Petra Deters in London

Petra Deters – Übung macht den Meister... oder die Geschäftsführerin!

Copyright: Petra Deters
Copyright: Petra Deters
Ich kam zum ersten Mal im Jahr 1994 als Studentin nach Großbritannien. Dies bedeutete ein Studium am Buckingham College (heute Brunel University) und ein Industriepraktikum in den Midlands. 1998 kam ich wieder nach London, nachdem ich sieben Monate mit dem Rucksack herumgereist war. London sollte meine letzte Station vor meiner Rückkehr nach Deutschland sein, also beschloss ich, „ein bis zwei Jahre“ zu bleiben, um mein Englisch zu verbessern und internationale Arbeitserfahrung zu sammeln, bevor ich nach Deutschland zurückging, um mir eine „richtige“ Stelle zu suchen.

Tatsächlich fand ich eine Stelle als Sachbearbeiterin bei einer Firma, die sich darauf spezialisiert, ausländische Unternehmen bei der Niederlassung in Großbritannien zu beraten. Wegen ihrer engen Verbindung mit Deutschland suchte sie deutsche Muttersprachler, die gern in London leben und arbeiten wollten. Mir wurde allerdings gesagt, dass ich mein Englisch noch weiter verbessern musste. Ich besuchte also Sprachkurse, und offensichtlich hat das gepasst, denn ich bin immer noch da und inzwischen Mitglied der Geschäftsführung!

Ich spreche nach wie vor so gut wie jeden Tag mit unseren Kunden Deutsch, aber abgesehen davon spreche ich praktisch die ganze Zeit Englisch. Die „Umgangssprache“ im Büro ist Englisch, und alle unsere ausländischen Muttersprachler sprechen sehr gutes Englisch. Es ist manchmal aber schon lustig, wenn mehrere deutschsprachige Personen alle miteinander auf Englisch drauflos schwatzen – das gewöhnt man sich einfach an, wenn man hier so langsam heimisch wird. Wir stellen oft fest, dass wir zwanzig Minuten nach Büroschluss immer noch munter miteinander Englisch reden! Allerdings habe ich auch viele deutsche Freunde, mit denen ich mich regelmäßig treffe. Wenn wir uns unterhalten, wechseln wir oft mitten im Satz oder sogar mitten im Wort von Deutsch zu Englisch und umgekehrt.

Als Englandfan war es für mich kein Problem und ein Vergnügen, mich in alle Aspekte der britischen Kultur hineinzuversenken, aber manche Dinge waren doch einfacher als andere. Ein Besuch bei einem Popkonzert ist zum Beispiel leichter „übertragbar“ als ein Abend im Theater. Ich glaube allerdings, dass die Sprachbarriere bei Shakespeare-Aufführungen für Muttersprachler ungefähr genauso groß ist wie für Nichtmuttersprachler! Heutzutage denke ich überhaupt nicht mehr über die Sprachbarriere nach, denn Übung und von englischen Muttersprachlern aufgeschnappte Worte und Redewendungen machen den Meister – wenigstens beinahe!

Meine Arbeit bringt mit sich, dass ich an vielen Events und kulturellen Veranstaltungen teilnehme, doch ich glaube, ich werde mir fest vornehmen, mein Deutsch auch durch Veranstaltungen für Deutschinteressierte außerhalb meiner Arbeit zu pflegen. Ich treffe mich oft mit Arbeitskollegen und unseren Freunden, um alles Deutsche in London zu erkunden, und manchmal laden wir auch unsere englischen Freunde dazu ein (unser kleiner Beitrag zum kulturellen Austausch). Unser Glück ist, dass wir in der Hauptstadt wohnen, denn hier ist die deutsche Gemeinde groß genug, um in den Gastspielkalender der meisten Künstler aufgenommen zu werden, und Orte wie der Borough Market* und der German Deli** sorgen für heimatliche Gefühle.

Wenn mich englische Freunde besuchen, koche ich ihnen möglichst deutsche Gerichte, sofern sie sich trauen, so etwas zu probieren. Auf jeden Fall gibt es seit einiger Zeit viel mehr deutsche Produkte in Großbritannien zu kaufen, von denen ich viele aus erster Hand kenne, weil ich die Kunden durch meine Arbeit unterstützt habe. Wenn ich also heute von meinen Besuchen in Deutschland zurückkomme, habe ich im Koffer mehr Platz für die Kleider.

Als ich in Großbritannien ankam, fand ich es toll, wie nett und herzlich alle waren, hatte aber Probleme mit der weniger direkten Art bei gemeinsamen Unternehmungen, etwa wenn jemand sagt: „Das müssen wir unbedingt machen“, und dann passiert nichts! Unter Deutschen macht man selbstverständlich einen Ort und eine Zeit aus und erscheint dann ohne weitere Umstände wie vereinbart, selbst wenn es Monate später ist. Ich denke, das habe ich inzwischen im Griff, aber es zeigt wieder einmal, um welche Feinheiten es bei Beziehungen zwischen verschiedenen Kulturen gehen kann!

* Borough Market: Bekanntester Londoner Markt für britische und internationale Lebensmittel und Delikatessen

** German Deli: Spezialitätenhandel für deutsche Lebensmittel und Gebrauchswaren

Copyright: Goethe-Institut London

Übersetzt von Susanne Mattern

September 2010

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