Kulturschock

Eine Frage des Vertrauens

 Foto: (CC0) PublicDomainPictures, pixabay.com

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Wir Spanier sind von Natur aus misstrauisch und denken erst einmal schlecht von den Leuten. Diese Aussage ist nicht auf meinem Gras gewachsen – man kann es in verschiedenen Alltagssituationen beobachten. In Deutschland ist die Situation, soweit ich es beurteilen kann, genau umgekehrt.

Dies lässt sich vor allem beim Einkaufen gut beobachten. In Deutschland kann man seine Einkäufe (z. B. Lebensmittel) im Laden unbesorgt in die eigene Tasche oder in den eigenen Rucksack packen. Dies wäre in Spanien völlig undenkbar, denn hier würde man sofort vermuten, dass der Kunde an der Kasse nicht den gesamten Einkauf auf das Band legt. Und in Spanien lässt niemand den Einkaufswagen auch nur eine Sekunde lang aus den Augen, denn es könnte ja jemand etwas aus dem Wagen nehmen. Dabei wird der Inhalt doch erst an der Kasse bezahlt!

Und an der Kasse lässt sich ein weiterer Unterschied feststellen. Wenn der Kunde sich entscheidet, mit Karte zu zahlen, muss er in Spanien normalerweise seinen Personalausweis vorzeigen, um die Übereinstimmung mit den Inhaberangaben auf der Karte zu überprüfen. Hier in Deutschland muss man seinen Ausweis dahingegen nur selten, besser gesagt fast nie vorweisen. In Deutschland geht man davon aus, dass man der Inhaber einer Geldkarte ist, wenn man deren PIN kennt, und nicht davon, dass man sie gestohlen hat.

Es gibt einen weiteren Ort, an dem man meine Theorie über das Vertrauen überprüfen kann: den Treppenabsatz. Im Winter sind die Straßen in Deutschland entweder nass oder matschig. Damit die Wohnung nicht schmutzig wird, lässt man die Schuhe vor der Tür, normalerweise auf der Fußmatte. Außerdem werden auf dem Treppenabsatz auch Kinderwagen über Nacht abgestellt. Man muss keine Angst haben, dass sie jemand stiehlt. Und das ist tatsächlich so – niemand nimmt sie mit.

Eine spanische Freundin, die in Berlin wohnt, hatte im Internet ein Kleid für Silvester gekauft. Das Paket kam jedoch leider zu spät an, und so konnte sie es über die Feiertage nicht nach Spanien mitnehmen. Drei Wochen später kam sie nach Berlin zurück und sah, dass das Paket mit dem Kleid an der Türklinke hing. Drei ganze Wochen lang hatte es dort gehangen, und niemand war auf die Idee gekommen, es mitzunehmen oder nur „auszuleihen“. In Spanien kommt so etwas nicht vor, und zwar nicht deshalb, weil man die Dinge hier leichter entwenden könnte, sondern weil das Misstrauen anderen gegenüber zu unserer Kultur gehört.

Ein gängiges spanisches Sprichwort lautet: „La confianza da asco.“ Dies bedeutet in etwa: Wenn man jemandem zu viel Vertrauen schenkt, wird man zwangsläufig enttäuscht. Für den vorliegenden Fall gilt jedoch eher das Gegenteil. Es ist einfach toll, an einem Ort zu leben, an dem man von allen einen Vertrauensvorschuss bekommt und jeder jedem vertrauen kann – völlig natürlich und zwanglos.



Jorge Satorre,
ein Mallorquiner in Deutschland, so ironisch das auch klingen mag, mit fast so viel Leidenschaft für Berlin wie für den Journalismus.

Copyright: rumbo @lemania
Dezember 2017

Bei diesem Text handelt es sich um eine Übersetzung aus dem Spanischen.

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