Arwed Messmer

Arwed Messmer im Interview mit Rory MacLean

Norbert Kentrup with Rory MacLean (behind)
Rory mit Arwed Messmer.  Copyright R MacLean
Rory mit Arwed Messmer
Vor der Erfindung der Fotografie versuchten die Maler, in ihren Gemälden das Erscheinungsbild der Welt wiederzugeben. Mit der Einführung des Fotoapparats fiel die Malerei als realistische Ausdrucksform in Ungnade. Den Malern stand es jetzt frei, die Welt zu interpretieren, und so entwickelten sich zum Beispiel Impressionismus, Expressionismus und die abstrakte Kunst. Doch waren die Fotografen nicht gewillt, einfach nur externe Realitäten zu dokumentieren. Diese Dynamik zwischen Realismus und Interpretation macht die Fotografie heute zu einem der spannendsten künstlerischen Medien.

Arwed Messmer stammt aus Schopfheim in Südwestdeutschland. Als Teenager war er von Dampflokomotiven besessen und fuhr nach Ostdeutschland, um sie zu besichtigen und zu fotografieren, bevor sie durch Dieselloks ersetzt wurden. Dieses Erlebnis vermittelte ihm ein Verständnis für die Unvermeidlichkeit des Wandels, und nach einem Studium der Fotografie an der Fachhochschule Dortmund führte dies zu seinem Umzug nach Berlin.

„Die Geschichte war immer ein zentrales Thema meiner Arbeit“, erzählt er mir in seinem sonnigen Atelier in der Berliner Mitte. „Ich habe mich immer für die deutsche Geschichte interessiert, für die Teilung des Landes, und es gibt keine andere Stadt, die unsere jüngere Vergangenheit so deutlich ins Blickfeld rückt.“

Anonyme Mitte. Copyright Arwed Messmer

Nach einer frühen Serie über ostdeutsche Landschaften begann Messmer, die Topografie von Berlin zu erkunden. Keine andere europäische Stadt war wiederholt so mächtig, um dann wieder so tief zu fallen. Keine moderne Hauptstadt hat sich so oft neu definiert – nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, unter den Nazis, durch Mauerbau und Mauerfall. 1992 machte sich Messmer daran, die Metamorphose des Potsdamer Platzes zu dokumentieren. Sein Ziel war nicht die schlichte Wiedergabe der architektonischen Veränderungen, sondern die Einordnung dieser Veränderungen in ihren historischen Zusammenhang, um einen Ort gleichzeitig so zu sehen, wie er in der Vergangenheit war, und so, wie er heute ist.

Neben den Straßen erkundete Messmer auch die Archive, von denen viele durch den Kalten Krieg getrennt worden waren, und erwarb sich einen einzigartigen Einblick in die fotografische Geschichte der Stadt.

„Ich fing an, mich richtig in Berlin zu vertiefen. Ich konnte ein altes Bild anschauen und mich beinahe genau an die Stelle versetzen, von wo es aufgenommen worden war.“

Anonyme Mitte.  Copyright: Arwed Messmer

Er begann mit der Zusammenstellung von Anonyme Mitte, einer Sammlung historischer und zeitgenössischer Fotografien mit einem Text von Annett Gröschner, die das Herz der Berliner Mitte erfasst. Diese Arbeit hat schon vor ihrer Veröffentlichung das kollektive Gedächtnis Deutschlands angerührt.

„Während meiner Recherchen für das Buch stieß ich zufällig auf vergessene Fotografien von Fritz Tiedemann“, erzählt mir Messmer.

Als 1950 die Trümmer des Zweiten Weltkriegs geräumt waren und der Wiederaufbau unmittelbar bevorstand, gab die ostdeutsche Regierung Fritz Tiedemann den Auftrag, den Ostsektor der zerstörten Stadt zu fotografieren. Die Behörden wollten eine leere Leinwand zum Aufbau ihrer neuen sozialistischen Hauptstadt haben.

„Aus offensichtlichen Gründen waren die meisten Bilder aus der Berliner Nachkriegszeit Propaganda“, meint Messmer. „Tiedemanns Aufnahmen sind deshalb einmalig, weil sie keine solchen Propagandaziele verfolgten. Sie wurden aus technischen Gründen erstellt und waren nie für die Augen der Öffentlichkeit bestimmt.“

Mit einer großformatigen Kamera und hochwertigem Schwarzweißfilm nahm Tiedemann die wacklige Ruine des Brandenburger Tors auf, das öde Brachland um den Schlossplatz und die beinahe verlassenen Straßen des Prenzlauer Bergs. Am fesselndsten ist, dass er seine Kamera zwischen den Aufnahmen schwenkte, um Panoramabilder zu schaffen, die seinen Auftraggebern eine 180-Grad-Ansicht boten.

Pariser Platz von Fritz Tiedemann. Nachbearbeitet von Arwed Messmer

Die geniale Idee von Messmer sowie der Archivisten und Direktoren der Berlinischen Galerie bestand darin, den Wert dieser Bilder zu erkennen und in Zusammenarbeit eine verblüffende Ausstellung aufzuziehen. Messmer setzte zwei Jahre lang die Originalnegative zusammen, kombinierte auf digitalem Weg einzelne Aufnahmen zu atemberaubenden, sechs Meter breiten Panoramadrucken und schuf damit ein umwerfendes Portrait von Berlin, wie man es noch nie zuvor gesehen hatte.

Über 50.000 Besucher strömten in Soweit kein Auge reicht, die damit die erfolgreichste selbstgestaltete Ausstellung der Galerie wurde.

Verlorene Wege. Copyright Arwed Messmer

„Die Menschen kamen aus ganz Deutschland, um die Schau zu sehen“, sagt Messmer. „Ich glaube, ihr Erfolg lag teilweise daran, dass die Versehrtheit der Stadt in den Fotos das Publikum anrührte. Wir hatten die Chance, uns ein echtes Bild vom Berlin der frühen Fünfziger zu machen. Die Fotos wurden ein Teil des Puzzles in unserem kollektiven Gedächtnis.“

Ebenso aussagestark ist Messmers Verwandlung von Dokumentaraufnahmen in überaus realistische, synthetische Kreationen. Beim Zusammenfügen der einzelnen Aufnahmen, zwischen denen Tiedemann seine Kamera oft bewegte, musste Messmer die Perspektive anpassen und den Verlauf von Oberleitungen und Bordkanten verändern.

Die Publikation Anonyme Mitte mit einer Reihe von Tiedemanns Fotografien soll noch diesen Monat beim Verlag für moderne Kunst Nürnberg erscheinen. „Wirtschaftlich gesehen ist das Projekt eine Katastrophe“, lacht Messmer. „Für die Recherchen habe ich drei Jahre gebraucht. Ich musste die Kosten für den Grafiker wie auch die englische Übersetzung übernehmen. Ich habe Glück, wenn ich nur meine Kosten decken kann.“ Er fährt fort: „Aber schon vor der Publikation hat Anonyme Mitte die Tiedemann-Ausstellung hervorgebracht. Sie hat den Berliner Senat veranlasst, meine Arbeit zu unterstützen. Und ich hoffe – morgen habe ich das entsprechende Gespräch – dass sie zu einer neuen Ausstellung mit Fotografien der Mauer führen wird, wie man sie noch nie zuvor gesehen hat.“

Messmer zeigt mir diese Fotografien, und gerade dieses Jahr, zwanzig Jahre nach dem Mauerfall, sind sie besonders sensationell.

„Meine Frau fragt mich gelegentlich, ob wir woanders hinziehen sollten. Im Moment kann ich mir nicht vorstellen, Berlin jemals zu verlassen, da die Stadt mein Thema ist. Aber man kann in diesem Leben niemals ‚nie‘ sagen!"

Rory MacLean
Mai 2009

Links zum Thema

Dossier: Medienkunst in Deutschland

Geschichte, Strömungen, Namen und Institutionen
Link-Tipps