Louise Mowll in London

Lou Mowll – Die heimliche Deutsche

Copyright: Louise Mowll
Copyright: Louise Mowll

Ich bin Teilzeitstudentin am Centre for Anglo-German Cultural Relations, wo ich ein MA-Studium mache. Das Zentrum gehört zum Queen Mary College der University of London, der gleichen Uni, an der ich vor einer halben Ewigkeit mein BA-Studium absolviert habe.

Ich bin Engländerin und in Großbritannien geboren, war aber als Kind viel in Deutschland und habe bestimmt den größten Teil meiner Sommerferien in Norddeutschland verbracht, wo ich mit deutschen und englischen Kindern zusammen war. Ehrlich gesagt, konnte ich abgesehen von der anfänglichen Sprachbarriere eigentlich wenig Unterschied erkennen. Ich kam immer mit Koffern voll Haribo für meine Freunde nach England zurück, und jetzt fällt mir auch wieder ein, dass ich ihnen oft mehrfarbige Notizblöcke oder diese Sticker von Marienkäfern und Pferden, die Kinder gern auf ihre Schulhefte kleben, mitbringen sollte. Deutschland, der Geheimtipp für schöne Schreibwaren!

Obwohl meine Familie wieder nach England zog, spürte ich doch eine echte Bindung an Deutschland. Als ich mich dann in etwas reiferem Alter doch noch zu einem Universitätsstudium entschloss, waren Germanistik und Betriebswirtschaft für mich als Studienfächer naheliegend. Damals lebte ich schon viele Jahre in London und sah mich wahrscheinlich sowieso als richtige “heimliche Deutsche“. „Germanophil“ wäre vermutlich zutreffend gewesen, wenn ich nicht großen Spaß daran gehabt hätte, deutsche Touristen in London genau dann, wenn sie am wenigsten damit rechneten, mit einem plötzlichen Wortschwall in freundlichem Deutsch zu überraschen. Ein typisches Bild von den Engländern ist deren allgemeine Unwilligkeit (oder Unfähigkeit), andere Sprachen zu lernen, deshalb war die Reaktion immer lustig. Allerdings konnte ich niemals sicher sein, ob der Überraschungseffekt durch den plötzlichen Wortschwall, die Tatsache, dass in England doch jemand deutsch sprach, oder meinen Akzent ausgelöst wurde.

Ich stellte fest, dass dies auch umgekehrt funktionierte. Da ich anfangs für eine englische Firma ohne Verbindung mit Deutschland arbeitete, kam niemand auf die Idee, bei mir eine Beziehung zu Deutschland zu vermuten. Wenn das Thema dann doch aufkam – vom Fußball reden wir lieber nicht – dann bekam ich zu hören, was die Leute in dieser Hinsicht wirklich dachten (oder sagen wollten), bevor ich mich als heimliche Deutsche outete. Als ich wieder zur Uni ging und etwas über die „Ethik“ solcher versteckter Recherchen lernte, musste ich mir natürlich ein neues Steckenpferd suchen.

Aber mal im Ernst, ich stehe voll hinter der Idee, dass man die „Nachbarn“ kennenlernen und sich verpflichten sollte, einige Zeit die Kultur anderer zu erleben. Das ist ganz wichtig, um die Vorstellungen von der anderen Kultur zu durchbrechen. Vorurteile und Voreingenommenheit werden dadurch leichter abgebaut oder kommen wenigstens ans Licht, und dies schafft die Basis für ein besseres Verständnis. Im MA-Studiengang am CAGCR werden wir dazu angehalten, dies zu bedenken und zu erforschen, und dank der berufsbezogenen Komponente kann ich dies auch in meine Arbeit einbringen. Die Organisation, für die ich arbeite, ist eine zentrale Anlaufstelle für Firmen mit Geschäftstätigkeit in verschiedenen Ländern. Neben der Buchhaltung spielen kulturelles Verständnis and Respekt eine Schlüsselrolle als Grundlage für unsere Dienstleistungen.

Im Lauf der Jahre konnte ich immer auf das Goethe-Institut zurückgreifen, um mein Deutsch aufzufrischen, und inzwischen lese ich regelmäßig Rorys Blog, weil ich seinen Reisejournalismus und seinen humoristischen Stil liebe. Aber von den Inselbewohnern und ihren Ansichten über den (deutschen) Humor fange ich lieber gar nicht erst an …

Copyright: Goethe-Institut London

Übersetzt von Susanne Mattern

September 2010

Links zum Thema

Weblog: Rorys Berlin-Blog

Rory MacLean Weblog
Wie lebt man sich in Berlin ein? Reiseschriftsteller Rory MacLean beschreibt sein neues Zuhause mit Scharfsinn und Humor.

Weblog: „Meet in Finland“

Unter „Meet in Finland“ können Sie lesen, was Autoren und Künstler, die auf Einladung des Goethe-Instituts eine längere Zeit in Finnland verbringen, dort erleben.