Martin Kreklau in Dublin

Martin Kreklau in Dublin

self-service checkout  © Christine PepersackZwei Monate Ausland, das ist selbst für erfahrene Reisende ein kleines Abenteuer. Auch wenn das Reiseziel nicht Burkina Faso, sondern Dublin heißt, lassen sich bei genauerer Betrachtung doch gravierende kulturelle Unterschiede entdecken. Besonders interessant an Dublin ist, dass auf die Stadt die oft gebrauchte Metapher vom Schmelztiegel der Kulturen so zutrifft und sich durch dieses internationale Zusammentreffen unheimlich witzige Szenen ergeben. Aber nicht nur im Großen sind diese Stadt und dieses Land interessant – auch das Bus fahren kann hier schnell zu einem Abenteuer werden. Um meine Erlebnisse und den täglichen Wahnsinn zu dokumentieren, habe ich das Blog „Dublin 2011 – Martin allein in Irland“ gestartet.

Rage against the machine

Die Iren sind wesentlich weniger streitsüchtig als die Deutschen. Verbalen Konflikten geht man hier möglichst aus dem Weg, Streitgesprächen sowieso. Und wenn man als Tourist dann doch mit einem Iren streiten muss, dann merkt man ihm das Unbehagen förmlich an. Wenn man in einem deutschen Supermarkt etwas länger am Pfandrückgabe-Automaten braucht, dann kann man sicher sein, dass ein dummer Kommentar von irgendwoher kommt. In Irland wäre das undenkbar. Hier würde man eher auf denjenigen zugehen und ihm erklären, dass es einfach nicht funktioniert, wenn man die Flaschen mit dem Deckel zu erst in die Maschine stopft und dass das laute Alarmsignal das der Automat von sich gibt, genau das ausdrücken will. Diese Hilfsbereitschaft ist so liebenswürdig an den Menschen hier – und wirkt auf unsereins fast schon grotesk.

Ein gutes Beispiel sind die neuen Kassen in Irland. Während bei uns noch die gelangweilte Verkäuferin die Artikel über das Lesegerät zieht, wurde sie in Irland kurzerhand wegrationalisiert. Stattdessen „sitzt“ dort jetzt ein Automat, aus dem eine freundliche Frauenstimme ertönt: „Please scan your items“. Daneben gibt es meist noch eine einzige mit einer unfreundlichen Verkäuferin besetzte Kasse, für genau die alten Leute, die in Deutschland auch ständig die Flaschen falsch herum in den Automaten stecken. Zugegeben, ich habe mich am Anfang auch an der Alte-Leute-Kasse angestellt, aus Angst, mich an dem Kassenautomaten zu blamieren. Letzteres hab ich dann auch geschafft, als ich mich endlich dazu durchgerungen hatte, der neuen Technik eine Chance zu geben.

self-service checkout  © Christine PepersackWie der berühmte Ochs vorm Berg stand ich vor dem Kassenautomaten. Solche Szenen spielen sich natürlich auch immer genau dann ab, wenn gerade 800 Leute zur Mittagspause den Laden stürmen, um sich ihr Essen für die Pause zu kaufen. Ich scanne also mein erstes Item, wie die freundliche Stimme aus der Blechbox gesagt hat. Es piepst, der Preis erscheint auf dem Display, „Haha!“, denke ich, „ich bin doch nicht so blöd“. Dann das zweite Item. Doch da tat sich schon das erste Problem auf, denn der Automat wollte, egal in welcher Position ich den Artikel über das Lesegerät zog, den Preis nicht anzeigen. Proportional zur Länge der Schlange hinter mir, stieg meine Panik. Da erbarmte sich eine junge Dame, drückte auf „Cancel“ und erklärte mir das Gerät. Zuerst alles auf die linke Seite legen. Dann scannen. Dann auf die rechte Seite legen. Dort ist eine Waage angebracht, die den gescannten Artikel prüft. Sonst könnte man ja eine Kekspackung scannen und eine Flasche Wein mitnehmen. Wenn alles gescannt ist, dann einfach auf „Finish & Pay“ auf dem Touchscreen drücken, Geld einwerfen, Wechselgeld und Artikel einsammeln. Fertig.

Mit einem „Thanks a lot“ und einem freundlichen Lächeln habe ich mich dann von der Dame verabschiedet. In der selben Situation hätte ich in Deutschland vermutlich Sachen zu hören bekommen wie „Oh Mann, manche Leute sind echt zu doof zum Einkaufen“, oder „Wie lange kann man denn für drei Artikel brauchen?“. Die irische Lösung hat dabei gleich mehrere Vorteile: 1. Man kann sich unterhalten (für die Iren immer sehr wichtig), 2. Man hat das gute Gefühl jemandem weiter geholfen zu haben und 3. man kommt selbst schneller dran, wenn man dem langsamen Trottel erklärt wie’s funktioniert, damit er endlich verschwindet. Vielleicht sollten die Deutschen sich einen Spruch von Goethe zu Herzen nehmen:

"Der Rettende fasst an und klügelt nicht."

Never mess with Dublin Bus

Bus fahren in Irland ist Glücksache. Denn wann und ob überhaupt ein Bus kommt, das hängt weniger vom Fahrplan als vielmehr von der Laune des jeweiligen Busfahrers ab. Und die ist, vor allem morgens, mit einem Wort zu beschreiben: schlecht. Das Grundproblem ist, dass der irische Busfahrer an sich lieber fährt als hält. Es ärgert ihn also jedes mal, wenn jemand ein- beziehungsweise aussteigen will, weil er dadurch offenbar in seinem Flow gestört wird. Da das Ein- und Aussteigen bei Bussen öfter der Fall ist, kann man sich leicht vorstellen, wie oft sich ein Busfahrer in Dublin am Tag ärgern muss. Wenn es ihm dann zu blöd wird, dann lässt er Haltestellen einfach aus oder ändert kurzerhand die gesamte Route.

Heute bin ich auf gut Glück in einen Bus eingestiegen, der eigentlich ungefähr in meine Richtung gefahren wäre. Als ich dann drin stand, fragte ich freundlich „Do you drive via Merrion Square?“. Während er die Türen schloss, antwortete der Busfahrer beiläufig „No!“ und fuhr weiter. Als ich daraufhin wohl etwas irritiert geschaut habe, meinte er nur: „Get off at the next station!“. Dass diese nun so gar nicht meinem Weg entsprach störte ihn nur wenig. Er wollte schließlich fahren und nicht sein halbes Leben stehend an einer Haltestelle verbringen, bis er mir erklärt hatte, dass er NICHT zum Merrion Square fährt. Ganz klar, oder?

Dublin Bus. Photo: Trainler. Nachdem ich dann eine viertel Stunde zurück zur richtigen Haltestelle gelaufen war, kam kurze Zeit darauf auch der richtige Bus und ich war – sozusagen – auf dem richtigen Weg. Also habe ich es mir im oberen Stockwerk des Doppeldeckers bequem gemacht – möglichst weit vorne, da man da das morgendliche Treiben auf den Straßen Dublins besonders gut unter die Lupe nehmen kann. Als wir dann an der O’Connell Street an einer Ampel standen, bahnte sich ein gefährliches Duell an, denn obwohl die Ampel gerade auf grün umschaltete, überquerte ein junger Mann lässigen Schrittes die Straße. Der junge Mann – überraschender Weise in einen grauen Jogginganzug gehüllt – trug seinen Kaffee in der einen und sein Frühstücks-Hörnchen in der anderen Hand, schlenderte betont lässig über die Straße und warf dem Busfahrer einen provozierenden Blick zu, der zu sagen schien: „Haha! Ich bin so cool und du musst warten bis ich über die Straße gegangen bin, weil überfahren kannst du mich ja nicht einfach!“. Tja. Da hatte er die Rechnung allerdings ohne den Busfahrer gemacht, der seinerseits nämlich Vollgas gab und auf den extrem coolen jungen Mann zuraste. Als letzterer sich dachte „Des könnte jetzt doch a bisserl eng werden!“ und seinen Schritt leicht beschleunigte – aber weiterhin natürlich sehr cool – betätigte der Busfahrer die Hupe und raste haarscharf am Rücken des schlabbrigen Stressers vorbei. Der wiederum erschrak bei der Hupe so sehr, dass er die Hände hoch riss und sich bei der Gelegenheit den heißen Kaffee über seinen grauen Jogginganzug kippte.

Das Gesicht des Busfahrers konnte ich leider nicht sehen, aber ich bin mir sicher, es war ein triumphales, hasta-la-vista-mäßiges Grinsen über beide Backen. Denn da freut er sich dann der Dubliner Busfahrer und denkt sich „Never mess with Dublin Bus!“. Übrigens bedanken sich alle Fahrgäste, während sie aussteigen, beim Fahrer. Diese Tatsache liegt wohl weniger an der Höflichkeit der Iren, sondern vielmehr am Fahrstil der Busfahrer. Diese Geste soll wohl sagen: „Danke, dass du uns trotz allem heil an Ort und Stelle abgeliefert hast.“ Was angesichts der Zuverlässigkeit der Dubliner Busse fast schon als „niedlich“ bezeichnet werden muss, ist der Versuch, elektronische Fahrpläne an den Haltestellen zu installieren. Diese sagen einem, in wieviel Minuten welche Linie abfährt. Da der Fahrplan allerdings wie gesagt von der Laune der Fahrer abhängt, steht man oft in freudiger Erwartung an der Haltestelle. 13 Minuten. 10 Minuten. 5 Minuten. Dann sind es nur noch zwei Minuten bis der ersehnte Bus eintreffen soll und plötzlich verschwindet er einfach von der Anzeigetafel und kommt dann doch nicht.

Ich habe mich beim Aussteigen jedenfalls auch beim Busfahrer bedankt und wollte ihm eigentlich noch zu seinem glorreichen Sieg gratulieren. Doch er war schon wieder abgefahren.

Die Abkürzung von Dublin Bus ist logischerweise DB. Ob die Zuverlässigkeit des Verkehrsmittels etwas mit diesem Kürzel zu tun hat? Besser zu spät als nie.

Eye of the storm

Das Wochenende naht und mit ihm ein Tiefdruckgebiet. Während man unter der Woche im Büro schmort, herrscht draußen strahlender Sonnenschein, doch sobald sich etwas Freizeit am Horizont abzeichnet, schlägt das Wetter mit der Wind und Regenkeule zu. Entgegen eines weit verbreiteten Vorurteils regnet es in Irland nicht immer. Dieses Stereotyp soll an dieser Stelle nun endlich ausgeräumt und ein für alle Mal korrigiert werden: Es regnet nicht immer, es regnet meistens.

© SamBoal/Photocall Ireland Interessant ist schon, wie die einzelnen Einwohner-Gruppen Dublins auf die verschiedenen Wetter-Kapriolen reagieren. Gruppe 1: Die Touristen. Den gemeinen Touristen in Dublin erkennt man meist an seiner Regenjacke, dem schwer beladenen Rucksack, der umgehängten Kamera sowie an seinem verwirrten Blick auf einen Stadtplan während er – was hier sonst niemand tut – an einer roten Ampel wartet. Unterschiede in der Reaktion auf das Wetter gibt es meist bezüglich der Herkunft des jeweiligen Reisenden. Der deutsche Tourist im allgemeinen lässt sich von dem oft herrschenden Nieselregen (genannt „soft rain“) nicht beeindrucken – klar, er kennt das ja aus der Heimat. Anders hingegen sieht es vor allem bei südländischen Touristen wie etwa Spaniern oder Italienern aus: So bald ein Regentröpfchen die sonnenverwöhnte Nase tangiert, wird der Regenschirm ausgefahren. Dann lässt sich oftmals ein interessantes Naturschauspiel beobachten, denn die meisten Südländer haben ihre Rechnung ohne den irischen Wind gemacht. Der klappt nämlich den Billig-Regenschirm schneller wieder zusammen als er ausgeklappt werden kann. So kämpft dann der sich vor dem Regen schützen wollende Tourist hartnäckig mit den Naturgewalten und wird dabei nasser, als wenn er im soft rain einfach weiter gelaufen wäre.

Gruppe 2: Die Einheimischen. Die Iren sind ihr Wetter selbstverständlich gewöhnt. Das bezeugen humoristische Sprichwörter wie „Das einzige, was am irischen Wetter vorhersagbar ist, ist das es sich ändern wird“ oder „Wie war der Sommer in Irland? Ich glaube er fiel auf einen Donnerstag!“. Im Einzelnen heißt das, dass es schon aus Kübeln schütten muss, bis der Ire eine Mütze aufsetzt und das schon sintflutartige Regenfälle herrschen müssen, bis er sich irgendwo unterstellt. Und solange kein Orkan oder Hurricane seine Insel heimsucht, wird der Wind einfach ignoriert. Nach dem Motto, ein Wind, der keine Ziegel vom Dach fegt, ist kein Wind. Während Touristen mit ihren vom Winde verwehten Regenschirmen kämpfen und halb von der Straße geweht werden, geht der Ire einfach weiter. Umgekehrt ist die Reaktion bei Sonnenschein. Sobald sich Sonnenstrahlen auch nur mit dem Gedanken befassen eventuell bald durch die meist dichte Wolkendecke zu dringen, reißt sich der Ire reflexartig die Kleider vom Leib. Sobald es über 12 Grad hat, werfen sich die Ladys in knappe Miniröcke und Hotpants und Flip-Flops, die Herren in kurze Hosen, T-Shirt und Sandalen. Strumpfhosen und Socken trägt bei dieser Hitze natürlich niemand.

Martin Kreklau. (Geboren 1986. Hat Germanistik/Journalistik und Volkskunde/Europäische Ethnologie studiert Arbeitet seit seinem Praktikum beim Goethe-Institut Irland für eine große Mediengruppe in Nordbayern.)

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