Stefan Borst in Brüssel

Belgien – eine Liebe auf den zweiten Blick

Stefan Borst
Stefan Borst
Meine Geschichte als Deutscher in Belgien beginnt mit einer Enttäuschung und vielen Asterix-Heftchen. Vor drei Jahren überraschte ich einige meiner Freunde mit der Ankündigung ins Ausland zu gehen. „Ins Ausland? Toll! Wohin denn? Washington? London? Oder vielleicht Paris?“ Ich zögerte. Nein, Brüssel. Schweigen. „Das liegt doch in Belgien, oder?“ Bestürztheit. Ich versuche meine fünf Minuten Ruhm zu retten. Es ist die Hauptstadt von Belgien und die Zentrale der EU. Keine Chance, der Zauber der weiten Welt ist dahin. Es folgen Witze über beleuchtete Autobahnen und mitleidiges Schulterklopfen. Das Wetter dort soll so schlecht sein. Die „Bei den Belgiern“-Ausgabe von Asterix bekam ich zum Trost dann gleich vier Mal geschenkt.

Eines wurde mir damals schon klar: Belgien ist für die meisten Deutschen terra incognita. Wir spotten zwar gerne über Amerikaner, die glauben Europa läge im Pazifik und Deutschland wäre eine Monarchie. Aber fragen Sie mal ein paar deutsche Durchschnittsbürger auf dem Marienplatz in München, was sie über das Nachbarland Belgien wissen. Belgien? Wo lag das gleich? Die Pommes sollen gut sein.

Das sind sie tatsächlich. Aber warum wollen zwei von drei Deutschen, die nach Belgien ziehen, nie wieder zurück? Nur an geschnippelten und mehrfach in unterschiedlich heißem Fett frittierten Kartoffeln kann das ja kaum liegen.

Belgiens Kapitale Brüssel überschüttet den Teutonen erstmal mit allem, was ihm per se zutiefst zuwider ist. Lärm, Chaos und überbordende Kleinkriminalität gehören zum Normalzustand der Stadt. Ungläubig starre ich als Law-and-Order gewohnter Bayer auf Polizisten, die lieber ihre Zigarette fertig rauchen, als sich darüber aufzuregen, dass ein Auto vor ihren Augen gegen die Richtung der Einbahnstraße fährt. Und erst als mein Auto in einem Jahr zum dritten Mal aufgebrochen wird, komme ich wirklich in Belgien an. Ich spare mir den Gang zur Wache und fahre einfach gleich zum Carglas-Center.

Wenn meine Familie zu Hause das typisch deutsche Klagelied über zu hohe Steuern, zu viel Bürokratie und die Inkompetenz der Telekom anstimmt, kann ich inzwischen nur noch müde lächeln. Die Mehrwertsteuer in Belgien liegt bei 21 Prozent, der Anmeldemarathon bei meiner Stadtteilgemeinde Ixelles/Elsene dauerte drei Monate und erst nach einem halben Jahr hatte ich endlich einen Telefonanschluss von Belgacom, der wenigstens sporadisch funktioniert.

Die Belgier setzen eher auf Entspanntheit. Da zerbricht der kleine Staat fast an den Spannungen zwischen Wallonen und Flamen, eine Regierung nach der anderen scheitert – aber so richtig aufregen will sich darüber niemand. „Das ist ein Streit der Politiker, nicht der Bürger“, meint einer meiner belgischen Freunde.

Genau darin liegt der Reiz dieses Landes. In dieser – im besten Sinne – lässigen Art zu leben. Sehr frei, sehr menschlich, mit viel weniger Angst und Aggression. Selbst im täglichen Verkehrschaos Brüssels sieht man selten Menschen schimpfen. Man übt Nachsicht. Mit dem Nachbarn ebenso wie mit einem Handwerker, der nur halbe Arbeit abliefert.

Entsprechend verwundert reagiert mein Automechaniker Joost, als ich nach einer Auspuffreparatur in seiner Werkstatt stehe und meinem deutschen Zorn Luft mache. Ich habe für einen neuen Auspuff bezahlt und das Ding klappert als würde es gleich abfallen. Er lacht und legt sich unter den Wagen. Aha, zwei Schrauben vergessen. Wie bitte? Vergessen? Ich koche. Der Belgier montiert. Ritsch-Ratsch, jetzt passt’s. Kein Problem. Kein Stress. " Nog een prettige dag – Bonne journée." Warum denn schimpfen? Ich fühle mich an diesem Tag sehr Deutsch.

Belgiens laissez-faire wirkt ansteckend. Das merke ich besonders, wenn ich auf Besuch in Deutschland bin. Die harte Sprache, der grobe Umgang und die allgegenwärtige Genervtheit finde ich mittlerweile sehr anstrengend. Früher hätte ich sie kaum wahrgenommen. „Hamm’se ma nen Löffel“ brüllt da ein Schlipsträger in einem schicken Berliner Cafe seiner Kellnerin nach. Die Dame spurt, der Gast freut sich. Befehle geben gefällt ihm. Ein paar Meter weiter steht ein junger Kerl in Nadelstreifen an der Bar. In Belgien würde er wahrscheinlich mit der Bedienung hinterm Tresen flirten. Hier motzt er sie an. Er will Kakao, aber nicht den normalen, sondern „weißen“. Auch das ist typisch Deutsch: fast alles haben und immer noch meckern.

Wenn mir dann bei der Rückkehr am Flughafen in Brüssel mein nordafrikanischer Taxifahrer den Koffer mit einem fröhlichen „Bonjour Monsieur“ aus der Hand nimmt und sich in französischem Singsang nach meinem Befinden erkundigt, fühle ich mich zuhause. Warum kann man in Deutschland nicht ein wenig belgischer leben? Ein wenig höflicher, toleranter und vor allem mit dieser enormen Fähigkeit zum Genuss. Viele Supermärkte zwischen Brügge und Bastogne gingen in Deutschland glatt als Feinkostläden durch. Nicht umsonst zeigt das Titelbild meiner vier Asterix-Heftchen den kleinen Gallier am üppig beladenen Festtisch mit Horden fröhlich feiernder Belgier.

Zehn Minuten später stehen wir im Stau. Und ich wünsche mir, Belgien würde etwas deutscher funktionieren.

Stefan Borst, Auslandskorrespondent, Focus-Büro Brüssel. 1970 in Stuttgart geboren, aufgewachsen in Bayern. Studierte zunächst Rechtswissenschaften und Politologie an der Universität Regensburg. Nach Abschluss des Jura-Studiums erste Tätigkeit als freier Journalist, gefolgt von einem Volontariat beim Vogel Verlag in München. Während der New-Economy-Phase ein Jahr als Redakteur im deutschen Büro des US-Magazins „Business 2.0“, danach Wechsel als Ressortleiter News/People zur „Wirtschaftswoche E-Business“. Von 2001 bis 2005 Mitglied der Wirtschaftsredaktion des Nachrichtenmagazins FOCUS. Seit 2006 Korrespondent für FOCUS in Brüssel. Verheiratet, ein Sohn.

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