Kulturschock

Wie der spanische Fußball die deutsche Sprache kaputt macht

Bildquelle: (CC BY-NC 2.0) Hedonistin, flickr.com
Ich gestehe es. Ich habe wirklich nichts unversucht gelassen: schlechte Billig-Sprachkurse in Privatschulen, gute Edel-Kurse am Goethe-Institut; Tandems in Spanien und Deutschland, Hörbücher; ermüdende Lektüren von Tageszeitungen und Zeitschriften; Filme im Original mit Untertitel; Filme im Original ohne Untertitel; eine Lehrerin, der das Wort „Didaktik“ unbekannt war, Bücher von Grass, Brecht, Kafka & Co. …und so weiter und so fort...

Aber nichts hilft mir wirklich. Ich erreiche einfach kein Niveau auf Deutsch, auf das ich stolz sein könnte. Sagen wir es so: Nach ein paar Jahren in Berlin habe ich ausreichend passive Deutschkenntnisse, um ein einigermaßen bequemes Leben ohne größere Überraschungen zu führen, aber von aktiver Sprachbeherrschung (d. h. einem effizienten, schnellen Einsatz des Vokabulars, grammatischen Strukturen OHNE Fehler, Redewendungen, Witzen usw.) kann zu meinem eigenen und dem Leidwesen meiner deutschen Gesprächspartner nicht die Rede sein – sie runzeln noch allzu oft die Stirn (eine für Muttersprachler typische Geste), wenn ich die Grammatik- und die Ausspracheregeln des Hochdeutschen wieder einmal mit Füßen trete.
In diesem Sinne bin ich stolz darauf, ein mittelmäßiger, halbwegs typischer Spanier zu sein. Oder, was dasselbe ist: ein GUTER Spanier. Wir sollten uns da nichts vormachen: Spanierinnen und Spanier sind bis auf wenige Ausnahmen nicht wirklich sprachbegabt. Und mein Heimatdorf Campoalbillo liegt in der Provinz Albacete, die wiederum in Spanien liegt. Wo denn sonst?

Eigentlich bin ich kein Fußballfan, als ich aber erfuhr, dass einige spanische Fußballspieler Zuflucht in der Bundesliga suchten – so wie ich damals um akademischen Unterschlupf an der Hochschule für Berlinologie bat – begann ich, mich für diesen völlig überbewerteten Sport zu interessieren. Ich habe mich immer gefragt, ob die spanischen Fußballer genauso schlecht Deutsch sprechen wie ihre halbwegs typischen Landsleute wie etwa meine Wenigkeit, Juan Manuel Inhiesta Pardo. Das perfekte Beispiel: Raúl González Blanco. Schauen wir uns einmal an, wie Raulito während seines Aufenthalts in Schalke zurande kam:



Ach Raúl, wenn Du kein Torero bist, wozu dann kämpfen... wozu?

Dieses nervöse Lachen kennen wir alle nur zu gut. Er hatte wohl eine gute Partie gespielt, da kam der deutsche TV-Produzent und ab ging’s! „Jetzt oder nie, scheiß drauf!“ muss sich Raúl gedacht haben. „Ich werde mein B1 mal richtig glänzen lassen.“ Heraus kam ein „Entzurdigung“, das mich übrigens an den Akzent eines Kellners aus Cádiz erinnerte, den ich während meiner Tellerwäscherzeit in Berlin kennen gelernt hatte. Ein sehr lustiger Kerl, der die deutsche Aussprache aber auch nach drei Leben in einem Intensivkurs nicht hingekriegt hätte. Wenden wir uns nun dem Star der gekonnten Aussprache in der Bundesliga zu: PEP GUARDIOLA, so etwas wie der Ché Guevara des Fußballs: Er soll zwar eine wahre Revolution dieses Sports bewirkt haben, aber trotzdem werden keine Millionen von T-Shirts mit seinem Konterfei verkauft. Er will das einfach nicht. Bevor seine Super-Bayern ihren Siegeszug begannen, waren seine Sprachkenntnisse den deutschen Medien zufolge schon der Hammer! Das zeigte sich dann auch in seiner ersten Pressekonferenz:



„Bayegggn de München Übegalles“

Na gut, in Ordnung, wir nehmen ihm einmal die Ausrede mit dem Studienjahr in New York ab. Guardiola hat in der ersten Pressekonferenz zwar ziemlich schlecht Deutsch geredet, aber er hat sich durchgebissen. Werfen wir einen Blick auf einen seiner jüngsten Auftritte als Trainer von Bayern München:



„Die egsssste Ziel....éste...“

Wenn aber Guardiola nicht Guardiola, sondern Antonio hieße (wie mein Cousin), würde er nicht ständig für sein gutes Deutsch gelobt, sondern müsste stattdessen erbarmungslose Schläge einstecken. Und dies mit gutem Grund, denn mein Cousin Antonio spricht sehr schlecht Deutsch (mehr oder weniger wie Pep) und schlägt sich in Erfurt mit der wenigen Kohle, die er für sein Praktikum bekommt, irgendwie durch. Ich kann durchaus nachvollziehen, dass Guardiola für seine Leistungen im Fußball respektiert wird, aber man sollte diese ewige Lobhudelei auf sein Deutsch besser sein lassen. Ganz im Ernst: Seine Deutschkenntnisse sind wirklich GROTTENSCHLECHT, und deutsche Muttersprachler verstehen gerade einmal die Hälfte von dem was er sagt. Er erinnert mich ziemlich an Trapattoni, nur eleganter. Und der war gut drauf:



„Guardiola spricht Doitsch wie eine Flasche leer...strunz...“

Aber vielleicht sollten wir nicht allzu grausam sein, denn es gibt auch spanische Muttersprachler in der Bundesliga, die gar nicht so schlecht Deutsch sprechen, obwohl ihr Niveau immer noch unterirdisch ist. Der erste Spieler kommt aus dem Baskenland, wenn ich mich nicht irre. Und wenn man zwei oder mehr Muttersprachen hat, ist es auf jeden Fall leichter, eine weitere Fremdsprache zu lernen. Das ist UNBESTREITBAR, also versucht nicht, mich von dieser Argumentation abzubringen. Ich rede von Javi Martínez:



„Este...ick wöehne...ahí...“ Wie viel Schaden wird durch einen falsch platzierten Umlaut verursacht, Javitxu?

Es gibt noch einen anderen Spieler mit Spanisch als Muttersprache, dessen Deutsch ganz passabel ist. Obwohl er Grammatik, Deklinationen und Artikel eher unzureichend beherrscht, ist er von allen hier erwähnten Fußballern derjenige, der MIT ABSTAND die beste Aussprache hat. Ich meine den peruanischen Stürmer Claudio Pizarro, der schon lange in Deutschland und in der Bundesliga sein Unwesen treibt:



„Hundretvierunddreißig“... Fast perfekt, Claudio...

Guardiola sollte sich Pizarro als Beispiel nehmen. Es ist wirklich beeindruckend, wie ein Spieler solch ein gutes Niveau erreichen kann: er unterhält sich fließend mit der Journalistin, er überzeugt, beachtet fast immer die grammatischen Strukturen und hat vor allem eine beeindruckend gute Aussprache. Ich komme daher zu folgendem Schluss: spanische Muttersprachler aus Lateinamerika können einen fremden Akzent besser nachahmen, sie sind linguistisch gesehen einfach wandlungsfähiger. Im Vergleich dazu wirken Spanier wie Elefanten im Porzellanladen, wenn es z. B. um die Aussprache im Deutschen geht. UND GUARDIOLA IST HIERFÜR EIN GUTES BEISPIEL...
Und noch ein letzter Tipp, bevor ich in die Eckkneipe gehe, mich mit Bier und Jägermeister zuschütte und eingehend die BZ und den Kicker studiere: An dem Tag, an dem du dich am Kottie und/oder am Hermannplatz mit einem besoffenen Penner unterhältst und du ihn verstehst und er dich, an diesem Tag kannst du mit gutem Recht behaupten, dass du Deutsch kannst.



Juanma el Mar
Redakteur bei Berlunes© Berlunes.

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