Überleben

Und was machst du so? – Small Talk in Deutschland

Foto (Ausschnitt): Waldemar Merger (paxx @flickr), CC BY 2.0Foto (Ausschnitt): Waldemar Merger (paxx @flickr), CC BY 2.0

Foto (Ausschnitt): Waldemar Merger (paxx @flickr), CC BY 2.0


Der Philosoph Ludwig Wittgenstein sagte „die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“. Ein alltäglicher Plausch verrät Einiges über die deutsche Seele. Um welche Themen dreht sich die Welt bei einem typisch deutschen Small Talk auf der Straße? Wir lesen zwischen den Zeilen.

Sich nach dem Wohlbefinden erkundigen

Hans Müller: „Ja, grüß dich, Michael, lang nicht mehr gesehen, wie geht es dir so?“
Michael Schmitt: „Hallo Hans, stimmt, wir sind uns ja ewig nicht mehr über den Weg gelaufen. Mir geht es ganz gut, danke. Und dir, wie geht es der Frau und den Kindern?“
Hans Müller: „Meine Frau und den Kindern geht es ganz gut, aber ich habe mir letzte Woche die Krampfadern ziehen lassen.“

Ähnlich der englischen Floskel „How are you?“ erkundigen beide sich nach der Gesundheit, um ins Gespräch zu kommen. In die Tiefe geht es bei flüchtigen Bekanntschaften selten. Wenn sich beide etwas besser kennen, kann es aber durchaus direkter zugehen als im englischsprachigen Raum. Beide Gesprächspartner befinden sich hierarchisch auf gleicher Höhe. Geduzt wird nur, wenn man sich etwas näher steht oder länger kennt. Laut und wild gestikulierend geht es bei den beiden nicht zu.

Die momentane Arbeitssituation ausloten

Michael Schmitt: „Oh je. Sag mal, und was machst du sonst so?“
Hans Müller: „Ach, ich arbeite immer noch bei der gleichen Firma. Wir haben einen neuen Chef bekommen. Ist gerade etwas stressig, naja, du kennst das ja. Und bei dir?“
Michael Schmitt: „Ja, ich bin auch gut beschäftigt. Stell dir vor, ich wurde letztens befördert und leite nun ein Team. Macht mir echt Spaß, aber ich sitze natürlich nun auch ziemlich lange im Büro. Meine Freundin beschwert sich schon.“

Beide erkundigen sich mit der Frage „Was machst du sonst so?“ nach der Arbeit. Das ist in Deutschland ganz normal. Der Stellenwert der Arbeit ist hoch und über Arbeit definieren sich viele Menschen. Viele machen Überstunden, auch wenn sie eigentlich lieber mehr Freizeit hätten. Hier vergleichen sich nun beide und die vermeintliche Gleichstellung bröckelt. Bei Hans Müller regt sich Sozialneid. Hans Müller: „Hm, dann fahr doch mal mit ihr in den Urlaub. Wir fliegen dieses Jahr mit den Kindern im Winter nach Thailand.“
Michael Schmitt: „Ja, das ist eine gute Idee. Gerade gestern haben wir eine Woche Mallorca gebucht zum Ausspannen. Einfach mal raus kommen und Sonne tanken. Das Wetter ist eh so schlecht diesen Sommer.“
Hans Müller: „Stimmt, der Sommer ist echt verregnet, auch heute ist wieder ein Mistwetter.“
Michael Schmitt: „Nächste Woche soll es besser werden. Du, Hans, ich muss los. Machs gut und grüß mir die Familie.“
Hans Müller: „Bis bald mal wieder, viel Spaß auf Mallorca!“

Das Machtgefälle hat sich etwas verschoben. Hans Müller kann es sich immerhin leisten, dem kalten Winter nach Asien zu entfliehen. Neben der Arbeit suchen die Deutschen den Ausgleich im Urlaub. Davon haben sie ja auch viel, meist 30 Tage. Viele verreisen innerhalb ihres eigenen Landes, auch wenn der jährliche Badeurlaub ein Muss ist. Mit dem Schimpfen über das Wetter endet die kleine Plauderei. Beide sind sich einig und gehen ihre Wege.

Bettina Erhardt
beobachtet als Ethnologin gerne die Alltagsgewohnheiten der Deutschen. Sie kommt aus München und arbeitet in der Öffentlichkeitsarbeit. Nebenbei arbeitet sie als freie Redakteurin.

Copyright: Todo Alemán
Dezember 2012

Originalsprache: Deutsch

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