Tendenzen

Die Faszination des Lesens nahe bringen: Leseförderung

Kinder sollen für das Lesen begeistert werden; © Stiftung LesenAutorenlesung des Friedrich-Bödecker-Kreises; © Friedrich-Bödecker-KreisEine aktuelle Studie beweist: Der Griff zum Buch ist nicht für jeden selbstverständlich. Oft fehlt der Impuls im Elternhaus. Leseförderung von Anfang an tut deshalb dringend Not. Viele Projekte in ganz Deutschland wollen Heranwachsende für das Lesen begeistern.

In Deutschland liest jeder Vierte sein Leben lang kein Buch. Das zeigt die neue Studie Lesen in Deutschland 2008 der Stiftung Lesen. „Dieses Ergebnis lässt sich sicher auch darauf zurückführen, dass in den Elternhäusern oft wenig gelesen wird und so ein wichtiger Leseimpuls für die Kinder fehlt“, sagt Bildungsforscher Wilfried Bos vom Institut für Schulentwicklungsforschung (IFS) an der Technischen Universität Dortmund. Im Auftrag der Kultusministerkonferenz war der Professor in Deutschland als wissenschaftlicher Leiter für die Durchführung der jüngsten Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) verantwortlich, deren Ergebnisse im Dezember 2008 veröffentlicht wurden.

Jungen lesen gar nicht weniger

Bildungsforscher Prof. Dr. Wilfried Bos; © Prof. Dr. Wilfried BosDer innerdeutsche Vergleich von IGLU zeigt: Thüringen liegt knapp vor Bayern an der Spitze, Schlusslichter sind Berlin, Hamburg und Bremen. Deutlich wurde aber auch, dass es bei der Lesekompetenz der Viertklässler auch innerhalb der Bundesländer deutliche Unterschiede gibt. „Die IGLU-Studie hat erwiesen, dass Kinder aus bildungsfernen Schichten oder mit Migrationshintergrund weniger und weniger gut lesen“, sagt Bos. Der Unterschied zwischen Mädchen und Jungen allerdings ist, anders als oftmals behauptet, nur gering. „Mädchen sind auf einer Skala von 700 Punkten nur um sieben Punkte besser als Jungen“, erklärt der Bildungsforscher. „Das ist ein ganz minimaler Wert.“

Auch wenn die Schüler 2008 etwas besser als bei der Vorgängerstudie vor sieben Jahren abgeschnitten haben, hat IGLU einmal mehr gezeigt, wie wichtig Leseförderung eigentlich ist. Schließlich ist Lesen eine wichtige Schlüsselkompetenz, die den Zugang zur Bildung und damit zur Teilnahme am gesellschaftlichen Leben ermöglicht. Deshalb gibt es jedes Jahr bundesweit unzählige Projekte, die Heranwachsenden die Faszination der Lektüre näher bringen sollen: das Internet-Portal „Lesen in Deutschland“ bietet hierzu einen umfassenden Überblick. Dazu gehören die Vorlesestunden des Vereins „Deutschland liest vor“ ebenso wie die Aktion „Zeitschriften in der Schule“ und spezielle Förderprogramme für Migrantenkinder und Analphabeten.

Welches Haustier hat der Autor?

Der Friedrich-Bödecker-Kreis bietet in ganz Deutschland meist in Zusammenarbeit mit den entsprechenden Schulen jährlich rund 6.000 Autorenlesungen an, bei denen Kinder die „Erfinder“ der Geschichten kennenlernen können. „Mit diesem persönlichen Erlebnis sollen die Kinder neugierig gemacht und dazu gebracht werden, in einem Buch weiterzulesen“, erklärt Bundesgeschäftsführer Udo von Alten das Prinzip. Damit der Autor als „authentische Person“ wahrgenommen werden kann, dürfen die Schüler innerhalb der zwei für die Lesungen veranschlagten Schulstunden alle ihre Fragen stellen. Die Arme fliegen dann in die Höhe, die Kinder melden sich interessiert zu Wort. „Oft wird gefragt, wie der Schriftsteller auf die Idee für seine Geschichte kommt“, sagt von Alten. Aber auch Fragen nach einem Haustier, nach dem Alter oder nach dem Verdienst werden oft gestellt.

„Durch die persönliche Begegnung mit dem Autor entsteht die Lesemotivation“, ist sich von Alten sicher. Dadurch werde den Kindern gezeigt, dass Lesen nicht nur mit Schule, Lernen und Arbeit zu tun hat, sondern auch Spaß machen kann. Auch 2009 wird der Friedrich-Bödecker-Kreis mit seinen 15 Landesverbänden mehrere Tausend dieser Lesungen anbieten.

Lesen macht Vergnügen

Ein Geschenkbuch gibt es zum Welttag des Buches; © Stiftung LesenAndere Organisationen wollen Kindern die Faszination des Lesens ebenfalls nahebringen. „Wer liest, gewinnt!“ heißt ein Leseförderwettbewerb unter der Schirmherrschaft von Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen. Bei dem Literaturquiz können Schüler deutschlandweit gegeneinander antreten und Fragen über die aktuell nominierten Bücher des Deutschen Jugendliteraturpreises sowie über Jugendbücher im Allgemeinen beantworten. Veranstalter der Aktion sind unter anderem der Deutsche Bibliotheksverband und der Arbeitskreis für Jugendliteratur. 2008 wurde „Wer liest, gewinnt!“ bereits zum hundertsten Mal ausgetragen.

Auch der jährliche Vorlesewettbewerb des Deutschen Buchhandels feiert ein Jubiläum: 2009 findet er zum 50. Mal statt. Nach den vielen Vorentscheidungen auf Schul-, Regional-, Bezirks- und Landesebene wird im Juni 2009 das dreitägige Finale unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten ausgetragen. Seit 1959 haben rund 15 Millionen Schüler der sechsten Klassen teilgenommen, derzeit beteiligen sich jährlich etwa 700.000 Kinder aus rund 7.500 Schulen. Im Vorfeld des Wettbewerbs suchen sich die Schüler Texte aus und bereiten diese vor. „Vorgelesen wird vor der ganzen Klasse“, erklärt Julia Piaseczny vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels. „So sind nicht nur die lesenden Kinder aktiv, sondern auch die zuhörenden Mitschüler.“

Geschichten als Geschenk

Die Stiftung Lesen bietet nach eigenen Angaben rund 40 Projekte zur Leseförderung an. Dazu gehören Vorlesepaten, ein Startpaket für Leseanfänger und Leseclubs für Kinder. Zum Welttag des Buches am 23. April verteilt die Stiftung in Kooperation mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels und weiteren Partnern jährlich rund eine Million Exemplare des Buchs „Ich schenk dir eine Geschichte“. Darin werden Texte von bekannten Kinder- und Jugendbuchautoren veröffentlicht.

Im November findet dann der bundesweite Vorlesetag statt, bei dem wieder Tausende von Vorlesern – darunter auch Prominente – ihre jungen Zuhörer begeistern. So arbeiten zahlreiche Organisationen mit, Deutschland immer mehr zum Leseland zu machen.

Irina Fernandes
arbeitet als freie Journalistin unter anderem für das WDR-Wissensportal, die Ruhr Nachrichten und den Westfalenspiegel in Dortmund.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Februar 2009

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