Überleben

Rent a Rentner

Foto (Ausschnitt): Gilles VIART @flickr, CC BY 2.0Foto (Ausschnitt): Gilles VIART @flickr, CC BY 2.0

Foto (Ausschnitt): Gilles VIART @flickr, CC BY 2.0


Du brauchst Hilfe bei deiner Steuererklärung? Dein Wasserhahn tropft, aber du möchtest keinen Handwerker anheuern? Dann miete dir doch einfach einen Rentner! Was zunächst klingt wie ein Witz, ist ein durchaus ernst gemeintes Projekt mit dem klangvollen Namen Rent a Rentner.

„Zu gut für den Ruhestand“

Janna Lieser sitzt an ihrem Laptop. Sie möchte einen Rentner mieten. Seit ein paar Monaten hat sie zusammen mit Freunden ein kleines Stück Acker im Kölner Westen, aber die 27jährige Studentin hat bisher noch nicht viel Erfahrung beim Gärtnern; darum möchte sie ein paar Tipps von jemandem haben, der sich damit auskennt. Freunde haben ihr das Internetportal „Rent a Rentner“ empfohlen.
„Zu gut für den Ruhestand“ steht in dicken Lettern auf der Webseite von Rent a Rentner. Junggebliebene Alte, die Lust haben, ihre Erfahrungen mit anderen Menschen zu teilen, können sich auf der Seite ein Profil erstellen und ihre Fähigkeiten angeben. Vom Versicherungsexperten bis zum Handwerker, vom Sprachgenie bis zum Lehrer im Ruhestand – Möglichkeiten, sein Wissen zu teilen, gibt es genug. Auch seinen Honorarwunsch kann man auf der Seite angeben. Während es einigen in erster Linie um die sozialen Kontakte geht, haben andere beim Finanziellen ganz genaue Vorstellungen. So verlangt ein Ex-Banker aus Frankfurt für sein Wissen in der Vermögensberatung 75 bis 150 Euro.

Janna tippt „Gartenbau“ in die Suchmaske, gibt ihre Postleitzahl ein und das Profil von Robert Küppers aus Dormagen erscheint auf der Seite. Janna überlegt kurz und schickt Herrn Küppers dann eine kurze Nachricht.

Rentner - Auf dem Höhepunkt ihrer Berufserfahrung

Die Idee, rüstige Rentner an den Mann oder die Frau bringen, kam dem Journalisten Jonas Reese aus Köln und dem IT-Spezialisten Lutz Nocinski aus Zürich unabhängig voneinander.
Bei Jonas Reese war das im Jahr 2007, als sein Vater in Rente ging. Reeses Vater sah der Rente mit gemischten Gefühlen entgegen und Reese fiel auf, dass viele Menschen eigentlich auf dem Höhepunkt ihrer Berufserfahrung und ihres Wissens stehen, wenn sie in Rente gehen. Er sicherte sich die Domain www.rentarentner.de, ohne sie vorerst zu nutzen.
Ein paar Jahre später flatterte eine Postkarte bei ihm in den Briefkasten: Ein gewisser Lutz Nocinski bot ihm an, ihm die Domain abzukaufen. Er hatte genau dieselbe Idee wie Reese gehabt. Die Beiden taten sich zusammen und brachten das Portal im August dieses Jahres an den Start. Mittlerweile haben sich schon fast 2000 Rentner angemeldet.
Für die Nutzer ist die Website komplett kostenlos. Die Organisatoren verstehen ihr Projekt als soziales Engagement und zahlen die Kosten für die Website bisher aus der eigenen Tasche. Sie denken darüber nach, die Seite in Zukunft durch Sponsoren oder durch Werbung zu finanzieren.

Der erste Einsatz als Mietrentner

Janna und ihr Mietrentner Robert Küppers stehen zwischen kniehohem Unkraut und verwilderten Beeten. Auf den benachbarten Ackerstreifen wachsen Tomaten und Kürbisse. Auf Jannas Stückchen Land gibt es aber noch viel zu tun. Robert Küppers lockert mit einem Spaten die Erde. Janna zeigt ihm, was sie und ihre Freunde bisher schon angebaut haben. Robert Küppers gefällt der kleine Gemüsegarten. Er hat selbst jahrelang einen Garten gehabt und auch Nutzpflanzen angebaut, bis es ihm zu viel Arbeit wurde. Seitdem kennt er sich ganz gut mit Gartenbau aus.

Robert Küppers ist 60 Jahre alt.Seit knapp einem Jahr ist er Frührenter. Er hat für die Volkshochschule und in der Stadtbücherei gearbeitet. Bei „Rent a Rentner“ hat er sich erst vor ein paar Wochen angemeldet. Dies ist sein erster Einsatz als Mietrentner. „Ich fand die Idee Rent a Rentner erstens von der Bezeichnung ganz witzig und habe gedacht, ja, wieso sollst du nicht dein Wissen, das du erworben hast, weitergeben, um von anderen Wissen zu bekommen, um das eine oder andere zu erledigen“, erzählt er.

Nach ein paar Stunden kann sich die Arbeit von Robert Küppers und Janna sehen lassen: Zwei Streifen sind frei von Unkraut und ein bisschen ernten konnten sie auch schon. Dann verabschiedet sich Robert Küppers. Irgendwann möchte er wiederkommen und sich anschauen, was aus dem Garten geworden ist.

Auch Janna ist zufrieden: „Ich fand ihn super sympathisch. Es ist klar, dass das nur Rentner machen, die sowieso sehr aktiv sind. Er war sehr offen, hatte glaube ich auch Lust, das zu machen und war sympathisch und eigentlich – ich glaube, man hätte jetzt einfach auch noch mit ihm einen Kaffee trinken gehen können.“
Sie kann sich gut vorstellen, irgendwann nochmal einen Rentner zu mieten. Dann packt sie Spaten und Gießkannen ein und macht sich auf dem Heimweg.



Lisa Rauschenberger (29)
hat Regionalwissenschaften Lateinamerika in Köln studiert und längere Zeit in Argentinien und Bolivien gelebt. Neben dem Studium hat sie eine komplette Parallelkarriere als Praktikantin absolviert und so die unterschiedlichsten Medien kennen gelernt, unter anderem den Deutschlandfunk, die Lateinamerika-Redaktion der Deutschen Welle und das dpa-Büro in Buenos Aires. Außerdem arbeitet sie seit fünf Jahren ehrenamtlich beim Kölner Hochschulradio Kölncampus - in den Redaktionen Politik und Ausland und als Moderatorin der Morgensendung Frührausch - und macht gelegentlich Radiobeiträge für verschiedene öffentlich-rechtliche Sender.

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November 2012

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