Michael Schindhelm

Michael Schindhelm im Gespräch mit Rory MacLean

Michael Schindhelm © Aurore Belkin
Michael Schindhelm © Aurore Belkin
„Meine Identität ist unvollendet“, sagt Michael Schindhelm bei unserem Treffen in seiner Wohnung an der Côte d'Azur. „Ich lebe nun schon so lange im Ausland, dass ich mich eigentlich nicht mehr unbedingt als deutschen Künstler betrachte. Trotzdem bleiben Deutschland und die deutsche Sprache tragende Säulen meiner Identität“.

Schindhelms bemerkenswerter Werdegang führte ihn von der Quantenchemie über die literarische Übersetzung bis hin zu Theater, Film, Fernsehen und Büchern. Er hat in Basel, Berlin und Beijing gearbeitet, in Moskau, Dubai und Hongkong gelebt. Er hatte so unterschiedliche Kollegen wie Kanzlerin Angela Merkel, mit der er in den 1980ern als Chemiker zusammenarbeitete, und dem chinesischen Künstler Ai Weiwei. Er ist für die Zürcher Hochschule der Künste als Kulturberater tätig und Mitglied des Kuratoriums der Welthungerhilfe. Heute hält er weltweit Vorträge über „globale Kultur“ und versucht, diese zu definieren.

Sein Lebensweg begann 1960 in Eisenach.

„Das Ostdeutschland, in dem ich aufwuchs, war eine Art Gefängnis“, erzählt er mir. „Mein Wohnort lag in der Nähe der Grenze zu Westdeutschland. Nicht weit von unserem Haus konnte ich auf einen Berg steigen und dieses Land sehen. Ich konnte es aber nicht besuchen. Es war fast unmöglich, sich Freiheit vorzustellen, außer man schaute Westfernsehen. Dies hatte einen enormen Einfluss auf meine Entwicklung, da ich und meine Familie gezwungen waren, ein Doppelleben zu führen – der Realität um uns herum nicht zu trauen und auf persönliche, private Werte zu bauen“.

Als junger Mann konnte sich Schindhelm mit der ostdeutschen Gesellschaft nicht identifizieren. Wie viele seiner Generation hatte er das Gefühl, sich „tarnen“ zu müssen. Um dem „Gefängnis“ zu entfliehen, ging er an die Technische Hochschule Merseburg, weil er dadurch vom Wehrdienst befreit wurde, und zog dann zum Studium der Quantenchemie in die Sowjetunion.

© Aurore Belkin„Plötzlich war ich frei von meinem provinziellen Land“, erinnert er sich. „Die Universität war eine Art globales Dorf mit Studenten aus dem Oman, aus Mauritius, aus Vietnam, selbst aus Großbritannien. Ich tauchte ein in ihre internationale Gemeinschaft“.

In der UdSSR brach Schindhelm Regeln, so wie er es sein ganzes weiteres Leben tun sollte. Er hatte Kontakt mit Ausländern, was verboten war, und wurde beschuldigt, für „westliche Geheimdienste“ zu arbeiten. In der Folge musste er sich zur Mitarbeit mit der Stasi verpflichten.

„Ich war nur dann zur Mitarbeit gezwungen, wenn ein ausländischer Geheimdienst auf mich zukam“, erklärt er. Es war eine Vereinbarung, die er nie einzuhalten beabsichtigte, und Jahre später bestätigten zwei öffentliche Untersuchungen seine Unschuld. „In der Sowjetunion lernte ich eine sehr wichtige Lektion, aber mit Chemie hatte die nichts zu tun“.

Durch diese Erfahrung wurde sein Verhältnis zum Kommunismus in der DDR noch schlechter.

„Als ich 1984 in diese zerfallende, absterbende Gesellschaft zurückkehrte, war sie für mich nicht die Heimat“, sagt er. „Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, ich hätte in Russland etwas Wertvolles zurückgelassen“.

Schindhelm kehrte der Chemie den Rücken, um als Übersetzer russischer Literatur zu arbeiten, und fand sowohl Trost als auch Werte im geschriebenen und gesprochenen Wort. Beim Mauerfall 1989 wurde ihm klar, dass „ich nichts mehr zu befürchten hatte und mein Leben neu überdenken musste“. Gleichzeitig enttäuschte ihn der fieberhafte Andrang seiner DDR-Mitbürger auf westliche Einkaufszentren.

© Aurore Belkin„Ich dachte: ‚Im Westen geht es nicht um Freiheit. Es geht ums Einkaufen‘“. Er mied den konsumorientierten Kurfürstendamm und ging stattdessen zur Amerika-Gedenkbibliothek in Kreuzberg. „Aber selbst dort hatte ich das Gefühl, dass meine Träume und Werte – viele davon aus Büchern, die im Osten verboten oder selten waren – geschmälert wurden, weil es die Bücher überall gab“.

Dann kam das Glück ins Spiel, und er bekam zuerst am Theater Nordhausen und später an den Bühnen der Stadt Gera die Stelle des Intendanten.

„Ich hatte keine Ahnung von Theaterleitung“, erinnert er sich lachend. „Aber das stellte sich als echter Vorteil heraus. Viele der alten ostdeutschen Methoden musste man vergessen. Die Neuerfindung meiner selbst wie auch der Theater machte mich irgendwie furchtlos. Es war eine Piratenerfahrung“.

Wenig später wurde er zum Künstlerischen Direktor des Theaters Basel ernannt, wo er zehn Jahre lang arbeitete und eine große Verbundenheit mit der Schweiz entwickelte. 2005 wurde er Generaldirektor der neu gegründeten Stiftung Oper in Berlin, der weltweit größten Opernorganisation, bestehend aus der Staatsoper Berlin, der Deutschen Oper und der Komischen Oper. Wegen der Haushaltskürzungen in der finanzschwachen Hauptstadt geriet er dann mit dem Bürgermeister in Konflikt, und nach einer Reihe verleumderischer Anschuldigungen quittierte er nach nur zwei Jahren den Dienst.

„Damals übte ich harte Kritik an Berlin und an Deutschland, ob Ost oder West“, räumt er ein.

Zur Überraschung, sogar Entrüstung der Kunstwelt zog Schindhelm daraufhin nach Dubai. „Man weiß nicht so recht: Ist der Mann zu bedauern oder eher zu beneiden?“, lautete damals der Kommentar in Die Welt, die meinte, die Golfstaaten seien ein „Fluchtpunkt für die, die inhaltlich gescheitert sind und sich jetzt weit weg mit Gold ihre Feenschlösser falscher Kunstträumereien errichten...“

Wie es das Staatsoberhaupt des Landes ausdrückte, war es Schindhelms Aufgabe, Dubai zur „umfassendsten Kulturdestination der Welt“ auszubauen. Aber dieser ehrgeizige Plan scheiterte an der Finanzkrise.

„In meinem Leben hatte ich in manchen Dingen Erfolg und in anderen Misserfolg“, gibt Schindhelm bescheiden zu. „Ich habe nie die ‚Komfortzone‘ erreicht. Daher muss ich mich immer fragen: ‚Was ist das Richtige‘? In gewisser Hinsicht kann Erfolg dazu führen, dass man die eigenen Werte aufgibt“.

Für Schindhelm war Dubai ein „Labor für die Globalisierung“. Ende des 20. Jahrhunderts haben sich Städte in aller Welt ein neues Image gegeben, wie er es selbst in Berlin und Moskau miterlebt hatte. In Hongkong und Russland begann er mit der Beratung von Regierungen zum Wandel in der urbanen Kultur. „Für mich ist die Stadt eine Bühne, ein Umfeld für das Experiment. Sie ist eine Erzählung der Gegenwart wie auch der Zukunft, in die man Geschichten hineinschreiben kann“.

Der deutsche Philosoph Theodor Adorno schrieb einmal: „Wer keine Heimat mehr hat, dem wird wohl gar das Schreiben zum Wohnen“. Geschichten prägten und inspirierten Schindhelm sein ganzes Leben lang: Erzählungen vom Überleben in der alten DDR und im modernen, wiedervereinten Deutschland, klassisches europäisches Schauspiel und Literatur, zeitgenössische internationale Stadtgeschichten. Im Lauf der Jahre hat er ein halbes Dutzend Romane und ein bemerkenswert ehrliches „Tagebuch“ über seine Zeit in Dubai geschrieben (letzteres ist im Emirat verboten). Daneben verfasste er Drehbücher und Dokumentarfilme über die Musik der Nomaden in der Wüste Gobi und den Bau des Olympiastadiums in Beijing.

© Aurore Belkin„Wir Deutschen sprechen über unsere Haut als etwas, das eng mit unserer Identität verknüpft ist“, meint Michael Schindhelm. „Wir sprechen davon, ‚unsere Haut zu Markte zu tragen‘, womit die Identität gemeint ist, die wir anderen zeigen. Aus seiner Haut kann man nicht heraus. Im Lauf meiner Auslandsreisen ist mir klar geworden, wie wichtig es ist, eine Beziehung zur eigenen Identität und zur Identität der eigenen Heimat zu haben, wenn man sich außerhalb des eigenen Landes orientieren will.

„Ich bin ein Keinheimischer“, schrieb Schindhelm in seinem Roman Roberts Reise aus dem Jahr 2002 – also ein Mensch, der sich nirgendwo heimisch fühlt.

Rory MacLean
Januar 2014

Übersetzt von Susanne Mattern

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