Ostkreuz

Ute Mahler im Interview mit Rory MacLean

Ute Mahler. Copyright Ute Mahler / OSTKREUZ
Ute Mahler. Copyright Ute Mahler / OSTKREUZ
In Ostdeutschland war die offizielle Fotografie Propaganda. Fotografien, die keine sozialistischen Ideale verherrlichten, wurden nicht gedruckt oder ausgestellt. In den Jahren des Kommunismus war es unmöglich, die Wahrheit zu sagen oder sich direkt zu äußern, wenn man nicht seine Laufbahn ruinieren oder einen Gefängnisaufenthalt riskieren wollte. Umso wichtiger waren die Künste, denn damit konnte man den Zensoren ein Schnippchen schlagen und ehrlich, aber auch subversiv sein.

„Die Fotografie war in der ehemaligen DDR von hoher Bedeutung und hatte großen Einfluss“, sagt mir Ute Mahler im Berliner Büro von Ostkreuz, der heute erfolgreichsten Fotografenagentur Deutschlands. „Fotoausstellungen waren sehr beliebt, und die Leute kamen, weil sie die Wahrheit aus den Bildern eines Fotografen herauslesen konnten. Dazu waren nur wenige der Machthabenden in der Lage. Und wenn ein Beamter einmal etwas fand, konnten wir immer noch argumentieren: ‚Ich verstehe nicht, das Bild zeigt doch nur dies oder jenes.‘ Damals arbeiteten alle zwischen den Zeilen“.

Copyright Ute Mahler / OSTKREUZ

Ute Mahler wurde 1949 in Thüringen geboren. Ihr Vater war der Müllermeister ihres Dorfes und ein begeisterter Amateurfotograf. Er machte Schnappschüsse von Familie, Freunden, Dorfhochzeiten und Festen, druckte aber selten Abzüge, sondern bewahrte die Negative in alten Büchern auf. Als Nebenverdienst begann er, landwirtschaftliche Maschinen für eine örtliche Fabrik zu fotografieren. Die Arbeit war einträglich, also wagte er den Sprung ins Ungewisse und verlegte den Wohnsitz der Familie nach Lehnitz. In Ostberlin fing er als Werbefotograf ganz von vorn an und machte inszenierte, offizielle Hochglanzaufnahmen von Mähdreschern, Parteibeamten und hundert Orchesterleitern.

„Mein Vater hatte großen Erfolg“, erzählt Mahler. „Er sagte mir immer: ‚Ute, du bist Fotografin‘. Ich habe diesen Gedanken immer von mir gewiesen. Ich wusste, dass ich keinesfalls wie er offizielle Fotografien machen konnte. Ich wollte die Realität zeigen und die Wahrheit sagen. Aber ich wusste nichts von seiner geheimen, privaten Arbeit“.

Im Jahr 1974 schloss Mahler ihr Studium an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst ab und begann eine freiberufliche Laufbahn. Sie verdiente ihren Lebensunterhalt als Modefotografin und arbeitete oft für Sibylle, eine äußerst populäre Zeitschrift, die alle zwei Monate erschien und deren Auflage von 200.000 Exemplaren innerhalb weniger Tage ausverkauft war. Die strenge Zensur hatte Auswirkungen auf ihre Arbeit, zum Beispiel als sie bei einem Modeshooting das Model auf einer Baustelle in einem Käfig aus Maschendraht fotografierte. Der Redakteur der Zeitschrift weigerte sich, das Portrait zu bringen, und als Mahler ihn nach dem Grund für seine Entscheidung fragte, sagte er einfach: „Du weißt, warum. Und ich weiß, warum“.

Copyright Ute Mahler / OSTKREUZ

Mahler arbeitete gleichzeitig an ihren eigenen Bildern, in denen sie bewegende, ergreifende Augenblicke des ganz gewöhnlichen Lebens einfing, des „Zusammenlebens“, obwohl es ihr klar war, dass ihre Bilder vielleicht nie veröffentlicht würden.

„Es war damals leichter, Fotos zu machen“, erklärt sie bescheiden. „Die Leute hatten viel mehr Vertrauen in die Natur der Fotografie. Es war außerdem einfacher, weil wir gegen etwas zu kämpfen hatten. Ich hatte einfach immer meine Kamera parat und wartete und wartete und wartete“.

Ihre grauen Augen funkeln, als Mahler Ostzeit: Geschichten aus einem vergangenen Land durchblättert, herausgegeben von Ostkreuz und dem Hatje Cantz Verlag. Von den bemerkenswerten, schlichten Bildern, die Ute Mahler, ihr Mann Werner Mahler und ihre Kollegen Sibylle Bergemann, Harald Hauswald und Maurice Weiss in einem Zeitraum von 30 Jahren aufnahmen, zeigt eines aus dem Jahr 1973 ein junges Paar an seinem Hochzeitstag in einem Schlafzimmer unter dem Dach, das mit Westprodukten geschmückt ist: leere Waschpulverpackungen, Handcremes, Strümpfe und Zigarettenpäckchen.

„Für mich ist das Bild tragisch“, seufzt Mahler. „Es ist das Goldene Kalb – diese Anbetung des Konsums, ein Altar des westlichen Materialismus“.

Copyright Ute Mahler / OSTKREUZ

Als Mahlers Bekanntheit zunahm, erhielt sie 1980 die Erlaubnis, die Ostberliner Parade zum 1. Mai zu fotografieren. Sie stand fünf Stunden lang unter dem Podium und schoss aufschlussreiche Portraits von Mitgliedern des Politbüros, der STASI und der Allgemeinheit. Wieder einmal war ihr klar, dass ihre ehrlichsten Aufnahmen niemals ausgestellt würden.

„Mitte der 1980er hatte ich das Gefühl, in einem Fass zu stecken und mich im Kreis zu drehen, niemals etwas Neues zu machen. In beruflicher Hinsicht hatte ich alles erreicht, was ich zu diesem Zeitpunkt erreichen konnte, ohne mich zu kompromittieren. In der DDR konnte sich der Einzelne damals kaum entwickeln. Die Regierung bestimmte, was wir lesen durften, was wir sehen durften und was wir hören durften. Alles war so hässlich, mittelmäßig und banal.’

Nach dem Mauerfall gründete Mahler mit sechs weiteren ostdeutschen Spitzenfotografen Ostkreuz, benannt nach einem Berliner S-Bahnhof. Die Agentur hatte Magnum zum Vorbild, eine internationale Genossenschaft für Fotografie, deren Mitglieder 20% ihres Einkommens an die Kooperative abgeben, Miteigentümer sind und die Verantwortung gemeinsam tragen.

„1990 veränderte sich alles. Alles war neu. Alles. Wir gründeten Ostkreuz ebenso als Überlebensstrategie wie als Mittel, um gleichgesinnte Personen zusammenzubringen. In diesen frühen Tagen hatten wir keine Ahnung von der Leitung einer Agentur. Wir konnten noch nicht einmal einen Festnetzanschluss bekommen. Also kauften wir in Westberlin ein „mobiles“ Siemens-Telefon für 7000 DM (etwa € 5000 für heutige Verhältnisse). Das war ein Vermögen, und das Telefon war zu wertvoll, um es im Büro liegenzulassen. Es wog über fünf Kilo. Wir wechselten uns ab, es abends mit nach Hause zu schleppen. Aber es war die einzige Möglichkeit, mit uns Kontakt aufzunehmen“.

Über zwei Jahrzehnte lang wuchs Ostkreuz und entwickelte sich zur erfolgreichsten Agentur Deutschlands, obwohl sie den Populismus und die kommerziellen Ansprüche der heutigen Zeit ablehnte. Alle fünf Jahre macht die Agentur mit einem neuen Buch und einer Ausstellung über den Zustand der Nation eine Bestandsaufnahme ihrer Entwicklung, wobei sie Grundsatzfragen zur Bedeutung von Heimat, Identität, Alter und Hoffnung nachgeht. Als diesjähriger Meilenstein wird die Ausstellung Deutschlandbilder vom 17. September bis 15. Dezember am Goethe-Institut London gezeigt. Vor drei Jahren eröffnete die Gruppe zudem die Ostkreuzschule für Fotografie, damit die Gründer ihre Leidenschaft und ihren Ethos an eine neue Generation weitergeben können.

„Damals wie heute sehen wir uns als Dokumentarfotografen mit subjektivem Ansatz. Ich gebe zu, dass dies ein Widerspruch an sich ist, doch sind wir der Überzeugung, dass es keine Objektivität gibt. Jeder Fotograf hat seine eigene Bildsprache und Vorgehensweise. Unsere Arbeit ist nie gestellt oder konstruiert. Wir haben keine Illusionen“.

Heute hat Ostkreuz 18 Mitglieder im Alter von Mitte zwanzig bis Mitte sechzig.

„Ich weiß nicht, wie viele aus dem Osten und wie viele aus dem Westen kommen“, sagt Mahler mit einem Lachen. „Das ist unerheblich. Wichtig ist uns heute unser Verständnis und unser Begriff von Realität“.

Mahlers neueste Arbeiten sind in dem Gemeinschaftswerk Die Stadt: Vom Werden und Vergehen veröffentlicht, einer Suche nach dem Wesentlichen heutiger urbaner Realitäten. Für ihren Beitrag reisten sie und ihr Mann in alle vier Himmelsrichtungen Europas – nach Reykjavík, Liverpool, Minsk und Florenz – um „Monalisen der Vorstädte“ zu fotografieren, Portraits junger Frauen, die sie eine halbe Stunde lang aus ihrem Alltag herausholten. Die Vorgehensweise der Mahlers gab jeder Frau das Gefühl, „etwas ganz Besonderes“ zu sein, und die daraus entstandene Serie strahlt eine tiefe Ruhe aus.

Copyright Ute Mahler / OSTKREUZCopyright Ute Mahler / OSTKREUZ

 

 

 

 

 

 

Ute Mahler ist eine warmherzige, leidenschaftliche und geduldige Künstlerin, deren Talent, Können und Entschlossenheit ihr berufliche wie auch persönliche Erfüllung gebracht und zu einem bemerkenswerten Oeuvre geführt haben. Aber nach dem Tod ihres Vaters erlebte sie einen der wohl bewegendsten Momente ihres Lebens, als sie seine privaten, inoffiziellen Fotografien entdeckte.

Hunderte von Fotonegativen fanden sich in Büchern versteckt, auf dem Dachboden vergessen. Die Spontanaufnahmen ihres Vaters aus dem Thüringen der 1950er, 2003 in „Ludwig Schirmer – Zu Hause“ veröffentlicht, lassen an die Arbeit von Henri Cartier-Bresson, August Sander und Diane Arbus denken.

„Mein Vater hatte keinerlei Ausbildung, aber unglaubliches Talent“, sagt Mahler stolz beim Anblick der Schnappschüsse aus einer verlorenen Zeit. Dann schüttelt sie den Kopf. „Doch er legte keinen Wert auf diese ehrlichen, authentischen Bilder. Er dachte, seine inszenierten Werbefotos seien wesentlich wichtiger“.

Rory MacLean
September 2010

Übersetzt von Susanne Mattern

Links zum Thema

Dossier: Medienkunst in Deutschland

Geschichte, Strömungen, Namen und Institutionen
Link-Tipps