Tendenzen

Ein großes Angebot mit breitem Themenspektrum - Jugendliteratur in Deutschland

Jugendliche Leser; Copyright: Buchmesse LeipzigVon 1992 bis 2000 sank bei den 14 - 19-jährigen laut einer Studie der Stiftung Lesen* der Anteil der Jugendbuchleser von 21 Prozent auf 14 Prozent. Das schlechte Abschneiden deutscher Schülerinnen und Schüler im internationalen Vergleich der Lesekompetenz bei der so genannten PISA - Studie spiegelt diese Entwicklung wider.

Realitätsbezogene und historische Themen

Dennoch bringen die Verlage weiterhin unverdrossen ein riesiges Angebot an guter Jugendliteratur auf den Markt. Das Spektrum der Themen in der realistischen Literatur reicht von Freundschaft und Liebe jeder Art bis hin zu Inzest, Krankheit und Tod. Ein besonderer Schwerpunkt sind seit einigen Jahren Bücher zum Thema Mobbing und Gewalt, mit denen die Autoren auf die zunehmende Gewalt in den Schulen reagieren. Als Beispiel sei hier der herausragende Roman von Kirsten Boie Nicht Chicago, nicht hier (Oetinger 1999) genannt. Darüber hinaus gibt es zahlreiche historische Romane und Bücher, die sich mit der deutsch-deutschen Vergangenheit auseinandersetzen. Hier muss vor allem auf den brillanten Roman Krokodil im Nacken (Beltz & Gelberg 2002) von Klaus Kordon hingewiesen werden, in dem er die ergreifende und authentische Lebensgeschichte des DDR-Bürgers Manfred Lenz erzählt, der – wie Kordon selbst - nach einem missglückten Fluchtversuch, ebenso wie seine Frau, in einem Gefängnis der Stasi landet. In monatelanger Einzelhaft erinnert sich Manfred Lenz an seine Kindheit und Jugend in Berlin unter dem kommunistischen Regime. Auch der Roman Falsch gedacht (Beltz & Gelberg 2001) von Sigurd Pruetz spielt in Ost-Berlin und erzählt mit sarkastischem Witz vom verlogenen Leben in der DDR der 70-er Jahre.

Harry Potter und die Fantasy-Welle

Der Erfolg von Joanne K. Rowlings Harry-Potter-Serie hat dem deutschen Kinder- und Jugendbuch-Markt eine Flut von Fantasy-Romanen beschert. Dabei ist zu beobachten, dass immer mehr deutsche Autoren sich an diese bisher vor allem von Angelsachsen dominierte Literatur-Gattung heranwagen. Ein Beispiel ist der große Erfolg des phantastischen Romans Herr der Diebe (Dressler 2000) von Cornelia Funke, der sowohl in Deutschland als auch im englischsprachigen Raum zum Bestseller wurde und viele renommierte Preise erhielt. Ihr neuer phantastischer Roman Tintenherz (Dressler) erschien im September 2003 zeitgleich in Deutschland, USA, England, Kanada und Australien.

Adoleszenz-Romane - dicht am Lebensgefühl der jungen Generation

Besonders beliebt bei Jugendlichen sind Autoren wie Andreas Steinhöfel und Zoran Drvenkar, die mit ihrer lockeren, dialogreichen, zum Teil sehr harten Sprache ganz dicht am Lebensgefühl der jungen Generation sind. Steinhöfels Roman Die Mitte der Welt (Carlsen 1998) erzählt von Phil und seiner Zwillingsschwester, die versuchen, trotz der chaotischen Umstände, in denen sie aufwachsen, Ordnung in ihr Leben zu bringen und erwachsen zu werden. Das Buch wurde zu einem Bestseller unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen und hat zahlreiche Preise erhalten. Der Berliner Autor Zoran Drvenkar wurde mit seinem Debüt Niemand so stark wie wir (Rowohlt 1999) bekannt. Im Mittelpunkt dieser stark autobiographisch gefärbten Geschichte steht eine bunt gemischte Clique, die sich im Westberlin der 70-er Jahre in einem hauptsächlich von Türken bewohnten Viertel durchsetzen muss. Sein neuer Roman Sag mir was du siehst (Carlsen 2002) ist eine Geschichte, die von Tod und Abschied, aber auch von Freundschaft und Vertrauen erzählt, und in der Realität und mystische Elemente ineinander fließen. Mit diesem Roman steht Zoran Drvenkar auf der von der neu installierten Jugendjury- bestehend aus sechs über Deutschland verteilten Jugendlichen-Leseclubs - für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2003 aufgestellten Nominierungsliste.

Auseinandersetzung mit der Vergangenheit

Eine bei Literaturkritikern sehr renommierte Autorin ist ohne Zweifel Mirjam Pressler, die in den letzten Jahren alle wichtigen Preise, vom Deutschen Jugendliteraturpreis bis hin zum neu geschaffenen Deutschen Bücherpreis, erhalten hat. Diese Auszeichnungen verdankt sie vor allem ihrer brillanten Sprache und ihrer leidenschaftlichen Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit und dem Holocaust. Dresslers tief bewegender Roman Malka Mai (Beltz & Gelberg 2001) erzählt vom Schicksal eines Kindes, das auf der Flucht vor den Nazis seine Mutter verliert und sich ganz alleine durchschlagen muss. Man kann schon heute sagen, dass das Buch die Qualität eines Klassikers hat.

Viel versprechende Nachwuchsautorinnen

Zwei junge Autorinnen haben in den letzten Jahren Aufsehen erregt. Da ist einmal Alexa Hennig von Lange, die für ihren Roman Ich habe einfach Glück (Rogner & Bernhard 2001/ Rowohlt 2002) den Deutschen Jugendliteraturpreis 2002 erhielt. In einer distanziert sarkastischen Sprache lässt die Autorin ihre 15-jährige Protagonistin ihren aberwitzigen Familienalltag und ihre typisch pubertären Probleme kommentieren. In Tamara Bachs Marsmädchen (Oetinger 2003) versucht die ebenfalls 15-jährige Miriam mit ihrer Liebe zu ihrer Klassenkameradin Laura für kurze Zeit der Langeweile einer Provinzstadt zu entfliehen. Das Besondere dieses Romans, der mit dem Oldenburger Jugendbuchpreis für Erstlingsromane ausgezeichnet wurde, ist der souveräne Umgang der jungen Autorin mit der Sprache, wobei sie sich Elementen der Szenesprache bedient und auf originelle Weise inneren Monolog und direkte Rede ineinander fließen lässt.

*Stiftung Lesen (Hrsg.) Leseverhalten in Deutschland im neuen Jahrtausend, Mainz/Hamburg: 2001
Hilde Elisabeth Menzel
ist Expertin für Kinder- und Jugendliteratur, schreibt regelmäßig für die Kinder- und Jugendliteraturseite der Süddeutschen Zeitung und ist Mitglied der Jury für den Kinderbuchpreis LUCHS von DIE ZEIT und Radio Bremen

Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion

online-redaktion@goethe.de
Oktober 2003

Links zum Thema

Buchtipp: Nathan und seine Kinder

Ein spannender Roman, der im Jahr 1192 in Jerusalem spielt und die Frage des Zusammenlebens zwischen Kulturen und Religionen auf aktuelle Art aufgreift.