millionen Euro gingen knapp 2.500 Wohnungen an ein privates Wohnungsbauunternehmen. Ende 2012, so der General-Anzeiger weiter, hätten zwei Bauunternehmer bereits bewilligte Fördermittel für 106 Mietwohnungen an die Stadt zurückgegeben. Die Investoren begründeten den Schritt damit, dass die Zinsen am Markt nur wenig über denen der staatlichen Förderbank lägen. „Preiswerte Wohnungen werden kaum noch neu gebaut. Selbst die ehemals gemeinnützigen Wohnungsunternehmen bauen vorrangig im oberen Preissegment“, so der Deutsche Mieterbund in seiner Zeitung vom Oktober 2012. In den Universitätsstädten fehlen ebenfalls zehntausende bezahlbare Wohnungen für Studenten.

Tendenz zur sozialen Ausgrenzung?

Die Stadt Bonn wächst wie viele Großstädte zulasten von Geringverdienern, Alleinerziehenden und Rentnern. „Das ist eine ungesunde Entwicklung, es zeichnet sich eine Tendenz zur sozialen Ausgrenzung ab“, bestätigt Mirco Theinen, Geschäftsführer des Mietervereins Bonn. Doch nicht nur dort, überall im Bundesgebiet ist der soziale Wohnungsbau auf dem Rückzug.

Die 2012 im Auftrag des Deutschen Mieterbundes erstellte Studie Bedarf an Sozialwohnungen in Deutschland kommt zu dem Ergebnis, dass einem aktuellen Bedarf von rund 5,6 Millionen Wohneinheiten lediglich 1,66 Millionen staatlich geförderte Wohnungen gegenüberstehen. In den vergangenen zehn Jahren seien im Schnitt 100.000 Sozialwohnungen jährlich vom Markt verschwunden. In Baden-Württemberg, dem Land mit den teuersten Städten für Mieter, verringerte sich die Zahl der Sozialwohnungen von rund 137.000 auf rund 65.000. Waren in Nordrhein-Westfalen 2001 noch rund 844.000 Sozialwohnungen auf dem Markt, waren es 2010 nur noch rund 544.000. Verantwortlich für den Schwund macht die Studie auch hier die Tatsache, dass immer mehr Wohnungen aus der Mietpreisbindung herausfallen. Gleichzeitig werden nur wenige neue Sozialwohnungen mit Preisbindung auf den Markt gebracht. Nur etwa 30.000 neue Sozialwohnungen, davon rund 10.000 neu gebaute, kommen in der Regel jährlich hinzu. Allein um die bestehenden Kapazitäten zu erhalten, müssten es jährlich aber 130.000 staatlich geförderte Wohnungen sein.

Sozialer Wohnungsbau am Ende?

Laut einer Umfrage des Nürnberger Marktforschungsinstituts GfK vom Frühjahr 2012 ist die Mehrheit der Deutschen davon überzeugt, dass Sozialwohnungen auch in Zukunft gebraucht werden. 98 Prozent der Befragten sprachen sich für den öffentlich geförderten Wohnungsbau aus. Selbst die Mehrheit der Besserverdienenden glaubt, dass Sozialwohnungen unverzichtbar sind. Davon sind auch die Politiker in den betroffenen Kommunen überzeugt, doch die Investoren gehen mehrheitlich andere Wege. Ist der soziale Wohnungsbau am Ende?
„Die Hochzeit ist vorbei, der soziale Wohnungsbau geht schwierigen Zeiten entgegen“, sagt Ulrich Ropertz, Geschäftsführer des Deutschen Mieterbundes. Der Trend gehe derzeit in Richtung Handel mit Wohnungen statt zu Wohnungsneubau. Neben dem Profitstreben macht er auch fehlerhafte Prognosen für die Wohnungsnot verantwortlich. Danach hätten die Bevölkerungszahl schrumpfen und die Menschen aufs Land ziehen sollen. Doch tatsächlich sei die Zahl der Einwohner aufgrund von Zuwanderung nicht geschrumpft. Die Zahl der Haushalte werde bis zum Jahr 2025 weiter wachsen – vorwiegend in den Städten.

Christine Hannemann, Professorin am Stuttgarter Institut für Wohnen und Wohnsoziologie glaubt, dass der Mangel an bezahlbarem Wohnraum zu sozialen Spannungen führen wird. Sie ist überzeugt: „Nein, der soziale Wohnungsbau ist nicht am Ende. Im Gegenteil, er wird wieder zu einem gesellschaftlichen Kernthema.“



Arnd Zickgraf
arbeitet als freier Journalist unter anderem für „WDR.de“ und „Spiegel Online“ in Bonn.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
März 2013

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
internet-redaktion@goethe.de

    Rumbo Alemania - Blog

    Auf nach Alemania - das Blog für junge Nomaden

    Mein Weg nach Deutschland

    Eine Website für Deutschlerner, mit vielen Videos, Spielen und praktischen Informationen über das Leben in Deutschland.

    Migration und Integration

    Migration verändert Kulturen