Michael Müller

Rory MacLean im Gespräch mit Michael Müller

Michael Müller  © Alexander Hahn
Michael Müller  © Alexander Hahn
Besonders in unserer postmodernen Zeit müssen Künstler ihre eigenen Überzeugungen finden. Wenige wollen auf die alten Ideale Religion, Romantik oder Nationalismus zurückgreifen. Wer wirklich Neues schafft, muss die Welt auf seine ganz eigene Weise sehen.

Der 43 Jahre alte Berliner Künstler Michael Müller hat sein Leben mutig und originell gestaltet, teilweise aufgrund seiner außergewöhnlichen Herkunft. Seine indische Großmutter heiratete einen irischen Soldaten, der sie verließ, sobald sie ihm nach England gefolgt war. Da sie kein Geld hatte, musste sie ihre Töchter jahrelang in ein Waisenhaus geben. Eine von ihnen verliebte sich schließlich in einen Deutschen, obwohl dieser kein Englisch und sie kein Deutsch sprach. Ihr Sohn Michael wuchs fernab seiner indischen Wurzeln, die seine Mutter geradezu ablehnte, in Deutschland auf. In der Schule in der Nähe von Mainz war ihm bewusst, dass er anders war als seine Klassenkameraden, nicht zuletzt als ihm gesagt wurde, er könne bei der Weihnachtsaufführung nicht den Jesus spielen, denn er sei nicht blond…

Michael Müller: Spiegelwächter, 2013, photo courtesy of Galerie Thomas Schulte, Berlin„Langsam ging mir auf, dass die Dinge nie so waren, wie man mir sagte“, erzählt er mir bei unserem Treffen in seiner Berliner Wohnung. „Und mit diesen Zweifeln fing ich an, mich selbst zu auszutesten, meinen eigenen Weg zu finden, um die Welt zu verstehen und zu erklären“.

Im Alter von 16 Jahren hörte Müller zum erstenmal indische Musik und sah eine Fotografie von tibetischen Mönchen. Durch dieses Erlebnis „funkte“ etwas in ihm, und sobald es ihm möglich war, reiste er nach Indien und Ladakh, wo er in den nächsten 15 Jahren viel Zeit verbrachte. Vorher aber kam noch ein Intermezzo an der Kunstakademie Düsseldorf, wo er unter Magdalena Jetelová studierte.

„Ich hatte mit jeder Faser meines Körpers geglaubt, dass ich an die Akademie wollte, aber als ich dort begann, hatte ich keine Ahnung warum“.

Anstatt eines formalen Kunststudiums ließ er sich von Indien und vom Reisen inspirieren. Dadurch entstand zunächst eine bemerkenswerte Serie riesiger Landkarten von imaginären Orten, von denen die größte inzwischen 22 Meter lang ist und deren Fertigstellung, so sagt er, den Rest seines Lebens dauern wird.

Michael Müller: (Landkarte), 2008, photo courtesy of Mummery & Schnelle Gallery, London„Eine Karte ist ein Weg, um die Welt zu verstehen“, meint Müller in Erinnerung an die Zeit seiner Reisen. „Ich fragte mich: ‚Wie verstehen wir die Welt‘? Wir haben so viele Überzeugungen, aber keine davon lässt sich beweisen. Woher wissen wir, was uns gefällt, was schön ist oder was gut schmeckt? Woher kommt die individuelle Ästhetik? Für mich hängt das von der Ausbildung, der Erziehung und vom Umfeld ab“.

Michael Müller: K4 Schriftblätter (detail), 1995/2005, photo courtesy of Galerie Thomas Schulte, BerlinMüllers Fragen führten später dazu, dass er das Wesen der geschriebenen Sprache hinterfragte und eine eigene erfand. Seine Weigerung, die deutsche Ausgabe von Robert Musils philosophischem Roman Der Mann ohne Eigenschaften an eine nicht deutschsprachige Freundin auszuleihen, führte ihn dazu, das Buch für sie in „K4“ zu übersetzen. Anfangs eine intellektuelle Übung, besteht diese erfundene Sprache heute aus über 400.000 verschiedenen Zeichen, die Müller alle von Hand gezeichnet hat. „Für mich ging die Arbeit mehr und mehr in das Reich der Kunst über, denn letztendlich ist es nicht einfach eine erfundene Sprache, sondern ein Mittel zur Abbildung von Informationen“.

Weltempfänger: Ich-Oper, 2010/11 7 background: Index der Willkür, unvollendet, 2010/11, photo courtesy of Galerie Thomas Schulte, BerlinMüllers eindringliche Zeichnungen, Malereien und dreidimensionale „performative“ Skulpturen sind vielseitig, anspruchsvoll und provokativ: Seine vier Quadratmeter große Zeichnung eines Fischs, Mola Mola, mit ihrer spiralförmigen Linienführung von innen nach außen wirkt meditativ und reflektiert seine Zeit im Kloster; sein Selbstportrait des Ibrahim Vitalis al Said – entstanden, als er den Monat Ramadan über fastete – setzt sich mit der arabischen Entsprechung seines Namens und somit seiner Identität auseinander; Supernova beschäftigt sich mittels verschiedener Sprachen wie Urdu, Tibetisch und Karenisch mit übersetzten Gedichten, also Inhalten; und sein aus 300 Tafeln bestehender Index der Willkür, unvollendet thematisiert die soziale und politische Verwendung von Sprache. In dem besonders beeindruckenden neueren Werk Weltempfänger: Ich-Oper schallt eine Frauenstimme aus einem alten Radio. Während sie spricht, wird ihr bewusst, dass ihr Körper nicht existiert, und nach einem Skript von Müller beginnt sie, Freunde zu erfinden, die ihr die Welt erklären.

„Wenn ich eine Arbeit anfange, habe ich kein bildliches Motiv vor Augen“, sagt er. „Ich sehe keine Verbindung zwischen Inhalt und Medium. Eine Arbeit kann oft jahrelang in meinem Kopf existieren, bevor ich mich für die Mittel entscheide, um sie zu visualisieren. Meine Auffassung vom Leben als Künstler ist, dass man sich immer viel mit Recherche und Kontemplation beschäftigt. Das Endergebnis ist weniger wichtig“.

Michael Müller: Inzest (Isis und Osiris), 2013, photo courtesy of Mummery & Schnelle Gallery, LondonMüllers Kunst ist für ihn einfach ein Rahmen, um Fragen stellen zu können und uns dann zu provozieren, dies auch zu tun. So mussten bei seiner letzten Berliner Schau in der Galerie Thomas Schulte die Besucher am Eingang warten, während innen hinter geschlossenen Türen ein hochnäsiger Kunsthistoriker über die gezeigten Arbeiten sprach und dann die Bilder selbst fragte, ob sie denn Kunstwerke seien.

„Im Kanon der etablierten und akzeptierten Werte wird uns gesagt, was wir glauben sollen, was gut und was schlecht ist. Ich lasse mir solche Entscheidungen nicht diktieren“, sagt Michael Müller abschließend und streicht sich die schwarze Haarmähne zurück. „Ich muss selbst herausfinden, was gut und was schlecht, was schön und was geschmackvoll ist. Im Kern dieser Suche liegt mein Wunsch, die wunderbare Welt um uns herum zu verstehen“.

Rory MacLean
Juni 2014

Übersetzt von Susanne Mattern

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