Lesen – Die Deutschen und das Oktoberfest

Alle Jahre wieder: Ein Prosit der Gemütlichkeit auf dem Münchner Oktoberfest

Das Logo des Oktoberfests. Foto/Copyright: BenassiWenn sich an einem Samstag in München um acht Uhr morgens Schlangen mit zehntausenden Menschen bilden, gibt es dafür nur einen Grund: Das Oktoberfest beginnt.

VIP oder VEP

Am 20. September 2008 um neun Uhr öffneten sich wie jedes Jahr sich die Türen der vierzehn großen Bierzelte. Die rund 100.000 Sitzplätze sind in Windeseile belegt, dennoch bleiben viele draußen. Wer zu spät kommt oder keine Beziehungen hat, muss nun warten, bis die ersten gehen. Das dauert. VIP oder VEP, das ist die entscheidende Frage – very important oder very early person. Wer es geschafft hat, in ein Zelt zu gelangen, darf sich erst mal entspannen, denn bis zum offiziellen Start des „schönsten und größten Festes der Welt“, wie Bayerns Ministerpräsident Günther Beckstein es bezeichnet, sind es noch drei Stunden. Im Festzelt. Foto/Copyright: BenassiTraditionell sticht Münchens Oberbürgermeister Christian Ude um Punkt zwölf Uhr das Holzfass mit dem ersten Bier an. Nur zwei Hammerschläge braucht er in diesem Jahr und wiederholt damit seinen Rekord von 2006. Zwölf Kanonenschüsse hört man über die Theresienwiese, das Signal für die Wirte, dass sie mit dem Bierverkauf beginnen dürfen. Kurz danach laufen die Bedienungen mit Armen voller Krügen durch die Gänge, um die durstigen Gäste endlich zu versorgen.

Erstaunlich friedlich

Das Oktoberfest genießt weltweit den Status einer Legende. Schließlich ist es, wie die Deutsche Zentrale für Tourismus 1999 ermittelte, im Ausland so „typisch deutsch“ wie Adolf Hitler und die Berliner Mauer. Auch dieses Jahr werden in 16 Tagen zirka 7 Millionen Menschen das Gelände am Rande des Münchener Stadtzentrums besuchen und im Durchschnitt etwas mehr als eine Maß (einen Liter) Bier konsumieren. Dass dabei Hunger aufkommt, versteht sich von selbst. 2007 aßen 6,7 Millionen Besucher 104 Ochsen, 58.446 Schweinshaxen und 521.872 Brathendl (Grillhähnchen). Dazu kommen Berge an Fischen, Bratwürsten und Süßigkeiten aller Art.

Der Trachtenumzug zur Eröffnung des Oktoberfestes. Foto/Copyright: BenassiDoch Zahlen helfen das Phänomen Oktoberfest zu verstehen. Zwar gibt es vor Beginn des Oktoberfestes traditionell heftige Diskussionen über die hohen Bierpreise (zwischen 7,80 und 8,30 Euro je Maß in diesem Jahr), doch spätestens bei der zweiten Maß sind den meisten Besuchern die hohen Preise ziemlich egal. Schließlich geht es nicht so sehr ums Geld, sondern mehr um die Stimmung: Bei so vielen Menschen ist es eine positive Überraschung, wie friedlich das Fest verläuft.

Ursprünglich ein Pferderennen

Kellner mit Maßkrügen. Foto/Copyright: BenassiDas Fest fand zum ersten Mal 1810 statt, um die Hochzeit zwischen Kronprinz Ludwig und Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen zu feiern. Der Festplatz wurde nach dieser Prinzessin auf den Namen „Theresienwiese“, kurz auch „Wiesn“ getauft. Damals fand ein Pferderennen statt. Der Erfolg des Spektakels auf der Wiesn war so groß, dass es in den folgenden Jahren wiederholt wurde und sich zu einem Volksfest entwickelte. Neben Bierzelten – in Wirklichkeit große Gebäude, die jedes Jahr auf- und wieder abgebaut werden – gibt es auch einen riesigen Vergnügungspark und viele Buden mit traditionellem Essen. Ein Erlebnis für Groß und Klein, wie auch für Besucher aus aller Welt.

So sind an jedem der drei Oktoberfestwochenenden die Zufahrtsstraßen aus dem Süden hoffnungslos mit Wohnmobilen aus Italien verstopft. Japaner in Lederhosen und Dirndl, die traditionelle Bekleidung der Bayern, nehmen am Trachten- und Schützenzug am ersten Festsonntag teil. Auf das Gelände strömen Menschen aus Indien, Amerika, Australien, Afrika, China. Sie alle scheinen begeistert von der fröhlichen Atmosphäre und dem bunten Treiben.

Gigantische Geldlawine

Fahrgeschäft auf dem Oktoberfest. Foto/Copyright: BenassiÜber eine Milliarde Euro Umsatz bringt das Spektakel, dazu bietet es allein auf dem Gelände 12.000 Menschen Arbeit. Hinzu kommen Übernachtungen, Einkaufsbummel, Fahrten mit Taxis und öffentlichen Verkehrsmitteln. Eine gigantische Geldlawine, die jedes Jahr ins Rollen kommt.

Obwohl das erste Oktoberfest vor 198 Jahren stattfand, gab es bis 2008 insgesamt 23 Ausfälle. Die Gründe dafür waren: Kriege, Cholera, Weltwirtschaftskrisen. Seit 1949 hat es jährlich stattgefunden.

Für Kummer ist auf der Theresienwiese kein Platz. Wer einmal in einem der Zelte mit Bierkrug in der Hand auf der Bank getanzt und mit dem Nachbarn angestoßen hat, während die Blasmusiker mal wieder „Ein Prosit der Gemütlichkeit. Eins, zwei, drei – Gsuffa!“ anstimmen, möchte die Atmosphäre nicht mehr missen.

Originalartikel
Giuliano Benassi
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Oktober 2008
Nächste Übung
Faktencheck

    Weblog: Rorys Berlin-Blog

    Rory MacLean Weblog
    Wie lebt man sich in Berlin ein? Reiseschriftsteller Rory MacLean beschreibt sein neues Zuhause mit Scharfsinn und Humor.

    Weblog: „Meet in Finland“

    Unter „Meet in Finland“ können Sie lesen, was Autoren und Künstler, die auf Einladung des Goethe-Instituts eine längere Zeit in Finnland verbringen, dort erleben.