Heike Gallmeier

Heike Gallmeier im Interview mit Rory MacLean

Copyright Heike Gallmeier
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Im Berliner Künstlerviertel Prenzlauer Berg rauscht ein stilisierter Fluss durch ein umgebautes Klassenzimmer. Grün-schwarzes Wasser spritzt über grob gemalte Felsen, ein ausrangiertes Sofa und einen ramponierten Ikea-Karton. In einer Neuinterpretation einer klassischen Darstellung aus dem Kabuki-Theater strecken zwei maskierte japanische Liebende über die gemalte Kluft hinweg die Hände nach einander aus. Der Auslöser der Kamera klickt, und Heike Gallmeier hat wieder eines ihrer bemerkenswerten „Bildraumdramen“ aufgenommen.

pictorial space drama.  Copyright Heike Gallmeier

„Ich wollte meine eigene Form der ‚Malerei’ finden“, erzählt mir Gallmeier in ihrem geschäftigen Atelier in der alten Schule, inmitten von Theaterkulissen, Holzstapeln und Tapetenstreifen. „Ich dachte, dazu widme ich mich am besten einem Gebiet, mit dem sich noch nicht zuviele andere befasst haben. Meine Arbeit ist teils Bühnenbild, teils Performance, teils Malerei und teils Fotografie“. Und ganz einmalig.

Heike Gallmeier wurde 1972 in Berlin geboren und studierte Malerei an der Akademie der Bildenden Künste in Mainz and Bildhauerei an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. 1998 begann sie, lebensgroße Modelle von klassischen Gemälden zu bauen und sich selbst darin zu inszenieren.

„Die Kunst der Frührenaissance gefiel mir besonders gut wegen ihres naiven Umgangs mit der Perspektive und ihrer Raumillusion“, sagt sie.

Sie stellte Giottos Verkündigung aus Alltagsmaterialien nach – Sperrmüll, alte Fensterrahmen und Wellpappe – und verkleidete sich dann als Anna, die Mutter Marias, um die Nachricht der Engel von der Schwangerschaft ihrer Tochter entgegenzunehmen. In einem ähnlichen Mix aus „hoher“ und „niedriger“ Kunst interpretierte sie später Botticellis Geburt der Venus, indem sie sich nackt auf eine grobe Nachbildung der Muschel aus Pappe stellte, mit Haaren aus gefärbtem Hanf, die Brustwarzen mit Stückchen von Packband beklebt.

Venus.  Copyright Heike Gallmeier

„Die Venus ist eine solche Ikone, ein Zwischending aus Sinnlichkeit und Heiligkeit“, erklärt sie. „Meine Selbstdarstellung als Venus erscheint vielleicht etwas albern, hat aber gleichzeitig eine ernsthafte Seite. Sie wirft Fragen über die Natur der idealisierten Schönheit auf“. Sie lächelt, und ihre olivgrünen Augen blitzen. „Ich bewege mich gern an der Grenze zwischen Komik und Überhöhung“.

Gallmeier hat sich in Ich möcht so gern mit dir auch als mittelalterlicher Märtyrer nach der Steinigung dargestellt. In Das Goethe-Zimmer wurde sie zu Goethe, der mit dem Rücken zur Kamera steht und einem Schreiber diktiert. In ihrem Atelier ragten sogar Pappberge auf, damit sie Arbeiten von Caspar David Friedrich neu interpretieren konnte.

in the green.  Copyright Heike Gallmeier

In ihrer Interpretation von Giorgiones Der Sturm – umbenannt in Selbst im Grün – ist Gallmeier die stillende Mutter in einer Umgebung aus grob gezimmerten Bäumen, Hügeln aus zerrissenem Hintergrundkarton, einer Sperrholzbrücke und einem geisterhaften Soldaten oder Schafhirten im Vordergrund. Ein gemalter stürmischer Himmel hängt von der Decke des Ateliers. Die Ufer des Flusses sind über einen Sägebock drapiert. Wie bei jeder inszenierten Fotografie stellt Gallmeier die einzelnen Elemente über Wochen und Monate zusammen, dekonstruiert und rekonstruiert sie und bereitet sie für die Kamera auf. Die Bildschichten sind wie auf einer barocken Bühne in Reihen gestaffelt. Um der endgültigen Fotografie eine malerische Qualität zu verleihen, leuchtet sie ihre Szene ohne Schattenbildung aus und arbeitet mit grosser Tiefenschärfe. Durch diese einmalige Verbindung von klassischer Kunst und billigem Material schafft Gallmeier besonders überraschende Illusionen, deren Ausdruckskraft durch die Erkennbarkeit der dafür verwendeten Mittel noch verstärkt wird. Der Betrachter kann gleichzeitig auf die Bühne und hinter die Kulissen schauen.

pictorial space drama.  Copyright Heike Gallmeier

Heike Gallmeiers Arbeiten lassen an die konzeptuellen Portraits der Amerikanerin Cindy Sherman und den deutschen Fotografen Thomas Demand denken, dessen dreidimensionale Modelle wie echte Räume und andere Orte aussehen.

Neben ihren inszenierten Fotografien hat sich Gallmeier in Videos mit dem Prozess der Konstruktion und Destruktion befasst, indem sie eine Szene aufbaut und dann als Figur das Bild betritt und wieder verlässt. Sie hat auch Rauminstallationen geschaffen, z.B. die erstaunliche Arbeit You Wouldn’t Like Me When I'm Angry, eine Abfolge von Rigipswänden, in die sie mit einem Vorschlaghammer Durchbrüche schlug.

Angry.  Copyright Heike Gallmeier

„Mich interessiert der Punkt, an dem der illusionäre Raum mit der Alltagsrealität zusammentrifft“, meint Gallmeier, die gegenwärtig Arbeiten für die Ausstellung „New Frankfurt Internationals: Stories and Stages“ (Frankfurter Kunstverein, 11.12.2010 - 13.02.2011) vorbereitet. „In meiner Arbeit möchte ich neben dem Erzählerischen auch den Konstruktionsvorgang für ein Bild zeigen. Die von mir geschaffene Illusion ist stets von ihrer eigenen Zerstörung begleitet. Das Eindringen des realen Raums in den illusionären Raum wird immer mehr zum bestimmenden Element meiner Bilder.’

Rory MacLean
Dezember 2010

Übersetzt von Susanne Mattern

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