Hans Scheib

Hans Scheib im Interview mit Rory MacLean

Hans Scheib.  © Hans Scheib
Hans Scheib.  © Hans Scheib
In Hans Scheibs Atelier bin ich nicht allein. Um mich herum stehen magere Aktfiguren, gespenstische Holzskelette und ein schlanker nackter Jüngling, der auf einem Wagen balanciert. Kecke, wohlgeformte Mädchen werfen wollüstige Blicke auf einen altgriechischen Zentauren. Hochgewachsene Schwangere mustern Jesus am Kreuz. Europa reitet Zeus in Gestalt eines weißen Bullen und hebt dabei provokativ ihr Hinterteil. Hinter einem Vorhang steht eine üppige junge Frau in enger Umarmung mit einem skeletthaften Tod.

„Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus, dass er noch von der Weihnachtsfeier übrig ist“, meint Scheib, als er mit einer Flasche Wein aus der Küche kommt. Um seine erstaunlichen Kreationen herum, über Meißel und Kettensäge sucht er sich seinen Weg. „Ich finde, er schmeckt ziemlich gut“.

Hans Scheib ist einer der einflussreichsten Holzbildhauer Deutschlands. Als Sohn eines bedeutenden ostdeutschen Kommunisten 1949 in Potsdam geboren, wuchs er im Widerstreit mit dem Regime auf. Von frühester Jugend an ging er seinen eigenen, kreativen Weg, durch den er mit dem Regime in Konflikt geriet und der ihn Jahre vor dem Mauerfall in den Westen trieb.

© Hans Scheib„Solange ich zurückdenken kann, habe ich davon geträumt, Künstler zu werden“, erzählt er mir und schenkt dabei zwei Gläser Vin de Pays de Vaucluse ein. „Ich besuchte die Schule, dann die Oberschule und schließlich die Dresdner Hochschule für Bildende Künste, damit ich ein Stück Papier vorzeigen konnte, auf dem stand, dass ich Künstler war. Das brauchte ich, damit mich die Polizei nicht als ‚asozial’ einstufen konnte“. Lachend fügt er hinzu: „Meine Großmutter ist schuld, denn sie hat mir meinen ersten Zeichenblock geschenkt“.

1976 entdeckte Scheib einen leeren Laden im Ostberliner Viertel Prenzlauer Berg und nutzte ihn als Atelier. „Zuerst wollte ich in Bronze arbeiten. Ich machte Tonmodelle und Gipsabdrücke, aber dann – damals war ich noch ein bisschen blöd – stellte ich fest, dass ich mir Bronze in Ostdeutschland nicht leisten (und auch nicht auftreiben) konnte. Also begann ich die Suche nach einem Material, mit dem ich arbeiten und das ich mir leisten konnte. Auf der Straße fand ich dicke Holzbalken von abgerissenen Häusern. Keiner wollte sie haben, also nahm ich sie mit, bemalte sie und begann sie zu behauen. Spätestens da stand für die Beamten fest, dass ich wirklich ein Trottel war.“

Zur damaligen Zeit arbeitete kein anderer Berufsbildhauer in Ost- oder Westdeutschland mit diesem Material. So holte sich Scheib seine künstlerischen Bezugspunkte aus der tiefsten Vergangenheit, aus der ägyptischen und römischen Plastik und der gothischen Skulptur des 16. Jahrhunderts. Die figürlichen Holzschnitzereien von Die Brücke entdeckte er erst Jahre später, da die ostdeutschen Sammlungen keine dieser Arbeiten enthielten.

© Hans Scheib„Zum Glück ist es mir lieber, wenn meine Helden schon mindestes 500 Jahre tot sind“, scherzt er und schenkt uns Wein nach. “Ihre Vorstellungen haben die Zeiten überdauert, und es gibt keine persönliche Konflikte“.

„Meine Leidenschaft galt der Kunst, nicht der Politik“, fährt er fort. „In meinen Arbeiten habe ich versucht, die Geschehnisse um mich herum zu interpretieren. Können Sie sich also vorstellen, wie es für mich war, als man mir im Alter von 30 Jahren sagte, ich könne nie die Welt sehen“? fragt er mich. „Ich wurde verückt. Ich war immer weniger einverstanden mit dem Regime und erkannte die Diskrepanz zwischen Traum und Wirklichkeit. Im Jahr 1985 stellte ich einen Antrag auf ständige Ausreise nach Westberlin – mitsamt meiner Frau, meinen Kindern, meiner Katze und meiner Arbeit. Ich glaube, die Behörden waren froh, mich loszuwerden“, lacht er. „Um meine Reise in die weite Welt anzutreten, musste ich nur über die Straße gehen“.

Ohne Geld und Mäzene war das erste Jahr in Westberlin für Scheib schwer. Eine Gruppenausstellung im Haus am Waldsee, einem der führenden Ausstellungorte für internationale zeitgenössische Kunst in Deutschland, startete 1986 jedoch seine Karriere im Westen. Seitdem bezieht er seinen Lebensunterhalt und seinen Erfolg allein aus seiner Arbeit, mit der er noch immer eigene Wege geht.

„Wenn man wie ich Jahrgang 1949 und in der Nachkriegszeit in Ostdeutschland aufgewachsen ist, kann man mit der Teilung Deutschlands, dem Kalten Krieg und der Berliner Mauer nicht wie mit einem interessanten oder visuell ergiebigen Thema umgehen. Das sind Lebensinhalte. Sie werfen mehr als nur künstlerische Fragen auf, mit denen man sich beschäftigen muss“.

© Hans ScheibHinter uns erhebt sich ein Block aus Kiefernholz vom sägemehlbedeckten Boden. Scheib hat ihn mit kraftvollen schwarzen, roten und kreidig blauen Linien bemalt und dann begonnen, mit Kettensäge und Meißel eine nackte Frau mit schön geneigten Schultern und einem sorgfältig frisierten Kopf zu herauszuarbeiten. Wie die anderen Skulpturen um sie herum hat sie eine schockierende Unmittelbarkeit, als sei sie voller Sehnsucht und Einsamkeit, Zerbrechlichkeit und sexuellem Hunger, Humor und Tragik. Scheibs Sujets stammen oft aus der Mythologie, weil „es nichts Besseres gibt“. Er erzählt mir: „Ich verinnerliche das Thema und arbeite damit. Das ist ein sehr altes und gutes Instrument“.

Hinter Scheibs Holzskulpturen stehen fein gearbeitete, grazile nackte Figuren aus Bronze, die er sich im Westen endlich leisten konnte. Während seiner gesamten Laufbahn hat Scheib außerdem viele bemerkenswerte Zeichnungen, Holzschnitte und Lithografien geschaffen und einen satirischen Text von Jaroslav Hasek mit einer Serie von Scherenschnitten illustriert.

„Ich wusste nie, was ich morgen machen werde“, sagt er. „Als ich nach Westberlin kam, machte keiner Arbeiten wie ich. Ich habe immer wieder den Schritt ins Unbekannte getan, zum blauen Horizont der ungeahnten Möglichkeiten“.

In den letzten Monaten wurde Hans Scheib gegen Kehlkopfkrebs behandelt. Durch die Krankheit ist seine Stimme zwar leise geworden, blieb ihm aber erhalten. Der eigenständig und frei denkende Künstler ist weiterhin bestrebt, sich auszudrücken, sich über politische und populistische Tendenzen hinwegzusetzen und die Welt auf ehrliche, bescheidene und humorvolle Weise zu interpretieren.

Rory MacLean
Februar 2011

Übersetzt von Susanne Mattern

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