44flavours

Rory MacLean im Interview mit Sebastian Bagge und Julio Rölle

Sebastian Bagge and Julio Rölle © Jan Vollmann
Sebastian Bagge and Julio Rölle © Jan Vollmann
44flavours ist Teil des neuen Berlin, des lebendigen Berlin, des dynamischen Berlin, wie es leibt und lebt. „Unsere Arbeit kann man schlecht in einem Satz beschreiben“, meint der 31-jährige Julio Rölle, einer der beiden Köpfe des aktiven Kreuzberger Künstlerduos. „Wir versuchen, unser gesamtes Lebens- und Arbeitsumfeld in unsere Arbeit einzubeziehen, aber ohne den Spaß daran zu verlieren“.

Your opinion my way 05 © 44flavoursSpaß haben ist nämlich unser Motto! Außerdem das Leben zu genießen und uns selbst nicht allzu ernst zu nehmen“, ergänzt sein Partner, der 32-jährige Sebastian Bagge. „Stelle alles in Frage. Vertraue dir selbst und deinen Freunden“…

„…und gib niemals auf“! sagt Rölle mit Begeisterung.

44flavours sind zwei Paar Hände, zwei Köpfe und zwei Herzen. Wir sind bestrebt, unsere Fähigkeiten, Kunst und konzeptuellen Kenntnisse über unsere immer breiter gesteckten Grenzen hinaus zu führen“, meint Bagge mit einem Lachen.

Rölle und Bagge lernten sich beim Studium an der Fachhochschule Bielefeld kennen. Rölle ist in Bersenbrück geboren, wuchs in Osnabrück auf und war in der lebendigen Graffitiszene der Stadt aktiv.

Maske - Your opinion my way © 44flavours„Osnabrück war für mich eine Art Spielplatz“, erinnert er sich. „Ich rannte immer herum, war immer am Malen und niemals damit zufrieden, zuhause zu sitzen und Game Boy zu spielen. Ich mochte die Energie und liebte es Verbindungen zu knüpfen. Meine Mutter ist halb Belgierin, halb Bretonin, also fuhr ich als Teenager oft nach Frankreich. Ich malte in verschiedenen Städten wie Paris, Lyon, Bordeaux und studierte eine Weile in Brest und Toulouse. Als ich an der Fachhochschule Bielefeld mit dem Studium anfing, brachte ich einige Techniken mit: sowohl das Spontane als auch die Begeisterung für große Flächen. Ich brachte in meine Arbeit auch die Sprache der Freiheit ein“.

Bagge wuchs in Oldenburg nicht weit von Rölles Wohnort auf. Sein Vater ist gelernter Schriftsetzer, sein Onkel Drucker, seine ältere Schwester Grafikdesignerin. Er wuchs inmitten von Layouts auf und war empfänglich für die Schönheit und Möglichkeiten der Typografie. Anstatt Computerspiele zu spielen, experimentierte er zuhause lieber mit Photoshop und Quark Express. Er wuchs in der BMX-, Basketball- und Inlineskating-Szene auf – Dinge, die Anfang der 1990er zur Jugendkultur der Kleinstädte gehörten. Im Alter von siebzehn reiste er außerdem als YoYo-Spieler durchs Land. Er erfand den Trick ‘Disaster’ im Freestyle-YoYo, eine Meisterleistung in der Fingerfertigkeit mit Drehungen, Loops und Spins.

Skateboard © 44flavours

 

 

 

 

Bagge und Rölle lernten sich an der Fachhochschule kennen und wurden Freunde. Ihre erste Gemeinschaftsarbeit war das 44flavours Magazine. Über die Jahre entstand eine Serie von vier plakativen, collageähnlichen „Zeitschriften“ mit dem Namen 44flavours. Die eigenfinanzierte Serie – gedruckt auf Zeitungs- oder Hochglanzpapier, in Karton oder wie ein Schulnotizbuch gebunden und einmal sogar inklusive einer 45er-Single und einer Musik-CD – vereinte ihre Talente mit denen ihrer Freunde, ähnlich wie bei Merz von Kurt Schwitters.

Den Namen 44flavours hatte Bagge auf einem amerikanischen Eiswagen entdeckt.

„Es war von Anfang an ein Name, auf den wir unsere Vorstellungen projizieren konnten, die mit Vielfalt, Team, Kollektive zusammenhingen“, erklärt Rölle.

Nach einem Praktikum in der Designabteilung von Zoo York Skateboards in Manhattan zog Rölle Ende 2005 nach Berlin, und Bagge kam im Herbst 2007 dazu, nachdem beide ihr Studium in Bielefeld abgeschlossen hatten. Sie brachten den Humor, den Hunger und das Konzept von 44flavours mit. Ihre Designstudio- und Kunstkollektive fand Räume in dem damals neuen Aqua Carré, einer alten umgebauten Fabrik, die jetzt unterschiedlichste Bereiche wie z.B. eine Tanzschule von Flying Steps und den Technoclub Ritter Butzke beherbergt.

tsii studio © 44flavours

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In ihrem Atelier im Obergeschoss, umgeben von Macs mit großem Bildschirm, Büchern, Fahrrädern und einer allgegenwärtigen Gaggia-Espressomaschine, produzieren Rölle und Bagge einige der spannendsten Designarbeiten des heutigen Berlin, unter anderem maßgeschneiderte Snowboards, Albumcover, Poster, Wandgemälde und Installationen. Nebenan im „Atelier“ bauen die beiden eine transportable Disko-Laube, die diesen Sommer unter anderem bei den Festivals Melt, Nacht Digital und Helene Beach aufgestellt wird. Der Auftraggeber ist Red Bull.

„Wir haben vor keinem Projekt Angst, weil die Auftraggeber im Moment das wollen, was wir machen. Also müssen wir uns nicht ändern“, meint Rölle.

„Wenn wir uns ändern müssten, würden wir das Projekt wahrscheinlich nicht machen“, ergänzt Bagge.

44flavours besetzt einen kreativen Raum irgendwo zwischen neuem Realismus und Konstruktivismus mit einer dynamischen Mischung aus Pop Art, Dadaismus, Fluxus und naiver Malerei.

PartyArty © 44flavours

 

 

 

 

 

 

 

 

„Ich kann unsere Arbeit vielleicht nicht mit einem Satz beschreiben, aber ich kann sagen, was wir nicht sind“, meint Rölle. „Wir sind nicht ordentlich, unmenschlich, faul oder verrückt. Wir sind keine schrägen Street-Artists, die den ganzen Tag kiffen. Wir versuchen nicht, irgendetwas darzustellen. Wir sind einfach wir selbst“.

Seit letztem Jahr unterrichten Bagge und Rölle an der Fachhochschule Salzburg, haben Workshops geleitet und am Deutschen Historischen Museum eine riesige, freistehende Installation gebaut. Noch diesen Monat stellen sie zusammen mit dem Künstler Atak im Kunsthaus Stade aus. Eine interdisziplinäre Ausstellung namens SixPack.

Wie definieren diese beiden dynamischen, kreativen Seelen Kreativität?

„Für uns ist Kreativität zuallererst Kommunikation und die Fähigkeit, Ideen auf beliebige Art auszudrücken“, sagen Bagge und Rölle einstimmig und doch jeder für sich. „Zweitens ist sie die Anerkennung und Identifikation mit der Umgebung. Schließlich braucht man Kreativität, um Lösungen zu schaffen“.

44flavours ist so ganz Berlin.

Rory MacLean
August 2013

Übersetzt von Susanne Mattern

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