Tendenzen

Geschichten ohne Altersbeschränkung – Helme Heine im Gespräch

Cover des Buchs „Fälle für Freunde“; © Hanser VerlagHelme Heine vor seinem Studio in Neuseeland; © privat Die Bilderbücher von Helme Heine haben auf der ganzen Welt zahllose kleine und große Fans. Im Gespräch mit Goethe.de berichtet der Erzähler und Illustrator von der elementaren Kraft der Geschichten – und von der Macht der Bilder.

Herr Heine, was ist für Sie das Besondere am Kinderbüchermachen?

Kinderbücher sind eine Kunstform, die dem Theater und dem Film näher ist als der Belletristik. Ein Bilderbuch ist kein Buch mit Bildern; es inszeniert in kleinstmöglicher Form eine Geschichte. Darum ist bei einem Bilderbuch die Geschichte so wichtig. Viele Leute überschätzen die Bilder. Doch die schönsten Bilder der Welt nützen nichts, wenn die Geschichte nicht kraftvoll und elementar ist.

Magie und Zahnausfall

Cover des Buchs „Fälle für Freunde“; © Hanser VerlagWarum spielen Tiere in Ihren Kinderbüchern eine so große Rolle?

Die Symbolik der Tiere ist weltweit sehr ähnlich. Die Biene ist fleißig, der Fuchs ist listig und clever, die Schlange doppelzüngig, der Frosch ein Verwandlungskünstler: Er war früher Kaulquappe. Wer so etwas schafft, könnte sich auch in einen Prinzen verwandeln. Da Bilderbuch-Leser meist noch nicht lesen können und ich nur sehr wenig Text habe, um die Figuren ausführlich zu charakterisieren, nutze ich das.

Und noch etwas kommt hinzu. Im magischen Zeitalter des Menschen, also in der Zeit vor dem Zahnwechsel zwischen 0 und 6 Jahren, versteht man die Sprache der Tiere. Man glaubt, dass Löwen fliegen können, und der Teddybär besitzt eine richtige Seele. In dieser Zeit ist der Mensch den Tieren so nahe wie nie. Auch darum hat das Tier im Kinderbuch so eine besondere Bedeutung.

Kindlich statt kindisch

Cover von „Die Krachmacher“; © Hanser VerlagSie haben einmal gesagt, dass man umso besser für Kinder schreiben könne, je weiter man sich von der Kindheit entferne. Warum?

Ich bin ja schon etwas älter und habe auch schon Enkel. Mit dem zeitlichen Abstand gewinnt man mehr Übersicht. Ich glaube, das hilft. Wichtig ist, dass man die Kinder in Sprache und Thematik ernst nimmt. Kindlich ja, kindisch nein. Im Alter, wenn sich der Lebenskreislauf schließt, hat man mehr Verständnis für die Weltsicht des Kindes.

Viele glauben ja, wenn man über und für Kinder schreibt, müsse man das Kind in sich selbst entdecken oder eigene Kinder haben. Das ist Unsinn. Man kann auch Hühner züchten, ohne selbst Eier zu legen.

Cover des Buchs „Der Pfarrer und sein Teufel“; © Sanssouci VerlagSie leben seit fast 20 Jahren in Neuseeland und haben vorher lange in Afrika gelebt. Brauchen Sie den Abstand zu Deutschland?

Ja. Aber ich muss auch immer wieder zurück, um in meine eigene Sprache einzutauchen. Ich liebe Deutschland heute mehr als in den Jahren, in denen ich dort gelebt habe. Wenn ich in Deutschland bin – das sind mindestens drei Monate im Jahr –, dann genieße ich das. Ich sauge mich voll mit Kultur, besuche Freunde und meine Kinder. Aber dann muss ich mich zurückziehen, weil mich das kulturelle Angebot erschlägt. Mir fehlt dort die Zeit, das Gesehene, das Gehörte, Erlebte zu verdauen. Ohne Neuseeland und Afrika wäre ich nie zum Künstler geworden.

„Was wäre der Pastor ohne den Teufel?“

Filmplakat zu „Mullewapp“; © KinoweltIm Sommer 2009 kam der Film „Mullewapp“ in die Kinos. Er erzählt, wie Ihre wohl berühmtesten Figuren – Franz von Hahn, Johnny Mauser und der dicke Waldemar – zu Freunden geworden sind. Welchen Anteil haben Sie an diesem Film?

Ich habe zusammen mit Gisela von Radowitz die Geschichte entwickelt.

Warum brauchte der Film eine neue Geschichte?

Ein Buch unterliegt anderen Gesetzen als der Film, der mindestens zwei Dinge beherzigen sollte: Er muss eine zeitliche oder persönliche Entwicklung zeigen, zum Beispiel vom Tellerwäscher zum Millionär, vom Feigling zum Helden. Und er lebt von einem Gegenspieler, einem Bösewicht. Was wäre der Pastor ohne den Teufel? Was wäre Rotkäppchen ohne den Wolf?

Bewegung in den Herzen

Cover des Buchs „Mullewapp“; © Beltz VerlagWas gefällt Ihnen besonders an diesem Film?

Ich glaube, die Langsamkeit. Die Filme werden ja heute immer schneller. Darüber habe ich mit den Filmleuten diskutiert. Ich habe gesagt: Lasst uns doch einmal versuchen, die Bewegung nicht auf der Leinwand stattfinden zu lassen – etwa mit Verfolgungsjagden –, sondern die Leinwand ruhiger zu halten und dafür den Zuschauer zu bewegen, im Kopf und im Herzen. Ich glaube, das ist uns gelungen.

Gibt es auch etwas, was Ihnen weniger gefällt?

Für einen Film muss man die Figuren, die im Buch malerisch gestaltet waren, umarbeiten. Die Augen, die im Buch nur Punkte sind, brauchen Pupillen und Lider, die sich öffnen und schließen. Die statischen Charaktere müssen das Gehen und Sprechen erlernen. Es arbeiten cirka 500 Leute an so einem Film, die sich alle einbringen wollen. Da musste ich Zugeständnisse machen. Manches hätte ich mir noch liebevoller gewünscht, mit mehr Details. Aber im Großen und Ganzen bin ich zufrieden.

Wenn Bilder die Fantasie zerstören

Cover des Buchs „Ich lieb dich trotzdem immer“; © Deutscher TaschenbuchverlagIn einem Interview haben Sie gesagt: „Ich bedaure, dass wir in einer Welt leben, in der alles in Bilder umgesetzt wird.“ Trotzdem machen Sie Bilderbücher. Wie passt das zusammen?

Alle Bücher, die erfolgreich sind, werden heute verfilmt. Und damit wird die Fantasie der weltweiten Leser uniformiert. Das bedaure ich, denn wir brauchen Fantasie, um die Zukunft der Menschheit zu meistern.

Bei einem Bilderbuch erschaffe ich meine Charaktere von Anfang an in Text und Bild. Ein Großteil meiner Leser kann ja noch nicht lesen. Doch es gibt Bücher, die würde ich nie illustrieren, sondern nur schmücken.

Zum Beispiel?

Das Buch Ich lieb dich trotzdem immer. Da geht es um eine Mutter-Tochter-Beziehung. Ich stelle die Mutter nicht dar, denn jeder von uns hat ein eigenes Mutter-Bild im Kopf. Ich zeige nie ihr Gesicht, nur ihre Hände, ihre Kleidung, ihre Hobbys. Darin liegt die Kunst der Illustration.

Dagmar Giersberg
stellte die Fragen. Sie arbeitet als freie Publizistin in Bonn.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Februar 2010

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