Maix Mayer

Maix Mayer: Aufzeichnungen aus Utopia

`Maix Mayer´; Hrsg. Galerie EIGEN+ART; Copyright: Hatje Cantz Verlag GmbH & Co. KG Maix Mayer; Copyright: Gregor HohenbergMit seinen Filmen, Fotografien und Installationen spürt der Leipziger Künstler Maix Mayer Architekturen der sechziger und siebziger Jahre nach. Ihn interessieren die Formen und Ideen aus der Zeit seiner Kindheit und das, was von den skurrilen gebauter Utopien heute noch übrig ist. Nun liegt erstmals eine Gesamtübersicht zum Werk des Künstlers samt Kurzbeschreibungen der einzelnen Arbeit der letzten zehn Jahre vor.

Vom Schrebergartenhaus...

Im Grunde, so Maix Mayer über sich und seine Arbeitsweise, im Grunde wäre er ein moderner Archäologe von Raumbildern. Es ginge ihm um eine "mediale Fixierung von Atmosphären, die man wie ein Jäger aufspürt ".

Maix Mayer, melancholie 70, 2001, Installationsansicht Galerie EIGEN + ART Berlin, 2001; courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin; Foto: Uwe WalterDas Kugelhaus universal, 1970 auf der Leipziger Messe erstmals präsentiert, ist beispielsweise eine dieser Ausgrabungen, die Mayer für eine gleich dreiteilige "Kollektion" nutzen konnte. Aus dem in der DDR entwickelten Bausatz lässt sich eine Art Weltraumstation im Format eines Schrebergartenhauses zusammenstecken. Der wie bei einem Fußball aus zwölf Fünf- und zwanzig Sechsecken zusammengefügte Hohlkörper verfügt immerhin bei einem Durchmesser von knapp fünf Metern über eine Nutzfläche von 13 Quadratmeter. In der Installation Melancholie 70 werden die Stäbe für die Gerüststruktur des Kugelhauses zu einer Art schwebenden Raumteiler umfunktioniert und erinnern so vage an das Prinzip jener Zeit, den noch so eng bemessenen Wohnraum nach seiner Funktion zu gliedern. Zusätzlich schwebt, auf eine Porzellanplatte projiziert, das computeranimierte Kugelhaus gleichsam als Raumschiff durch ein urbanes Szenario und verweist damit auf den ersten Satelliten, der von der Volksrepublik China 1970 in den Orbit entlassen wurde. Der Osten ist rot hieß das durchaus bekannte Flugobjekt seinerzeit, doch auf der Rückseite der Tafel ist, in chinesischen Schriftzeichen eingebrannt, der Titel eines Filmes von Werner Herzog aus demselben Jahr zu lesen: Auch Zwerge haben klein angefangen.

...zur toten Stadt

Die Protagonisten in Maix Mayers Filmen sind stets unterwegs. Nie hektisch, vielmehr unaufgeregt bewegen sie sich in diesen architektonischen Fundstücken, die uns einst einmal die Zukunft weisen hätten sollen, oder an Orten, die in losen Verbindungen zueinander stehen. Für ihn sind es "Passagiere der Gegenwart, die sich permanent in den Zonen des Überganges befinden, wo Raum- und Zeiterfahrungen miteinander verschmelzen".

Maix Mayer; Hanoi 12, 2004, Diasec mounted to Aludibond, 79 x 106 cm; courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/BerlinDoch wer bewegt sich heute noch nach "Ha-Neu"? Bis zu Wende war das Stadtviertel Neustadt von Halle (kurz: "Ha-Neu") eine eigenständige Stadt mit 93.000 Einwohnern, die ihr Geld als Arbeiter oder Angestellte in den Chemiekombinaten der Umgebung verdienten und lediglich zum Schlafen nach Hause kamen. Heute unterliegt die Stadt mangels Arbeitsmöglichkeit einem dramatischen Schrumpfungsprozess. Die meist frontal aufgenommenen Fotografien des Künstlers zeigen menschenleere, scheinbar zweidimensionale Stadträume, in denen die Bestandteile zu reinen Oberflächen werden: die Plattenbauten, strukturierten Gebäudefassaden, Stadtmeublement und leere Brunnen. Die Bilder dienten als Vorbereitung auf einen nie realisierten Film. Für den Ausstellungsbesucher wird Haneu durch eine Audio-CD mit einem eigens produzierten Hörspiel wieder lebendig.

Ungerührt sentimental

Maix Mayers Arbeiten, ob nun in Fotos, Filmen oder Modellen ausgeführt, sind geradezu penibel recherchierte, präzise ausgeführte Dokumentationen einer Vergangenheit, die eigentlich Zukunft sein wollte. Weniger Nostalgie oder gar "Ostalgie" ist hier im Spiel als vielmehr die Erinnerung an einen kindlichen Blick, der nur staunen kann, was die Zukunft an Möglichkeiten bietet. Als der Künstler 1960 in Leipzig geboren wurde, hatten die ersten Besuche im Weltraum auch in Bereichen wie Mode, Design, Architektur, Film und Literatur erste Folgen gezeigt.

In Subfiction 2 beispielsweise bezieht sich Maix Mayer auf den 1962 produzierten französischen Kurzfilm La Jetèe (Am Rande des Rollfeldes) von Chris Marker. Mayer koppelt Markers Film mit persönlichen Erinnerungen, im Film nachgestellt von seinen eigenen Kindern. Als diese ihn kürzlich einmal fragten, warum er beim Betrachten von Filmen nie weine, hatte er keine Erklärung parat, erzählt der studierte Meeresbiologe und ehemalige Gastprofessor an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig: "Solange ich ihnen die Frage nicht befriedigend beantworten kann, werde ich mich meinen eigenen Filmprojekten widmen und die feuchten Augen in einem unbeobachteten Moment abtupfen".

Maix Mayer, psycho 70, Installationsansicht Govett-Brewster Art Gallery, New Plymouth, Neuseeland, Film, DV auf DVD-PAL/4:3 und 16:9, 115 min Doppelprojektion; courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin

Für Psycho 70 aus dem Jahre 2002 filmte Maix Mayer seine betagte Mutter, wie sie in der plüschig-heimeligen Atmosphäre ihres Wohnzimmers in einem Plattenbau zum ersten Mal in ihrem Leben Alfred Hitchcocks Thriller Psycho sieht. Spätestens, wenn man auf den im Buch abgebildeten Filmstills das Mienenspiel der Dame verfolgt, ist man sich sicher, dass beim Sohn kein Auge trocken geblieben ist.

Galerie EIGEN+ART (Hg.): Maix Mayer; Hatje Cantz Verlag, Ostfildern, 2008. Deutsch/Englisch, ISBN 978-3-7757-2128-8

Daniela Gregori
ist Kunsthistorikerin und freiberufliche Journalistin und Autorin. 2002-2004 war sie Präsidentin der Österreichsektion des internationalen Kunstkritikerverbandes AICA

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April 2008

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