Barbara Breitenfellner

Rory MacLean im Gespräch mit Barbara Breitenfellner

Barbara Breitenfellner Foto: Gilles Berquet
Barbara Breitenfellner Foto: Gilles Berquet
Barbara Breitenfellner öffnet die Tür zu einer Parallelwelt. Sie visualisiert Räume, die wir nicht kennen, aber immer schon erahnt haben. Sie stellt Orte dar, nach denen wir greifen, nur um festzustellen, dass sie für immer unerreichbar sind. Dieses Paradox ist der Kernpunkt ihrer bemerkenswerten Arbeiten. Durch die irrationale Logik der Träume bietet Breitenfellner einen flüchtigen Blick auf die Orte, an denen Fantasie und Realität zusammentreffen.

Als Kind wurde Breitenfellner oft von Alpträumen gequält. Ihre Träume machten ihr Angst. Um dem Grauen zu begegnen, entdeckte sie eine Methode, um auf ihre Traumgeschichten Einfluss zu nehmen: Im Halbschlaf wandte sie sich von der Gefahr ab oder bezähmte sie das Böse. Diese Kunst – die Fähigkeit, die Grenze zwischen Bewusstsein und Unbewusstsein zu verwischen – verwandelte ihren Schrecken in Faszination, und sie begann ihre Träume in einem Notizbuch neben dem Bett aufzuschreiben.

Im Alter von sieben Jahren machte sie dann einen Schulausflug zum Hessischen Landesmuseum. Dieses Museum in Darmstadt ist bekannt für seine naturkundlichen Sammlungen, vor allem für ein Mastodon. Ihre Klasse sollte Dinosaurier anschauen, aber auf dem Weg zur Fossiliensammlung fiel Breitenfellner eine offene Tür auf. Sie verließ die Gruppe und blickte erstaunt in eine andere, fremde Welt – der „Block Beuys“ mit einer umfassenden Sammlung von Joseph Beuys' Skulpturen, Relikten und Arbeiten auf Papier.

„Für mich war das die Kehrseite des Museums“, erzählt mir Breitenfellner in ihrem Berliner Studio, in ihren Augen ein Leuchten kindlichen Staunens. „Ich war schockiert und entzückt, diesen ‚geheimen Ort‘ entdeckt zu haben. Außerdem hatte ich keine Ahnung, was es war“.

Dann rief eine Lehrerin sie fort von der Ausstellung. „Komm, Barbara“, sagte sie. „Da drin ist doch nur zeitgenössische Kunst“.

Interspace, Tramway, Glasgow 1998Als Breitenfellner älter wurde, brachte ihre Faszination für sichtbare und unsichtbare Räume sie zuerst zum Bühnenbild und dann zur Skulptur. Sie studierte Installation an der Glasgow School of Art. Als Abschlussarbeit schnitt sie ein Loch in die White-Cube-Struktur, die man im Inneren des ehemaligen Straßenbahndepots gebaut hatte, legte das alte Gebäude dahinter frei und ergänzte es um einen Trompe-L'Oeil-Spiegelboden, der die Unendlichkeit des Unbekannten suggerierte.

„Ich traute diesem ‚White Cube‘ nicht. Mich interessierte, was hinter der Oberfläche von Dingen lag – die Entdeckung, die Enthüllung verborgener oder ungenutzter Räume. In Glasgow wurde mir klar, dass meine Träume sehr raumbezogen sind, und ich begann sie als Quelle für meine Arbeit zu nutzen“.

Zunächst schrieb Breitenfellner kurze Zusammenfassungen aller ihrer Träume, aber die Menge an Material – und der nächtliche Aufwand des Aufschreibens – wirkten bald ermüdend.

„Um genug Schlaf zu bekommen, fing ich an, mir selber vorzumachen, dass ich schon einen Traum notiert hatte“, erinnert sie sich mit einem Lachen.

Trauma, Le Confort Moderne, Poitiers, 2011 Photo: Jean-Michel RousseauDann konzentrierte sich Breitenfellner auf Träume, in denen es um Kunst und nicht um persönliche Dinge ging. Im Moment des Erwachens erfasste sie das Wesentliche dieser verblassenden Bilder. Ihre kurzen handschriftlichen Texte übertrug sie auf den Computer und verwendete sie nach und nach als Ausgangspunkt für ihre Installationen. Die erste wichtige Arbeit mit Träumen als Inspirationsquelle fand in einer einzigen Nacht im von Künstlern geführten Autocenter in Berlin statt. Der Titel war der tatsächliche Text, den sie beim Aufwachen geschrieben hatte:

„Traum einer großen Ausstellung. Ich hatte eine ganz doofe riesige Zeichnung (von einem Clown) und schämte mich sehr. Zwei Mädchen machten eine Performance auf Rollschuhen. War auch nicht so toll.“

In dieser Arbeit zeigten zwei Tänzerinnen auf Rollschuhen eine Performance vor einer Zeichnung eines Clowns. Die Tänzerinnen waren durch Kopfhörer und dunkle Brillen vom Publikum isoliert, wie in einer eigenen Welt, wie im Traum.

„Mich interessiert der Transformationsprozess von Träumen durch Übersetzung, Verlust und Neuerfindung“, meint Breitenfellner. „Außerdem fasziniert mich diese eigentümliche Kargheit, die Nüchternheit der Texte“. Sie fährt fort: „Ich suche nach der Trennlinie, rekonstruiere den Traum und zeige gleichzeitig die Unmöglichkeit, ihn darzustellen“.

Traum einer Ausstellung, HMKV, Dortmund, 2011 Photo: Hannes WoidichWeitere Einzelausstellungen sind z.B. ihr bemerkenswerter Traum einer Ausstellung mit zwei Träumen am Hartware MedienKunstVerein in Dortmund (die Joseph Beuys mit einem Gorilla kombinierte und einen zerknautschten Porsche mit einer Hängung von Ölschinken) sowie ein ambitioniertes Projekt im Jahr 2015 am Clemens-Sels-Museum in Neuss. „Die Ausstellung in Neuss ist um ein Klassenfoto aus meiner Grundschulzeit aufgebaut, in dem ich zweimal abgebildet bin. Ich montiere es an Wände, die noch mit grünen, geometrisch-abstrakten Siebdrucken einer Serie von Josef Albers aus einer früheren Ausstellung bedeckt sind“.

Auch in ihren Collagen erschafft Breitenfellner seltsame, unerreichbare Parallelwelten. Seit ihrer Zeit als Artist-in-Residence am Atlantic Center for the Arts in Florida kreiert sie durch Schneiden und Kleben Collagen, in denen gefundene Fotografien von fleischfressenden Pflanzen, Okkultismus, Aktdarstellungen, mikroskopisch kleinen Follikeln, Fledermausköpfen, Skiorten und Malereizubehör miteinander kombiniert sind. Intuitiv zusammengestellt, sind diese lebensfrohen, surrealistischen, düsteren und provokativen Collagen gleichzeitig sachlich und traumartig, bewusst und unbewusst, unveränderlich und in ständigem Wandel. Viele ihrer Assemblagen werden von Siebdruckmustern oder –formen überlagert.

Im Jahr 2013 bat die Zeitschrift L‘Officiel Art Breitenfellner, ihr eigenes Material mit Auszügen aus früheren Heftausgaben zu kombinieren.

„Sie schickten mir eine Selektion von Heften, aus denen ich mehrere Seiten auswählte und diese dann mit ausgeschnittenem Material von meinem Ateliertisch vermischte“, erinnert sich Breitenfellner. „Schließlich fanden diese überlagerten, verschobenen, implodierten, zerbrechlichen, zersplitterten Bilder den Weg zurück in die Zeitschrift. Normalerweise brauche ich sehr viel Zeit, um eine Collage zu vollenden. Sie hängt mehrere Tage lang an der Wand des Ateliers, und die verschiedenen Elemente werden einfach von Büroklammern zusammengehalten. Oft überdrucke ich meine

Collagen oder integriere Siebdruckflächen. Ich teste, experimentiere, verändere und adaptiere, bis jede Komposition ihre eigene Logik gefunden hat. Mich interessiert die Dynamik der Collage und die Tiefe, die manchmal durch Kreise oder Löcher als Mittel zur Schaffung von Raum entsteht“.

Collage /silk screen print, WVZ 327, 2014Breitenfellners Collagen waren bei vielen Ausstellungen zu sehen, unter anderem vor kurzem in der Galerie Thaddaeus Ropac in Paris (Only parts of us will ever touch parts of others) und im Espace de l‘Art Concret in Mouans-Sartoux.

Sie fügt an: „Ich bin fasziniert von wilden Tieren und davon, wie man sie für psychologische Projektionen einsetzt: zum Beispiel der Affe als Symbol für das Fremde, Andere und Zerstörerische, oder der ambivalente Fuchs, der hinterhältig und intelligent sein oder sogar geheimnisvolle Kräfte haben soll“.

Sie bestätigt auch den Einfluss von Literatur zum Thema Entfremdung bzw. Wandlung – von J.G. Ballard und Marie NDiaye bis hin zu Mark Z. Danielewski und Ludwig Binswanger, dessen Traum und Existenz von zentraler Bedeutung ist.

Kunst „ist Teil unserer Welt und nicht von ihr getrennt“, sagt Breitenfellner. In ihren wunderbaren, provokativen, wehmutsvollen und manchmal tief bewegenden Arbeiten verbindet sie uns mit Räumen und Orten, die wir sonst nur in unseren Träumen bewohnen.

Rory MacLean
November 2014

Übersetzt von Susanne Mattern

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