Überleben

Vom Touristenmagneten zum Krisenherd

Foto (Ausschnitt):  Nico Kaiser @flickr, CC BY 2.0Foto (Ausschnitt):  Bert Kaufmann @flickr, CC BY 2.0

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Wie die Euro-Krise die Berichterstattung über Spanien verändert hat

Das Bild, das die Deutschen von Spanien haben, hat sich nicht sonderlich verändert” –Diese Behauptung stellte Walther Bernecker, Professor für Auslandswissenschaft, bei einer Diskussionsrunde am Goethe-Institut in Madrid auf. Stimmt das? Hat die Euro-Krise nichts an dem Bild verändert, das die Deutschen Spanien haben? Da es unmöglich ist, herauszufinden, was die Deutschen denken, habe ich für meine Bachelor-Arbeit Zeitung gelesen. Viel Zeitung. Insgesamt 272 Spanien-Artikel aus der Süddeutschen Zeitung und der Frankfurter Allgemeinen. Die Deutschen widmen knapp 600 Minuten den unterschiedlichen Medien am Tag. Aus Funk, Fernsehen, Smartphones und Zeitungen rieseln rund um die Uhr Informationen auf uns nieder. Nach der Bildzeitung, die täglich 2,4 Millionen Zeitungen in den Druck gibt, sind SZ (400.643) und FAZ (329.705) die am weitesten verbreiteten überregionalen Tageszeitungen in Deutschland. Studien haben gezeigt, dass diese beiden Zeitungen von besonders einflussreichen Menschen gelesen werden: 85 Prozent der Journalisten informieren sich morgens in überregionalen Zeitungen, 83 Prozent der Führungskräfte im Bereich Kultur und 49 Prozent der Wirtschaftsmanager. Für Abgeordnete des Bundestages und der Länderparlamente ist die FAZ die wichtigste Informationsquelle, auf Rang zwei folgt die SZ. Was diese Medien berichten, beeinflusst damit auch die politischen Entscheidungen in Deutschland. Die Zeitungsredakteure definieren die Begrifflichkeiten, die wir benutzen und prägen die Vorstellungen, die wir von der Welt haben.

Von fortschrittlichen Gesetzen zu eine gescheiterten Wirtschaftspolitik

Das Ergebnis ist eindeutig und spricht gegen die These des Professors: Das Spanien-Bild in den beiden Zeitungen ist seit der Euro-Krise deutlich negativer geworden. Überschriften, der Grundtenor der Artikel und die Attribute, welche die Zeitungen spanischen Bürgern und Politikern zuschreiben, sind durchweg pessimistischer geworden. Vor der Krise, im Jahr 2006, zeichneten die beiden Zeitungen noch ein ausgeglichenes Bild von Spanien: In den Schlagzeilen bereisten deutsche Touristen in Massen ihr liebstes Reiseziel und spanische Papiere erhielten Bestnoten am Anleihemarkt.
Dann kam die Krise. Im Zeitraum zwischen Beginn der spanischen Rezession im Januar 2009 und der Rekordarbeitslosigkeit von 27 Prozent Anfang 2013, verbreitete mehr als jeder zweite gelesene Artikel eine düstere Stimmung. „Spanien rutscht immer tiefer in die Rezession“ titelte die FAZ und die SZ glaubte zu wissen, dass „Spanien am Abgrund“ stehe. Wenn 2006 ein spanischer Politiker beschrieben wurde, geschah dies noch in jedem zweiten Fall in einem positiven Zusammenhang. Während der Krise jedoch wurden spanische Politiker in neun von zehn Fällen mit negativen Attributen versehen: Das gilt sowohl für die sozialistische Regierung von José Luis Rodríguez Zapatero als auch für seinen konservativen Nachfolger Mariano Rajoy. Zum Beispiel wurde Zapateros Regierung 2006 noch hervorgehoben, sie hätte zum Thema Transsexualität des „fortschrittlichste Gesetzt der Welt“ (SZ 09.11.2006) verabschiedet. 2013 wurde die gleiche Regierung aber dafür verantwortlich gemacht, Spanien mit einer „gescheiterten Wirtschaftsstrategie“ (FAZ 08.05.2013) in die Schuldenkrise gestürzt zu haben.

Euro-Krise das dominante Thema

Gleichzeitig zeigt sich, dass die spanische Krise den Zeitungen wichtig ist: Seit der Rezession hat die Berichterstattung deutlich zugenommen. Das wird vor allem im Wirtschaftsressort deutlich. Die Anzahl der Artikel, in denen Spanien eine Rolle spielte erfuhr eine Steigerung von rund 70 Prozent.*
Ein etwas schwächerer Anstieg der Berichterstattung zeigt sich auch im Politik-Ressort. Nur das Feuilleton bleibt von der Krise scheinbar unberührt. Ganz im Gegensatz zur realen spanischen Kunstszene hat sich die Krise nicht merklich auf die Berichterstattung über Kunst und Kultur ausgewirkt. Vielmehr wird die Krise nahezu ausschlieβlich als eine ökonomische und politische Ausnahmesituation beschrieben.
Diese Wichtigkeit, die SZ und FAZ der Euro-Krise beimessen, deckt sich im Übrigen auch mit dem Empfinden in der bundesdeutschen Bevölkerung: Nach einer repräsentativen Befragung der Universität Hohenheim aus dem Jahr 2012 sieht die Mehrheit der Deutschen in der Euro-Krise das gegenwärtig wichtigste mediale Thema.
Deshalb gilt Spanien jetzt für Viele als Krisenstaat und die Spanier als Krisenbürger.

*In der Vorkrisenzeit 2006 und 2007 erschienen dort im Schnitt 89 Artikel im Monat, in denen das Wort „Spanien“ auftauchte. Seit der spanischen Rezession waren es monatlich 151 Artikel.

Jonas Schreijäg,
beendet gerade sein Politik- und Englischstudium in Freiburg. 2013 hat er als Austauschstudent in Madrid gelebt und an der sozialwissenschaftlichen Fakultät hautnah die Protestbewegungen gegen die europäische Sparpolitik miterlebt. Jonas schreibt gelegentlich für die Tageszeitung Schwarzwälder Bote und hat kleinere Filmbeiträge beim ZDF und SWR3 veröffentlicht.

Copyright: rumbo @lemania
Juni 2014

Originalsprache: Deutsch

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