Uli Gaulke

Uli Gaulke im Gespräch mit Rory MacLean

© Uli Gaulke
© Uli Gaulke
„Ich bin in Ostdeutschland geboren“, sagt Uli Gaulke, einer der leidenschaftlichsten, eigenständigsten und vielleicht fröhlichsten Autoren für Dokumentarfilme in Deutschland. „Die eine Hälfte meines Lebens habe ich im Sozialismus und die andere Hälfte im Kapitalismus gelebt. Also suche ich in meiner Arbeit wie auch im Leben nach dem roten Faden, nach den Synergien zwischen diesen zwei verschiedenen Erfahrungen. Das ist der Schlüssel, um zu verstehen, wer ich bin“.

Gaulke wurde 1968 in Schwerin geboren, jenem Jahr der Gegensätze, das durch den hoffnungsvollen Prager Frühling und dessen brutaler Niederschlagung durch die Rote Armee geprägt war. In seinen frühen Teenagerjahren holte ihn seine Mutter, die Grafikerin war, jedes Wochenende aus seinem grauen Schulalltag heraus und nahm in mit ins Theater. Am Staatstheater Schwerin sah Gaulke Dutzende von kontroversen, politisierten Inszenierungen, die ihm „eine andere Denkweise“ nahebrachten, wie er mir bei unserem Treffen in der Nähe seiner Berliner Wohnung mitteilt.

Für seine Schule, für die Partei, trat Gaulke an fast allen Jahrestagen mit der Trompete auf. In Massenkapellen, oft mit bis zu 10.000 Musikern, spielte er sozialistische Hymnen wie Die Internationale, aber auch Yesterday von den Beatles als Solo.

„Irgendwann gab es dann wieder einen dieser Feiertage, wo wir mehrfach um das Podium der Parteibonzen herum marschieren mussten, weil durch dieses Schauspiel unsere kleine Blaskapelle größer wirken sollte. Da wurde mir klar, dass das Ostdeutschland war, ein Potemkinsches Dorf, eine schöne Fassade, die nur beeindrucken sollte und hinter der so gut wie nichts steckte. Ich hing die Trompete an den Nagel, weil ich kein Interesse hatte, diese Fassade aufrechtzuerhalten“.

Zwei Jahre vor dem Mauerfall wurde Gaulke zur Nationalen Armee einberufen. „Es war eine schreckliche Erfahrung“, erinnert er sich. „Doch dort habe ich den Film entdeckt“.

Gaulke wurde als Filmvorführer in der Armee eingesetzt, und neben politisch korrekten sowjetischen und ostdeutschen Klassikern zeigte er Filme wie Linie 1 von Reinhard Hauff, ein Musical über ein Mädchen vom Land, das auf der Suche nach ihrem Freund nach Westberlin geht. „Der Film hat mich gefesselt. Berlin schien eine magische Stadt zu sein“, sagt er und schiebt sich den charakteristischen runden Hut auf dem Kopf zurück. Sobald er seinen Wehrdienst abgeleistet hatte, zog er in die Hauptstadt. Zwei Monate später fiel die Mauer. „Den ersten Ort, den ich im Westen besuchte, war das Grips-Theater, wo Linie 1 aufgeführt wurde. Mir schossen die Tränen in die Augen, weil ich realisiert habe, dass ich nun dort angekommen war, wohin mich der Film Linie 1 damals im Kino entführt hatte und was bisher nur ein Leinwandtraum war“.

Um Geld zu verdienen, arbeitete Gaulke weiterhin als Filmvorführer. Er sah Filme immer wieder an und, was ebenso wichtig war, er beobachtete gleichzeitig das Publikum. Nach und nach erkannte er, auf welche Handlungen und Szenenfolgen die Zuschauer ansprachen, was sie zum Lachen und zum Weinen brachte.

„Alle wichtigen Lektionen, die ich über den Film gelernt habe, kamen sowohl vom Filme ansehen als auch vom Beobachten des Publikums. Auch heute denke ich beim Drehen und Schneiden meiner Filme immer auch ans Publikum. Ich bin dann ebenso Macher wie auch Betrachter meiner Filme“.

Gaulke entwickelte seine Leidenschaft für den Film zwar spät, doch sehr intensiv und aus tiefstem Herzen.

„Weißt du, ich wurde Dokumentarfilmemacher, weil mich die Menschen interessieren, weil ich den ‚wirklichen‘ Moment liebe. Ich sehe zu gern dabei zu, wenn Menschen diesen Moment erleben“.

Havanna Mi Amor © Uli GaulkeAls Gaulke 32 Jahre alt war, gewann sein Abschlussfilm an der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf in Babelsberg den renommierten Deutschen Filmpreis in Gold für den besten Dokumentarfilm. „Havana, Mi Amor war eine Reise in meine eigene Vergangenheit“, sagt er über seinen ersten abendfüllenden Film. „Ich habe Kuba gewählt, weil dieses Land noch immer sozialistisch regiert ist. Im Dokumentarfilm folge ich einem Fernsehmechaniker durch das Land, in die Häuser der Menschen, wo er sich bemüht, die kaputten alten sowjetischen Fernsehgeräte am Laufen zu halten“.

Der Preis gab ihm das Selbstvertrauen und die Mittel für die Produktion von Comrades In Dreams, einer bezaubernden und anrührenden Geschichte von Filmvorführern in entlegenen Gegenden der Welt: Anup, der mit seinem Zeltkino durch das ländliche Indien wandert und Filmrollen vor der Vorführung segnet, Han Yong-Sil aus Nordkorea, die daran glaubt, dass sorgfältig ausgewählte Filme „die Seele unseres Volkes schützen“, und die sensible Penny im hinterwäldlerischen Wyoming.

Comrades in Dreams © Uli GaulkeComrades In Dreams nahm seinen Anfang, als ich erfuhr, dass die Nordkoreaner James Camerons Titanic neu verfilmten. Ich fragte mich, wie diese Geschichte so viele Menschen auf der Welt berühren und verbinden konnte. Comrades In Dreams ist meine Hommage an die Kinomacher, die Kino mit Leidenschaft betreiben und die bedingungslos ihrem Publikum ergeben sind“.

Für diesen wunderbaren Film, der mit einer urkomischen Schlussszene endet, wurde Gaulke für den Grand Jury-Preis beim SUNDANCE Filmfestival nominiert.

Es folgte Pink Taxi, ein Dokumentarfilm über das erste reine Frauentaxi-Unternehmen im machohaften Moskau, und danach As Time Goes by in Shanghai, der dieses Jahr beim Hot Docs Filmfestival in Toronto Premiere hatte.

Pink Taxi © Uli Gaulke„Wir leben alle nur einmal, und wir versuchen, unserer kurzen Lebenszeit einen Sinn zu geben“, erklärt Gaulke, der vor Energie und Humor zu platzen scheint und dessen Leben von Glück, Ehrlichkeit und einem großen Herzen geprägt ist. „Ich versuche, diese Momente und diesen Sinn im Film einzufangen und kulturelle Grenzen zu überschreiten, indem ich mich voll und ganz dem Menschen mit all seinen Facetten widme“.

Gaulke arbeitet gegenwärtig an zwei Projekten: einem 3D-Film über Havanna und einem Dokumentarfilm über den Abzug der US-Armee nach 60 Jahren in Mannheim und Heidelberg. „Ich bin in einer Gesellschaft aufgewachsen, die sich durch den Anti-Amerikanismus definierte“, sagt Gaulke. „Zwanzig Jahre lang wurde mir beigebracht, dass die Amerikaner der Feind waren. Oft hatte ich Alpträume von Pershing-Raketen. Nun endlich kann ich meinem ehemaligen Erzfeind gegenübertreten. Diesmal allerdings mit Kamera und nicht mit der Kalashnikov, die ich als DDR-Soldat trug“.

Goodbye GI , ein Film über die Schließung der Garnison Baden-Württemberg der US-Armee und den Umzug von 18.000 Soldaten, Zivilisten und ihren Familien, erscheint im Sommer 2014.

„Die Konflikte auf der Welt entstehen aus Angst vor dem Fremden. Dieser Angst möchte ich in meinen Filmen entgegenwirken, indem ich Geschichten von Liebe, von Träumen und Hoffnungen, von den Enttäuschungen, vom täglichen Auf und Ab im Leben der Menschen erzähle“, betont er. „In meiner Arbeit versuche ich, zwei Welten zusammenzubringen. Ich bin froh, dass 1989 in Deutschland die Wende kam. Sie kam für mich genau zum richtigen Zeitpunkt. Jetzt kann ich überall hinreisen und die Menschen fragen, was sie glücklich macht, was in unterschiedlichen Kulturen wichtig ist, worin sie den Sinn des Lebens sehen. Ich bin dankbar für diese Chance. Und auch für die schönen Erinnerungen an meine Jahre im Sozialismus.’

Rory MacLean
November 2013

Übersetzt von Susanne Mattern

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