Anselm Heinrich in Glasgow

Pommes rot-weiß oder bangers and mash?

Copyright: Anselm Heinrich
Copyright: Anselm Heinrich
Seit fast zehn Jahren lebe ich nun schon in Großbritannien, erst in Hull, dann in York und Lancaster, jetzt im schottischen Glasgow. Meine Frau, ebenfalls ursprünglich aus dem schönen Ruhrpott, spielt Geige im schottischen Nationalorchester, und unsere beiden Töchter sind hier geboren. Die Frage, warum ich nun schon so lange auf der Insel lebe, stellt sich mir eigentlich selten – dieses Land war bisher gut zu mir, wir sind glücklich hier. Aber was macht die Anziehungskraft Schottlands eigentlich aus?

Mein Traum vom Leben im Vereinigten Königreich entwickelte sich früh – und begann schon in der Schule. Die Unterstufenfahrten in unsere Partnerstadt Hastings waren für mich der Beginn einer großen Liebe: nein, nicht nur Katie, ihr ganzes Heimatland hatte es mir angetan. Weitere Klassenfahrten ins gelobte Land folgten, wieder waren es nicht nur rauschende Parties und die zweite Liebe, sondern auch die britische Gastfreundschaft, der lockere Umgang und der trockene Humor, die mich begeisterten.

Vorurteile ...

Viele meiner alten Freunde in Deutschland bemühen die alten Vorurteile, wenn sie von Großbritannien sprechen – ganz abgesehen davon, dass fast niemand den Unterschied zwischen England und Großbritannien begreift und die meisten Schottland für einen Teil Englands halten – in Schottland ein Kapitalverbrechen. Wie könne ich es in einem Land aushalten, in dem das Essen ungenießbar, das Bier lau, das Leben teuer und das Wetter schlecht sei. Die Briten seien sonderbar und sogar noch stolz darauf. Alles Quatsch, sage ich, und der völlig falsche Ansatz. Wie wohltuend sind doch Exzentriker, die sich dem „mainstream“ einfach nicht unterwerfen wollen, und die man auf der Insel häufiger als anderswo anzutreffen scheint. Schlechtes Essen muss man hier mittlerweile regelrecht suchen, in Glasgow gibt es an jeder Ecke hervorragenden italienischen Kaffee, Delikatessengeschäfte mit guten internationalen Weinen und preisgekrönte Restaurants. Was das britische Bier angeht – davor habe ich selbst eingefleischte Pilstrinker aus Deutschland schon den Hut ziehen sehen. Und den Sommer kann man ja woanders verbringen – wie sagt mein schottischer Kollege Alan so treffend: „You don’t come to Scotland for a tan“.

... entlarvt

Mich jedenfalls begeistern die britische Fairness, Toleranz und das Gefühl von persönlicher Freiheit und Verantwortung. Bei „rot“ über die Straße zu gehen, ist in Großbritannien kein Problem, schließlich muss jeder selbst wissen, ob man sich dieser Gefahr aussetzen will. Man trifft hier auf Unverständnis, wenn man erzählt, dass es in Deutschland bei Strafe verboten ist, bei „rot“ die Straße zu überqueren, und blankes Entsetzen begegnet mir, wenn ich von Radfahrern erzähle, die mitten in der Nacht auf einer menschenleeren Kreuzung bei „rot“ anhalten. Die Angst, dass der Staat versuchen könnte, individuelle Freiheiten einzuschränken, ist bei den Briten weit verbreitet. Daher auch der Horror vor „Brüssel“ und EU-Richtlinien, die alles vorzuschreiben scheinen.

Nörgelnde Nachbarn, zurechtweisende Mitmenschen, überhaupt Besserwisser, habe ich bisher kaum getroffen. Niemanden stört es, wenn wir am Sonntag im Garten die Wäsche aufhängen, den Rasen mähen oder einen Tag zu früh den Mülleimer rausstellen. Der in Deutschland so verbreiteten Jammerei begegnet man hier selten. Wenn dort ein Zug ein paar Minuten Verspätung hat und regungslos irgendwo in den Weiten des Münsterlandes steht, gehen die Fahrgäste auf die Barrikaden, in Großbritannien geht man mit solchen Situationen lässiger um, man kann ja doch nichts daran ändern. Also tauscht man die neuesten Witze aus oder ruft zuhause an, um zu erfahren, was in der aktuellen Folge von Eastenders gerade passiert. Nirgendwo sonst habe ich bisher soviel Lockerheit und Freundlichkeit erlebt. Der Busfahrer verabschiedet sich von seinen Fahrgästen, der Taxifahrer steht einem freundlichen small talk offen gegenüber und selbstverständlich wird einem die Tür aufgehalten – nicht nur, wenn man an Krücken geht.

Die Schotten und ihr Fußball

Es gibt allerdings eine Ausnahme, bei der alle Freundlichkeiten über Bord geworfen werden: Fußball. Wenn in Glasgow ein Old Firm Derby ansteht, und Rangers auf Celtic trifft, geht es um weit mehr als nur Fußball. Einig sind sich beide Lager nur, wenn es um die schottische Nationalmannschaft geht. Die spielt seit eh und je eher mediokren Fußball – obwohl sie in der gerade vergangenen EM-Qualifikation mit einigen Siegen auf sich aufmerksam gemacht hat – aber das ist ihren Fans ziemlich egal. Heimspiele sind regelmäßig ausverkauft, beim Auswärtsspiel gegen Frankreich folgten 20.000 Schotten ihrer Mannschaft nach Paris, die Begeisterung ist enorm. Die Fans saufen zwar wie die Weltmeister, Ausschreitungen aber gibt es selten und DER SPIEGEL meinte jüngst, Schottland habe „die nettesten besoffensten Fans der Welt“. Folgerichtig forderte Christoph Biermann die deutschen Fans vor dem entscheidenden EM-Qualifikationsspiel der Schotten gegen Georgien (das die Schotten dann leider verloren) dazu auf, nationale Eitelkeiten über Bord zu werfen, denn „heute sind wir alle Schotten”.

Als deutscher Fußballfan hat man es in Glasgow relativ leicht. Je nachdem, mit wem man gerade spricht, kann man sich immer elegant aus der Affäre ziehen. Rangers-Fans kann ich mit Detailwissen zu Stefan Klos (ex-BVB) begeistern und Celtic-Fans wissen sehr zu schätzen, dass es Paul Lambert erst in Dortmund zum wahren Star geschafft. Mit Bewunderung sprechen schottische Fans von der deutschen Mannschaft, die 1974 Weltmeister wurde, von Beckenbauer und Müller. Die schönste Gemeinsamkeit aber ist natürlich die Abneigung gegen die englische Nationalmannschaft, die bei jedem internationalen Wettbewerb arrogant davon ausgeht, den Titel locker gewinnen zu können, um dann jämmerlich in der Vorrunde zu scheitern. In England ist es geradezu unmöglich, das Aufeinandertreffen der deutschen und englischen Mannschaften im Pub zu verfolgen – es sei denn man gibt sich neutraler Däne aus und jubelt bei Toren nur heimlich. Wie viel schöner der Anblick in Glasgower Kneipen beim Halbfinalsieg der Brasilianer gegen England bei der WM 2002: alles war komplett in grün und gelb gehüllt.

Eines indes werden die Schotten uns Deutschen nie verzeihen: Berti Vogts. Aber auch hier zeigt sich der Schotte von seiner fairen Seite: Über Berti Vogts wird aus Gründen des Anstands der Mantel des Schweigens gehüllt. Fair enough, sage ich, und damit können auch meine deutschen Freunde gut leben.

 

Dr. Anselm Heinrich ist Dozent für Theaterwissenschaften an University of Glasgow. 1971 im badischen Bühl geboren und im westfälischen Schwerte aufgewachsen, hat er in Münster studiert und im englischen Hull promoviert. Danach zunächst Lektor in Hull, dann Wissenschaftlicher Assistent in Lancaster und seit 2006 Lecturer in Theatre Studies in Glasgow. Veröffentlichen zu deutscher und britischer Geschichte (zuletzt „Entertainment, Education, Propaganda. Regional Theatres in Germany and Britain Between 1918 and 1945“ (2007)) und Übersetzungen (im Augenglick „Not Yet“ von Sarah Jane Dickenson, dt. Uraufführung beim Theaterprojekt des Goethe-Instituts „After the Fall. Europa nach 1989“). Anselm spielt Fußball (schlecht) und Schlagzeug (mäßig), aber beides mit Begeisterung.

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