Tendenzen

Lyrik zeichnen, um sie aus dem Kopf zu kriegen – Interview mit Peter Schössow

Peter Schössow; © Doris Katharina KünsterPeter Schössow; © Doris Katharina KünsterPeter Schössow gehört zu den besten deutschen Illustratoren – nicht zuletzt beim Bebildern von Lyrik. Mit Goethe.de sprach er über die Gänsehaut beim Lesen, filmisches Zeichnen, kutschierende Pferde – und wie man Goethe in Bildern weiterdichten kann.

Herr Schössow, in Ihrem Bilderbuch „Meeres Stille und Glückliche Fahrt“ (2006) haben Sie zwei Goethe-Gedichte illustriert, die von Leid und Freud eines Schiffers angesichts von Flaute und Fahrtwind erzählen. Warum ausgerechnet zwei Texte, in denen fast nichts passiert?

Cover von „Meeres Stille und Glückliche Fahrt“; © Hanser VerlagDamals habe ich viel für die „Sendung mit der Maus” vom Westdeutschen Rundfunk gearbeitet. Von da kam auch die Anfrage, die Goethe-Gedichte für einen Kurzfilm zu illustrieren. Als ich die Texte gelesen habe, hatte ich sofort eine Gänsehaut. Für mich ging da sofort die Post ab. Ich hatte nicht einen Moment lang das Gefühl, dass da nichts passiert.

Gefallen hat mir der Text aber auch, weil ich in Hamburg groß geworden bin. Ich bin bis heute gern am Wasser, und auch viele meiner Bilderbücher, deren Texte ich selber verfasst habe, spielen dort.

Vom Auf und Ab des Lebens

Illustration aus „Meeres Stille“; © Hanser Verlag

 

Am Ende von „Meeres Stille“ schaut Ihr Hobbysegler traurig den Möwen nach, am Ende von „Glückliche Fahrt“ sitzt er zufrieden mit seinem Hund am Strand. Hund und Strand gibt es bei Goethe nicht, der Dichter hat bei seinem Schiffer wohl eher an einen Fischer gedacht. Warum haben Sie Goethe auf diese Weise um- und weitergedichtet?

Ich wollte bei der Bebilderung sogar zuerst einen Boten auf die Reise schicken. Das hätte aber zu weit weg von dem geführt, was Goethe in seinen Gedichten erzählt. Man kann die Gedichte ja auch so interpretieren, dass sie vom Auf und Ab des Lebens handeln.

Illustration aus „Meeres Stille“; © Hanser Verlag

 

Mir kommt es beim Zeichnen und am Computer – ich arbeite seit einigen Jahren am Rechner – auch stark auf das Atmosphärische an: auf das Licht, auf eine Stimmung, ein Gefühl. In Glückliche Fahrt sind es die Gefühle des Schiffers, die mich beschäftigt haben. Mein Schlussbild zeigt den Blick des Schiffers auf das Meer, zurück auf das Erlebte.

Wie finden Sie die Texte, die Sie illustrieren?

Cover von „Die Mausefalle“; © Hanser VerlagVieles wird mir angeboten, auf manches stoße ich aber auch selber. So war es bei Die Mausefalle von Christian Morgenstern.

Daran habe ich über 20 Jahre herumgedacht und dabei zwei, drei eher halbherzige Anläufe gemacht, das Gedicht zu illustrieren. Und dann habe ich mir gedacht: Jetzt muss ich es einfach endlich durchziehen, auch, um es aus dem Kopf zu bekommen.

Das Pferd kutschiert den Umzugswagen

Welche Rolle spielt Humor bei der Auswahl?

Eine große Rolle. Einen düsteren Text mag ich nur ungern illustrieren – eben weil ich eine Vorlage so lang mit mir herumschleppe. Mit den beiden Gedichten, die Goethe vielleicht an einem Vormittag geschrieben hat, habe ich ja ein halbes Jahr gelebt. Meeresstille ist mir dabei schon ein bisschen aufs Gemüt geschlagen. Das war bei der Mausefalle anders ...

Illustration aus „Die Mausefalle“; © Hanser Verlag

 

... was sich auch im pointierten Witz der Bilder niederschlägt. Da spannen sie Morgensterns „starkes Ross”, das die Mausefalle samt Inhalt „nach der fernen Waldung bringt”, nicht vor einen zeitgenössischen Pferdewagen, sondern lassen es ganz modern den Lastwagen fahren ...

Zunächst hatte ich auch vor, das Pferd vor einen Möbelkarren zu spannen. Dann habe ich mir irgendwann die Freiheit genommen, das Pferd zu vermenschlichen und als Spediteur einen Umzugslaster fahren zu lassen. 

„Dienstleistung am Text”

Gibt es bei dieser künstlerischen Freiheit für Sie Grenzen?

Ich würde nie einen Text verballhornen oder mit meinen Bildern ins Lächerliche ziehen! In diesem Sinn halte mich an die Vorlage – das ist so eine Art „Dienstleistung am Text”.

Auf manches muss ich da auch verzichten, und manches muss ich machen, obwohl ich lieber etwas anderes gemacht hätte. Da denkt man, je länger man sich mit einem Text beschäftigt, manchmal schon: Wenn der Autor das etwas anders fomuliert hätte, hätte man sicher mehr daraus machen können.

Liederliche Lieder aus der Kindheit

Illustration aus „Die Mausefalle“; © Hanser Verlag

 

Auf Ihrer Morgensternschen Mausefalle prangt die Leuchtaufschrift „Pigalle“: Schlagerfesten Lesern kommt da ein Hit Bill Ramseys von 1961 („Pigalle, Pigalle, das ist die große Mausefalle, mitten in Paris“) in den Sinn. Zeichnen Sie vielleicht doch eher für Erwachsene als für Kinder?

Ich denke beim Zeichnen nicht an Zielgruppen. Das funktioniert ohnehin nicht, weil jedem andere Dinge gefallen. Insofern habe ich auch kein Zielpublikum im Kopf, sondern versetze mich in meine eigene Kindheit. Das, woran ich damals Spaß hatte, nehme ich auf – in der Hoffnung, dass es auch heutigen Lesern gefallen könnte.

Bill Ramseys Pigalle etwa habe ich schon als Achtjähriger gehört. Mir hat das Lied einfach gefallen – ohne zu wissen, dass es vom Pariser Vergnügungsviertel handelt. Wenn dieser Hintergrund manchen Erwachsenen beim Lesen schmunzeln lässt – umso besser.

Illustration aus „Die Mausefalle“; © Hanser Verlag

 

Filmisches Erzählen

Für das Bilderbuch „Die Prinzessin“ (2006) haben Sie einen unvollständig überlieferten Text, den der Komponist Arnold Schönberg seinen Kindern im US-Exil beim Mittagessen erzählte, zu Ende geschrieben. Was hat sie daran gereizt?

Illustration aus „Die Prinzessin“; © Hanser VerlagAn der Geschichte: die Figuren sowie die Zeit, in der sie spielt und die ich nur aus amerikanischen Spielfilmen kenne. Ich schaue mir wahnsinnig gerne Filme an – und ich bemühe mich, Texte in meinen Bilderbüchern filmisch umzusetzen.

Über das Ende habe ich lange nachgedacht, vieles probiert. Dann kam mir die Idee, in einem Satz die Geschichte zu ihrem Anfang zurückzuführen, also das Ganze in einer Art Endlosschleife wieder von vorn beginnen zu lassen und dabei die Buchstaben langsam verschwinden zu lassen: wie bei einer filmischen Überblendung oder einer Stimme, die langsam verstummt. Außerdem erinnerte mich diese Lösung an ein Rondo – passend für die Erzählung eines Komponisten.

Aus wenig Optimales stricken

Auch andere Zeichner illustrieren Lyrikklassiker. Haben Sie da Lieblinge?

Cover von „fünfter sein“; © Beltz und Gelberg Verlagfünfter sein von Ernst Jandl, illustriert von Norman Junge. Ich fand es einfach genial, aus den wenigen Wörtern eine Geschichte zu stricken, in der ramponierte Spielzeugtiere beim Doktor im Vorzimmer sitzen. Bei so einer Lösung habe ich das Gefühl: Verdammt, warum bin ich nicht darauf gekommen?

Werden Sie als nächstes wieder ein Gedicht illustrieren?

Cover von „Mein erstes Auto war rot“; © Hanser VerlagIch habe gerade mit Mein erstes Auto war rot ein umfangreiches Bilderbuch mit einem eigenen Text abgeschlossen, das vor ein paar Tagen erschienen ist.

Jetzt bin ich gerade wieder auf der Suche nach einem neuen Thema. Und, wer weiß: Vielleicht wird es ja wieder ein Gedicht.

Thomas Köster
führte das Gespräch. Er ist einer von zwei Leitern eines Redaktionsbüros und arbeitet als Kultur- und Wissenschaftsjournalist (Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung, NZZ am Sonntag, Westdeutscher Rundfunk) in Köln.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
August 2010

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