Joachim Schmid

Rory MacLean im Gespräch mit Joachim Schmid

© Joachim Schmid
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„Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, wie ich zu meiner Sensibilität für die Dinge kam“, meint Joachim Schmid, der in Berlin wohnt und seit über dreißig Jahren mit gefundener Fotografie arbeitet. „In meiner Erziehung gab es keine Kunst, keine Literatur, keine Musik. Mit 16 Jahren fuhr ich dann nach Stockholm— meine erste Reise in eine Stadt und ins Ausland—und stand plötzlich vor dem Moderna Museet. Ich wusste nicht einmal, was ein Museum für moderne Kunst war. Aber als ich hineinging, war ich total überwältigt, vor allem von zwei Andy-Warhol-Bildern. Von denen war ich begeistert und wusste sofort, dass ich Künstler werden wollte“.

Joachim Schmids bemerkenswerter persönlicher Werdegang vom Schuljungen aus dem ländlichen Baden-Württemberg zum weltbekannten bildenden Künstler war geprägt von Spontaneität, Intuition, Leidenschaft und Zufällen. Nach seiner Wandlung am Moderna Museet studierte er an der Fachhochschule für Gestaltung Schwäbisch Gmünd und danach an der Hochschule der Künste Berlin.

„Ich hatte keinen Plan“, lacht Schmid, ein sympatischer 58-Jähriger, der noch immer von einer kindlichen Neugier und Freude auf das Leben erfüllt ist. „Die Fotografie hat mich einfach gepackt“.

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Er begann seine Laufbahn als freiberuflicher Kritiker und Verleger der ikonoklastischen, provokativen Zeitschrift Fotokritik, die die westdeutsche Fotografie veränderte. Darin sprach sich Schmid gegen die gängigen konservativen Vorstellungen der „Kunstfotografie“ aus und befürwortete stattdessen eine breit angesetzte, umfassende Kritik der Fotografie als eine Form der Kulturpraxis. Seine Inspiration bezog er aus Susan Sontags bahnbrechendem Buch Über Fotografie und Schnappschüssen aus dem Alltag, die er auf Flohmärkten fand.

„Ich kaufte die Fotografien anfangs nicht, um eine Sammlung aufzubauen, sondern eher als Studienobjekte. Ich wollte verstehen, warum wir Fotos machen. Schließlich hatte ich über 100.000 Bilder, die ich in einem großen leeren Raum anfing zu sortieren. Beim Sichten erkannte ich Muster, Motive, Themen. Die Fragen ergaben sich allmählich aus dem Material selbst“.

In den gefundenen Fotografien (er selbst spricht lieber von „adoptierten Fotografien“, wie bei adoptierten Kindern, die eine zweite Chance bekommen und mit der Zeit ein eigenes Leben entwickeln) entdeckte Schmid ein gemeinsames kulturelles Zeugnis, das von den Museen unbeachtet blieb. Seine reichhaltige und vielseitige Sammlung lieferte das Rohmaterial, zuerst für Archiv und dann für Bilder von der Straße.

© Joachim SchmidBilder von der Straße nahm eines Tages auf dem Weg zur Arbeit seinen Anfang. Im Rinnstein sah ich ein weggeworfenes Foto. Ich hob es auf und warf es wieder fort. Zehn Minuten später wurde mir klar, dass es dies war, wonach ich gesucht hatte, und ich rannte zurück, um es wieder aufzuheben. Im Lauf der nächsten dreißig Jahre sammelte ich die Fotografien, die Menschen wegwerfen“.

Da die meisten Fotografien auf den Flohmärkten zwei oder drei Generationen alt waren und in der Regel nach dem Tod eines älteren Familienmitglieds entsorgt wurden, gab Bilder von der Straße Schmids Werk Aktualität. Auf der ganzen Welt sammelte er weggeworfene Fotografien, auch die von Liebenden nach dem Scheitern einer Beziehung. „Viele dieser Schnappschüsse waren Monate oder sogar Jahre in Brieftaschen aufbewahrt worden und mussten nach der Trennung physisch, beinahe rituell zerstört werden, oft an genau dem Ort, wo die Fotografie ursprünglich aufgenommen worden war. Mich faszinierte die Energie, die auf diesen Prozess verwendet wird“.

Außer in Bilder von der Straße war Schmid das Originalfoto oder Negativ an sich nicht wichtig. Sein Interesse an Bild und Kontext ermöglichte ihm den nahtlosen Übergang in das digitale Zeitalter. Für ihn werden fotografische Webhostingdienste wie Flickr und Photobucket „im Prinzip wie digitale Müllhalden“ verwendet.

Die ausgesprochene Vielfalt von Schmids fotografischem Rohmaterial, gepaart mit seinem spöttischen Humor, machte jeden Versuch zunichte, seine Arbeit als reine Anthropologie oder Sozialwissenschaft zu lesen. Stattdessen vermittelt er humorvolle und scharfsinnige Einblicke in unsere kollektive Faszination für die Dokumentation unserer Existenz.

Schmid ist einer von fünf Kuratoren (neben Joan Fontcuberta, Martin Parr, Erik Kessels und Clément Chéroux), die bei Les Rencontres d’Arles 2011 das Manifest „From Here On“ unterzeichneten, die Erklärung eines entschiedenen Bruchs mit unserem Verständnis der Fotografie und der Bezeichnung des Fotografischen in Folge der digitalen Revolution.

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Schmids neuere Werke sind unter anderem Other People’s Photographs, wo Bilder aus Flickr ähnlich wie in einem aktualisierten Archiv geordnet sind, und Estrelas amadas. Zur Entdeckung der Bestandteile von Estrelas amadas sagt er: „Ich wusste sofort, dass ich einen Schatz gefunden hatte. Ich war in Lissabon und hatte ein paar Stunden Zeit. Beim Bummeln durch die Stadt stieß ich auf einen Markt für Second-Hand-Bücher, wo ich eine Zeitschriftenserie aus den Fünfzigern kaufte. Jemand hatte in den Schwarz-Weiß-Fotografien die Lippen aller Schauspielerinnen koloriert. Man stelle sich das einmal vor: Dies ist Lissabon in den Fünfzigern, eine geschlossene

Gesellschaft am Rand der Welt, und da ist diese Produktion von Träumen. In gewisser Weise ist das so transparent, also stand es völlig außer Frage, dass ich die kaufen und mit ihnen arbeiten würde. In der Reihe der Arbeiten, die ich gemacht habe, nehmen sie eigentlich eine Sonderstellung ein, weil ich so etwas vorher noch nie gesehen hatte“.

Er fährt fort: „Tatsächlich suche ich jetzt nach Dingen, die ähnlich funktionieren.… Ich finde es gut, wenn Fotografien manuell bearbeitet werden, aber das hat man nicht oft. In der Schnappschussfotografie findet man manchmal Bilder mit kleinen Zeichnungen oder Beschreibungen oder Pfeilen oder Ähnlichem, die als Erklärung oder aus Spaß hinzugefügt wurden, aber so oft kommt das nicht vor. Dies war also etwas ziemlich Einmaliges, wirkt aber völlig anders als andere Arbeiten. Oder sagen wir, eine andere einmalige Sache war das Buch L.A. Women. Ich habe diese Fotografien von möglichen Mordopfern gefunden. Als Fotografien sind sie für Menschen, die die abgebildeten Personen nicht kennen, vollkommen uninteressant, aber wenn man den Zusammenhang kennt und weiß, woher sie stammen, dann werfen sie schockierende Fragen auf. Das ist auch etwas wirklich Einmaliges in meiner Werkreihe – es zeigt die Bandbreite der Fragen, die eine Rolle spielen können“.

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Joachim Schmid, Künstler durch Zufall, fügt mit einem Lachen an: „Meine Arbeit ist wie mein ganzes Leben, ich habe keinen Plan. Ich lasse mich auf eine Situation ein und sehe, was daraus wird. Aber am Ende denke ich gern, dass ich es geschafft habe, einige dieser „Alltagsfotos“ in die Museen zu bringen.... durch die Hintertür“.

Rory MacLean
April 2014

Übersetzt von Susanne Mattern

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