Überleben

Meine Wut auf diesen Hut

 Foto: (CC0) Hannes Eibinger, pixabay.com

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Trotz intensiver Nachforschungen habe ich bisher noch nicht entdeckt, woher die „romantische" Tradition des Herumreichens eines Hutes in bestimmten Berliner Bars (bzw. Cafés, Restaurants oder auch Kunstgalerien) nach einer musikalischen Darbietung stammt.

Allerdings habe ich Zeitzeugnisse des Berlin-Chronisten der 1920er Jahre par excellence gefunden, und zwar in dem Buch: „Joseph Roth in Berlin: Ein Lesebuch für Spaziergänger“. Roth beschreibt in verschiedenen Artikeln das Berliner Nachtleben, wie er sich hineinstürzt und durch die Straßen in der Nähe des Alexanderplatzes bis zum Café Dalles in der Neuen Schönhauser Straße Nr. 13 zieht. Ein rauchgeschwängertes Lokal, in dem man Karten, Roulette oder Darts spielen konnte und wo sich Prostituierte und Taschendiebe wie ein gewisser Kirsch herumtrieben. Kirsch fühlte sich verpflichtet, den Hut herumzureichen – die Gäste sollten einige Groschen für den Klavierspieler hineinwerfen, der sich rechts vom Eingang für sie abmühte. Wahrscheinlich herrschte in der Kneipe ein solches Stimmengewirr, dass sein Spiel kaum zu vernehmen war, aber alle Gäste warfen ein paar Münzen in den Hut. Vielleicht wurden sie vom Taschendieb mit Nachdruck dazu aufgefordert, vielleicht gefiel ihnen die Klaviermusik wirklich. Who knows?

Der Ausdruck „den Hut herumreichen“ entstammt wohl der Straßenmusik, denn das Publikum wurde aufgefordert, etwas Geld für die Musiker locker zu machen. Also frage mich, wie diese Tradition in die Kneipen kam. Da muss ich wohl auf meine Vorstellungskraft zurückgreifen.

Ich versetze mich in jene Jahre der absoluten Dekadenz und befinde mich plötzlich in einem kalten Berliner Winter. Ich gehe eine Straße entlang, in der ein durchgefrorener Künstler versucht, seine alte Geige mit seinen eiskalten Fingern zum Klingen zu bringen. Trotz seiner alten fingerlosen Handschuhe gelingt ihm das nicht, es ist einfach zu kalt.

In der Eckkneipe gerät der Besitzer bei der Abrechnung in Verzweiflung. Seit die Inflation Deutschland fest im Griff hat, wird es zunehmend schwieriger, das Geschäft weiterzuführen. Er muss erst einmal kurz an die frische Luft. Er lehnt sich an den Türrahmen und langsam dringt die Musik in sein Ohr.

Irgendwann kreuzen sich die Blicke von Kneipenbesitzer und Musiker. Der Geiger braucht dringend einen Grog oder einen Schnaps, irgendetwas, das ihn aufwärmt. Der Besitzer denkt sich, dass die Musik das Ambiente in seiner Kneipe beleben und die Kundschaft zu mehr Konsum veranlassen könnte. Wer zuerst auf den anderen zugeht, bleibt ein Geheimnis – auf jeden Fall schließen die beiden ein Bündnis. Der Musiker muss nicht mehr auf der Straße stehen und lässt seine Geige von nun an in der Bar erklingen. Eine klassische Win-Win-Situation. Ah! Natürlich wandert weiterhin der Hut durch die Reihen, und jeder Kunde kann etwas hineinwerfen oder auch nicht, ganz nach seinem Belieben.

Heutzutage wird dieser Brauch an bestimmten Orten weiterhin gepflegt. Darunter gibt es zahlreiche, zum Teil etwas heruntergekommene authentische Bars (obwohl sie, wie ich finde, immer weniger werden), aber auch elegantere, modernere Lokale. In Berlin sind Boheme und Avantgarde gleichermaßen vertreten. Aber in der überwiegenden Zahl der Fälle, in denen der Hut noch herumgereicht wird, führt dies dazu, dass die eigentliche Absicht pervertiert wird. Ich meine hiermit das „unternehmerische Knowhow“: Der Besitzer beobachtet, wie andernorts eine bestimmte Sache gehandhabt wird und übernimmt diese Praxis – ohne großartig darüber nachzudenken, ob sie gerecht oder ungerecht ist, denn er profitiert auf jeden Fall davon.

Das Problem besteht darin, dass diese „Arbeitsbeziehung“ (oder wie man das sonst nennen sollte) sehr ungerecht ist, denn das Bündnis zwischen Kneipenbesitzer und Straßenmusiker ist schon längst zerbrochen. Zerbrochen ist es in dem Moment, in dem einer der beiden vom anderen profitiert, aber nur einer. In dem Moment, in dem der eine auf Kosten des anderen einen Gewinn erzielt. Und dieses System soll etabliert werden. Es hat einen Namen: Ausbeutung.

Von ehrenwerten Ausnahmen abgesehen wollen die meisten Besitzer, denen ich bisher begegnet bin, altruistische Musikanten engagieren, die für gute Stimmung sorgen, aber hierfür nicht entsprechend entlohnt werden, wobei gleichzeitig ein Glas Wein 4,50 Euro kostet. Wenn die Miete und die GEMA-Gebühren und sonstige Steuern hoch sind, ist dies wirklich nicht Sache des/der Künstler(in). Wie wir alle müssen auch Künstlerinnen und Künstler ihre Grundbedürfnisse decken, und eine entfesselte Wirtschaft schadet allen gleichermaßen. Wenn ich mir es recht überlege, haben Sie, werter Besitzer, gar kein Interesse an Musik! Sie wollen feinste Delikatessen zum Großhandelspreis, und zwar immer und überall! Sie erschnorren sich das Talent des Künstlers!

Aber Vorsicht! Ich finde es immer toll, wenn das Publikum seinen Beitrag leistet und etwas für die Musik spendet. Für diese Spende bleibt jedoch häufig nur noch das Kleingeld übrig, wenn die Scheine vorher für Essen und Getränke abgegeben werden mussten. Da stimmt doch was nicht, oder bin ich blind? Ist mir der Hut vielleicht über die Augen gerutscht? Dann soll er da bleiben. Ich hole derweil meine abgetragenen fingerlosen Handschuhe hervor, denn gleich werde ich auf der Straße singen.



Paloma Lirola

Diario de una cantante

Copyrigth: rumbo @lemania
Dezember 2017

Bei diesem Text handelt es sich um eine Übersetzung aus dem Spanischen.

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