Jens Casper

Jens Casper im Interview mit Rory MacLean

Jens Casper und Rory MacLean
Jens Casper und Rory MacLean
Jens Casper mit Rory MacLean
Jens Casper ist Architekt, weil er das Spazierengehen liebt.

„Ich bin in Köln aufgewachsen,“ erzählt er mir, während wir zügig durch die herbstlichen Straßen Berlins laufen. „Die Innenstadt wurde in den frühen 1980ern neu gestaltet. Es wurden Straßentunnels gebaut, um Zugang zum Rhein zu schaffen. Die Philharmonie wurde unter die Erde gelegt. Der Busbahnhof wurde entfernt. Ich liebte es, durch die Stadt zu gehen und zu beobachten, wie sich die Dynamik zwischen dem mittelalterlichen Dom und dem neuen Museum Ludwig veränderte, die gesamte Stadtsituation in mich aufzunehmen.“

Der aktive, jungenhafte 42-jährige, von der Zeitschrift Wallpaper 2007 zu einem der interessantesten neuen Architekten der Welt gekürt, zieht an seiner Player-Zigarette.

„Dieser architektonische Eingriff hat mich geprägt und mir eine bleibende Faszination dafür vermittelt, wie man Neues in Altes einbeziehen kann.“

Er lacht, streicht sich die Haare zurück und marschiert weiter.

Bunker. Copyright: Hanns Joosten, BerlinJens Casper studierte an der Technischen Universität Aachen und zog nach Berlin, als seine Frau das erste Kind erwartete. Das Geld war knapp, und er fand Arbeit in einem Architekturbüro in Potsdam. Eines Tages kam Christian Boros, Kunstsammler und Werbewunderkind, im Büro vorbei und bot Casper und seinem Chef an, einen riesigen Luftschutzbunker aus dem Zweiten Weltkrieg in eine Kunstgalerie im trendigen Stadtteil Berlin-Mitte zu verwandeln.

„Nachdem wir detaillierte Pläne eingereicht hatten, hörten wir nichts mehr von ihm,“ erklärt mir Casper. „Als ich später beschloss, das Potsdamer Büro zu verlassen, rief Boros aus heiterem Himmel an und sagte, ‚Jens, ich möchte dieses Projekt mir dir machen’.“

Im Jahr 2003 gründete Casper Realarchitekur mit zwei Kollegen, Petra Petersson und Andrew Strickland.

‘Wir nannten die Firma Realarchitekur aus Trotz gegen den Trend, Architektur auf Basis einer einzigen, simplen Idee zu machen. Unsere Arbeit sollte sich auf die harte Realität beziehen und über den exklusiven, pseudoakademischen Diskurs hinaus relevant sein.“

Bunker. Copyright: Hanns Joosten, BerlinIhr Boros-Projekt wurde zu einer der bemerkenswertesten architektonischen Umgestaltungen in Deutschland. Der riesige Bunker wurde 1943 gebaut, um bis zu 3.000 Menschen vor Luftangriffen der Alliierten zu schützen. Während des Kalten Krieges diente er zur Lagerung von Obst und Gemüse für die ostdeutsche Regierung und später, nach dem Mauerfall, als Hardcore-Technoclub. Casper und sein Team arbeiteten über fünf Jahre lang am Umbau des Gebäudes, entfernten 150 Kubikmeter Gussbeton (einschließlich eines riesigen Blocks der 3,3 Meter dicken, bombensicheren Decke), verwandelten die ursprünglichen 120 Räume in 80 Galerien und passten den Bau an die moderne Zeit an, bewahrten dabei aber seinen monumentalen Charakter.

‘Der Bunker hatte eine solche Intensität. Er war natürlich in Zwangsarbeit entstanden und wir überlegten, ob wir eine Gedenktafel anbringen oder die Betonhülle mit etwas Symbolischem durchbohren sollten, einem Pfeil oder so. Aber dann wurde uns klar, dass die gesamte Konstruktion ein Denkmal darstellte. Wir arbeiteten mit den Materialien eines dunklen Zeitalters.“

Heute ist die Galerie, die der Öffentlichkeit auf Vereinbarung zugänglich ist, der eigenwilligste Kunstraum Berlins. Die gegenwärtige Eröffnungsausstellung zeigt Werke, die den Raum im Bunker selbst einbeziehen: Skulpturen, Raum- und Lichtinstallationen sowie Performance-Stücke.

Bunker. Copyright Hanns Joosten, BerlinOben auf dem Bunker schuf Casper ein einstöckiges, galerieartiges, 450 Quadratmeter großes Penthouse, ringsum verglast und nur über einen Privataufzug erreichbar. Bis jetzt hat das Projekt den Internationalen Architekturpreis, den Preis des Chicago Athenaeum und den Deutschen Architekturpreis Beton gewonnen. Es wurde zudem für den Mies van der Rohe Preis nominiert.

„Bei der Architektur geht es um den Dialog, nicht nur mit dem Auftraggeber, sondern auch mit der Konstruktion, ihrer Geschichte und Umwelt,“ sagt Casper, als wir weiter durch die Stadt marschieren. „Ich arbeite nicht mit einem Füller von Mont Blanc, kritzele eine einzige Idee nieder und übergebe sie dann an ein Büro voller Lehrlinge zur Weiterentwicklung. Ich rede mit meinen Kunden, gehe einen Standort Dutzende von Malen ab und fertige Hunderte von Zeichnungen und Modellen an. Ich teste meine Pläne immer aus und lasse zu, dass neue Elemente das gesamte Design verändern. Ich liebe den Umgang mit Materialien, deren Kombination und das Austüfteln von Lösungen. Das ist eine unglaubliche Herausforderung und sehr, sehr zeitaufwändig.“

Oldenburg house. Copyright: Jan Bitter, BerlinSeit dem Luftschutzbunker-Projekt hat Casper eigenständig am Umbau eines Pumpwerks aus dem 19. Jahrhundert gearbeitet, ein atemberaubendes Wohnhaus in Oldenburg gebaut (Gewinner des im Dreijahresturnus vergebenen BDA-Preises Niedersachsen) und eine Luxuswohnung in Miami für eine berühmte Familie von Kunstsammlern und Buchverlegern ausgestaltet.

„Manchmal hält eine Limousine vor meinem Büro und ein Prominenter oder ein Londoner Galeriebesitzer, der die Boros-Galerie gesehen hat, verbringt einen Tag mit mir zur Besprechung seiner Pläne. Dann fährt er wieder weg, und vielleicht höre ich später etwas von ihm.“

Casper, der inzwischen drei Kinder hat und in einer Baugruppe (einer Art Wohnungsgenossenschaft) in Lichtenberg wohnt, schwelgt im neuen, dynamischen Berlin.

„Berlin liegt in Bezug auf Experimentieren und Improvisation ganz vorn,“ sagt er. „Der wirtschaftliche und materielle Raum hier eröffnet kreativen Menschen echte Möglichkeiten.“

Oldenburg house. Copyright Jan Bitter, BerlinHeutzutage gehört Kreativität zum Gefüge von Berlin. Die Stadt wird momentan von Künstlern, Sammlern, Kuratoren und Galeriebesitzern verwandelt. Casper faszinieren die komplexen Beziehungen zwischen ihr und ihrer Kulturproduktion. Er arbeitet an einer „Sinnfindung“ für Berlins gigantische Leerräume (d.h. die Lücken, die der Krieg und die Mauer hinterließen). Es ist kein Zufall, dass Libeskind, Frank Gehry, Zaha Hadid, John Hejduk und andere große moderne Architekten ihren ersten oder einen frühen öffentlichen Bauauftrag in Berlin bekamen. Leider ist die „arme aber sexy“ Stadt pleite, und die meisten städtischen Projekte stellen Nutzen vor Individualismus.

Trotz dieser Schwierigkeiten liebt Casper das Arbeiten in Berlin. „So vieles in der Stadt schreit nach Neuinterpretation,“ meint er mit blitzenden blauen Augen. „Ich finde es interessanter, mit einer Stadt in Beziehung zu treten als mit einem einzelnen Gebäude auf der grünen Wiese. Städte bieten immer Gelegenheiten für Entdeckungen; man kann durch eine enge Tür treten und sich in einer anderen Welt wiederfinden.“

Er zieht an seiner Zigarette und streicht sich wieder seine wilden Haare zurück. „Aber ich habe immer noch eine große Liebe zu Köln. Immer wenn ich nach Hause fahre, mache ich meine alten Lieblingsspaziergänge. Irgendwie ist mein Herz in dieser Stadt geblieben.“

Und mit einem weiteren Lachen schreitet er davon.

Rory MacLean
Oktober 2009

Übersetzt von Susanne Mattern

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