Thomas Ganter

Rory MacLean im Gespräch mit Thomas Ganter

© Thomas Ganter
© Thomas Ganter
„Karel hat mich fasziniert“, sagt der 41-jährige Thomas Ganter, Maler und Gewinner des 25. BP Portrait Award, ein jährlich verliehener Kunstpreis. „Jeden Tag putzte er Autoscheiben an der gleichen Straßenecke in Frankfurt. Er drängte sich den Fahrern nie auf, war bei der Arbeit immer zu einem Scherz aufgelegt und nahm nur dann Geld an, wenn es ihm angeboten wurde. Ich wusste sofort, dass er etwas Besonderes war. Aber ich hätte nie gedacht, dass unsere seltsame Freundschaft mein Leben verändern würde“.

Karel, ein Obdachloser aus Tschechien, hatte etwa zehn Jahre lang auf der Straße gelebt.

„Er hatte so interessante Augen, eine so bemerkenswerte Hautstruktur“, fährt Ganter fort. „Ich wollte ihn malen, aber es ist nicht einfach, Farben, Leinwand und Staffelei auf die Straße zu tragen. Also fragte ich zuerst, ob ich ihn zeichnen dürfe“.

Karel war damit einverstanden, sich mit Ganter in einer Bahnhofskneipe und dann in seinem Atelier zu treffen. Bei der Arbeit kam Ganter ins Nachdenken über die Menschenwürde, wie der Zufall einen Menschen arm oder reich machen kann und dass nur unwichtige Dinge den Bettler vom Adligen trennen. Diese humanistischen Prinzipien verarbeitete er in seinem Gemälde. Wie alle seine Bilder beschäftigte es ihn sowohl intellektuell als auch emotionell. 

„Ich wollte Karel zum ‚Helden‘ des Gemäldes machen. Ich wollte seine Persönlichkeit zum Ausdruck bringen. Das ist mir in allen meinen Gemälden sehr wichtig. Für mich verdient jeder Mensch Respekt und Fürsorge“.

Karel hat Ganter nie um Bezahlung gebeten.

© Thomas GanterGanter wuchs in einem mitteldeutschen Ort bei Limburg an der Lahn auf. „Ich fand das Zeichnen schon spannend, als ich noch klein war“, sagt er. „Schon als Kind versank ich in einer anderen Welt, wenn ich mich über ein Zeichenbrett beugte. Es war wie Meditation“. Als Ganter älter wurde, lernte er die Arbeiten der Alten Meister schätzen. „Ich fühlte mich von ihnen wie verzaubert, vor allem von den Porträtbildern, die so modern erschienen. Ich wollte ihre Techniken, ihre Umsetzungsmethoden verstehen“. Im Alter von 15 Jahren begann er, Kunstgalerien und Museen zu besuchen, um Michelangelo, Holbein, Van Eyck und Velázquez zu studieren. Er brachte sich das Zeichnen selbst aus Büchern bei. Er lernte empirisch, verwendete keine Farbe. „Bis 1999 oder 2000 arbeitete ich ausschließlich mit Feder und Tinte“.

Gleichzeitig musste Ganter anfangen, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Nach der Schule machte er eine Lehre in Lithografie und studierte danach Kommunikationsdesign an der Fachhochschule Wiesbaden. Nach seinem Abschluss gründete er mit vier Freunden die Designfirma Kawom. Er versuchte, seine Arbeit als Illustrator und seine Beschäftigung mit dem Zeichnen und Malen zu vereinbaren.

© Thomas Ganter„Als Illustrator arbeitet man immer nach Konzept und Termin. Das wollte ich in meiner Malerei nicht machen müssen. Ich wollte meine Leidenschaft verfolgen, mich ganz der Arbeit widmen. Ich wollte selbst beurteilen, ob ein Gemälde erfolgreich war oder nicht. Das war keine Arbeit, das war ich“.

Nach und nach stellte sich Ganter auf eine verantwortungsvolle, bewusste, „alternative“ Lebensweise um: Er ernährte sich ausschließlich biologisch, lehnte ein eigenes Auto ab, fuhr sommers wie winters Fahrrad und genoss die verschiedenen Jahreszeiten.

„Durch die kalten Fahrradfahrten im Winter wurden mir die ‚unbekannten‘ Obdachlosen in unseren Städten erst bewusst“, sagt er. „Ich liebe es, im Winter Fahrrad zu fahren und die Kälte zu spüren. Aber am Ende der Fahrt kann ich nach drinnen in eine warme Wohnung gehen. Ich kann heiß duschen. Die Obdachlosen haben diesen Luxus nicht. Sie müssen draußen in der Kälte bleiben, eingepackt in Decken. Sie taten mir Leid“.

© Thomas GanterGanters Mitgefühl weckte in ihm den Wunsch, Karel zu malen, den „Mann mit einer karierten Decke“, und später „Unknowns“, eine Porträtserie von Frauen und Männern, die von der Gesellschaft unbeachtet bleiben. Er porträtierte seine Modelle so, wie einst die Alten Meister reiche Adlige und Kaufleute gemalt hatten. Durch die Verwendung klassischer Techniken gab Ganter den gestrandeten Existenzen eine Ausstrahlung großer Würde. „Hier wird der prunkvolle Stoff, der üblicherweise den Mächtigen vorbehalten ist, zur karierten Decke der Machtlosen, und dadurch verwandelt sich das Porträt eines Herrschers in ein Werk tiefster Menschlichkeit“, bemerkte Stefano Weinberger von der deutschen Botschaft in Großbritannien, die die letzte Ausstellung von Ganters Werken in London förderte.

Einige Monate vor dieser Ausstellung war „Mann mit einer karierten Decke“ von über 2.000 eingereichten Werken aus 71 Ländern zum Gewinner des BP Portrait Award gekürt worden, eine der weltweit angesehensten Auszeichnungen für zeitgenössische Kunst. Die Mitglieder der Jury sagten damals, sie seien „vom intensiven Blick des Porträtierten und der äußerst detaillierten Darstellung aller Strukturen und Oberflächen beeindruckt“ gewesen. Das Werk solle den Betrachter dazu bringen, über die Koexistenz von Reichtum und Armut in unserer Gesellschaft nachzudenken, erklärte Ganter selbst.

„Als das Gemälde den ersten Preis gewann, war Karel so stolz“, erinnert er sich mit einem Lachen. „Er druckte einen Link zum Preis auf kleine Papierstreifen und verteilte sie an die Fahrer, deren Windschutzscheiben er putzte“.

Der Preis führte außerdem zu einem Auftrag der Bill and Melinda Gates Foundation. Ganters faszinierendes Porträt „The Unknown Health Worker“ ist von einer Fotografie einer medizinischen Mitarbeiterin in Ost-Nepal inspiriert, die wie Tausende andere die steilen Hügel und Täler des Himalaya-Gebirges durchwandert, um Impfstoffe gegen Polio, Röteln und Masern auszuteilen. „Für mich ist das eine Art Denkmal für die Unbekannten, von denen beinahe jede internationale Initiative zur medizinischen Versorgung abhängt“, sagt Ganter. 

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Er arbeitet gegenwärtig an mehreren privaten Aufträgen.

„Durch meine Arbeit versuche ich, meine Sicht der Welt zu vermitteln“, sagt der talentierte Ganter bescheiden und streicht sich dabei über seinen gepflegten Bart. „Aber viel wichtiger als meine Vorstellungen ist gewissermaßen die Person im Porträt. Ich möchte ihre Menschlichkeit in meiner Arbeit zum Ausdruck bringen. Das ist mir wichtig“.

Ganters nächste Einzelausstellung wird im September an der neuen Klein Gallery in Königstein eröffnet.

Rory MacLean
Juli 2015

Übersetzt von Susanne Mattern

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