Alexandra Martini

Alexandra Martini im Interview mit Rory MacLean

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Rory MacLean und Alexandra Martini
Design wird in Berlin großgeschrieben. Die Stadt war die erste in Europa, der die UNESCO den Titel „Stadt des Designs“ zuerkannte. Dort sind 6.000 bildende Künstler, 2.700 Architekten, 400 Fotografen und 1.300 Designateliers beheimatet. Da sich Berlin im letzten Jahrhundert ständig neu definiert hat – in den Goldenen Zwanzigern, 1933, nach dem Krieg, mit und nachher ohne Mauer – gründete sich seine Identität letztendlich nicht auf Stabilität, sondern auf den Wandel. Es ist also kein Wunder, dass es heute die Designhauptstadt von Deutschland ist.

„Beim Design geht es um das Streben nach Veränderung“, sagt Alexandra Martini und legt den Arm unter ihren gewölbten Bauch. „Gutes Design denkt mit, hat eine nach vorn gerichtete Bewegung und berücksichtigt dabei Aspekte wie Funktionalität, Ästhetik, Tradition, Prozesse und kulturellen Kontext.“

Berlin Bending Tower. Copyright Alexandra MartiniIm Alter von 36 Jahren ist Martini eine der dynamischsten Designerinnen Berlins. Sie arbeitet allein und in ihrem Partnerbüro Martini, Meyer, hat den ikonischen BerlinBendingTower geschaffen, die erste Kampagne Neues Berlin nach der Wende entworfen, ergonomische Bürointerieurs kreiert und hoch oben über London einen yellow room für die Himmelsbeobachtung gebaut. Jetzt steht sie drei Tage vor der Geburt ihres Kindes und platzt vor Ideen.

„Ich bin Designerin und keine Künstlerin“, beharrt sie, ihre intensiven blauen Augen mit Grün gesprenkelt. „Ein Designer spielt im Team und arbeitet mit Partnern zusammen, um eine Lösung für ein bestimmtes Problem zu finden.“

Ihr Lebensweg begann in Ingolstadt, der bayrischen Stadt an der Donau, in der sie groß wurde. Ingolstadt ist die Heimat von Audi, und als Martini aufwuchs, beobachtete sie den Erfolgsweg des Fahrzeugherstellers, der teilweise auf sein gutes Designs zurückging. Für sie hätte Audis Werbeslogan „Vorsprung durch Technik“ genauso gut „Vorsprung durch Innovation“ heißen können.

The Yellow Room. Copyright Alexandra Martini„Nach der Schule begann ich zu reisen. Ich liebte das so sehr – neue Orte sehen, neue Leute kennenlernen, in anderen Sprachen kommunizieren – dass ich zeitweise bis zu sechs Monate im Jahr weg war. Meine Eltern haben mich sehr unterstützt, aber sie machten sich Sorgen um meine Weiterbildung. Als ich gerade einen einfachen Flug nach Caracas gebucht hatte, sagte mein Vater einmal, „Denk doch mal darüber nach, was du nach dieser Reise nach Venezuela machen willst.” Also tat ich das und bewarb mich bei der Berliner UdK, der Universität der Künste. Mir wurde sofort ein Platz angeboten. Ich kam nie nach Caracas.“

Stattdessen arbeitete sie an ihrem Designtalent und ihrer leidenschaftlichen Kommunikation von Ideen. Nach ihrem Abschluss studierte sie bei Ron Arad am Royal College of Art in London weiter und erwarb einen Master of Arts. Gleichzeitig reiste sie aber immer noch, arbeitete am Museum of Modern Art und bei Ecco Design in New York, unterrichtete in Barcelona und Athen. Ihre Arbeit zog langsam internationale Aufmerksamkeit auf sich. Sie gewann Preise für Designs, die sie für das Goethe-Institut, habitat UK, DaimlerChrysler und sogar für Audi entwarf.

„Zu Anfang des neuen Jahrhunderts existierte in Berlin ein Pioniergeist“, erinnert sie sich. „Die großen Firmen waren offen für Experimente. Meine Kunden vertrauten mir einfach und gaben mir Zeit, um die jeweiligen kreativen Projekte zu entwickeln.“

Während des letzten Jahrzehnts hat sich Martini auf Interieurs, Design und Kommunikation konzentriert. Ihre Innenraumgestaltungen veranlassten die Zeitschrift I.D. zu der Aussage, dass sie und Henrike Meyer den Arbeitsplatz neu erfanden. Mit ihren fantasievollen Designs verwandelten sie traditionelle Objekte und drehten gleichzeitig dem Klischee eine lange Nase. Als zum Beispiel Philippe Starck seinen Zwergenhocker entwarf, machte sich Martini an das Design eines deutschen Äquivalents. Das Ergebnis war der urkomische, preisgekrönte Landlord, ein massiver Holzsitz in Form eines Hauses mit Giebeldach. Damit stellte sie die Frage: Gibt es in Deutschland irgendjemand, der nicht ein Eigenheim besitzen möchte?

Landlord. Copyright Alexandra MartiniDas prägnanteste Beispiel für Martinis Arbeit in der Kommunikation ist Litter Only, ihr Buch über Mülleimer.

„Der typische Deutsche hat ein Bewusstsein für Müll und Recycling. Ich wurde dazu erzogen, die verschiedenen Müllsorten zu trennen und in die richtigen Mülleimer einzusortieren. Dies gab mir ein Bewusstsein für die Bedeutung des Behälters.“

Martini fotografierte öffentliche Mülleimer in 30 Ländern weltweit, um Unterschiede und Ähnlichkeiten einzufangen und dazu zu ermutigen, die Welt in einem neuen Licht zu sehen.

„Vielleicht kann dieses kleine Buch ja zu unüblichen Blicken auf das Alltägliche anregen“, schreibt sie im Vorwort. „Überall sind Überraschungen zu entdecken.“

Martini mag zwar abstreiten, Künstlerin zu sein, aber – wie Künstler – hat auch sie den Wunsch, eine neue Sichtweise der Welt zu vermitteln... und das ist natürlich die wichtigste Rolle der Kunst. Sie gibt auch zu, dass „Designer wie Künstler die Welt verändern wollen. Sie wollen sie zu einem besseren Ort machen.“

Werk Suite Henry. Copyright Alexandra Martini„Ich habe ein eigenes Gesetz der Energiephysik“, gesteht sie. „Wenn du deine Energie und Leidenschaft in ein Projekt oder in eine bestimmte Richtung investiert, kommt diese Energie zu dir zurück. Sie kommt nicht unbedingt so zurück, wie du es erwartest, aber sie kehrt zurück. Ohne Arbeit wächst nichts, und zur Arbeit gehört, sich selbst und seine Ziele ständig zu hinterfragen.“

Martini bringt nicht nur neue Designs und Kinder hervor, sondern ist außerdem Professorin an der Braunschweiger Hochschule für Bildende Künste. Sie vertrat Berlin als „Botschafterin für Design“ in Buenos Aires und Montreal. Zudem plädiert sie für politische Unterstützung der Designer. Sie ist Kuratoriumsmitglied des Netzwerks Create Berlin und war Jurymitglied für den concept award des internationalen Forums.

„Eine der positivsten Veränderungen in der Designszene während der letzten fünfzehn Jahre ist die zunehmende Unterstützung seitens der Institutionen. Die Landesregierungen und Bundesregierung arbeiten jetzt zusammen, um die Medien, IT und kreativen Branchen zu unterstützen.“

Diese institutionelle Unterstützung sowie das dynamische kulturelle Gemisch der Stadt und ihre verhältnismäßig niedrigen Lebenshaltungskosten haben Berlin zu einem guten Wohnort für kreative Personen gemacht.

„In Berlin können Designer Zeit für gute Arbeit finden“, sagt Martini. „Gutes Design entsteht durch die Zeit, sich intensiv mit dem Design zu beschäftigen.“

Postskript: Seit unserem Treffen hat Alexandra Antonia auf die Welt gebracht, die auch eine bemerkenswerte Kreation ist.

Rory MacLean
Juli 2009

Übersetzt von Susanne Mattern

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