Erika Rabau

Erika Rabau im Interview mit Rory MacLean

Copyright Erika Rabau
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Erika Rabau ist Familienfotografin, aber ihre Familie sind die Stars. Seit über dreißig Jahren ist sie offizielle Fotografin bei der Berlinale und fester Bestandteil der Berliner Medienszene. Neben jedem roten Teppich, in jeder ersten Reihe und bei jeder Premiere war Erika dabei, die Leica in der Hand. Dustin Hoffman hat sie umarmt, Gérard Depardieu geküsst, Jacques Tati brachte ihr revolutionäre Lieder bei und Orson Welles versuchte, seinen massigen Körper in ihr Auto zu zwängen. Sie ist der unermüdliche, freche Puck von Berlin.

„Ich habe über eine Million Negative in meiner Wohnung“, erzählt sie mir, als wir uns in der Nähe ihres Domizils in Wilmersdorf treffen. „Man muss zwischen den Stapeln Inseln suchen, wo man hintreten kann. Deswegen darf auch niemand in meine Wohnung“.

Erika wurde irgendwann in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Danzig geboren („Du kannst mich nach meinem Alter fragen, aber ich werde nicht antworten. Ich glaube nicht, dass das wichtig ist. Es zählt nur, dass man ein ehrlicher Mensch ist“). Als Kind träumte sie davon, Schauspielerin zu werden, und im Alter von acht Jahren spielte sie den Puck in Ein Sommernachtstraum.

Copyright Erika Rabau„Am ersten Abend hatte ich solches Lampenfieber“, erzählt sie mir beim Nachmittagskaffee. „Ich spähte durch den Vorhang, sah all diese erwartungsvollen Gesichter und erstarrte. Der Regisseur musste mich auf die Bühne schubsen, und die Zuschauer waren von meinem plötzlichen Auftritt so überrascht, dass sie anfingen zu lachen und zu klatschen. Von diesem Moment an liebte ich Schauspieler und Aufführungen“.

Mit siebzehn verliebte sie sich und brannte nach Buenos Aires durch. Drei Monate später verließ sie jedoch ihren Ehemann, weil dieser erwartete, dass sie zuhause blieb und für ihn kochte und putzte. „Ich hatte andere Pläne“, meint sie. Es dauerte einige Zeit, bis Erika diese Pläne verwirklichen konnte, nicht zuletzt weil sie kein Spanisch sprach. Doch eignete sie sich die Sprache an, fand Arbeit in einem Buchladen und bekam dann eine Stelle als Fotografieassistentin am Teatro Colón, einem der besten Opernhäuser der Welt.

„Ich liebte es, Theaterfotografin zu sein, mitten im Geschehen zu sein“, sagt sie. „Vor allem liebte ich die Schauspieler und Schauspielerinnen. Sie faszinierten mich. Sie haben eine Ausstrahlung, die man nicht beschreiben kann“.

Ihre Eltern drängten sie zur Rückkehr nach Europa. Viermal flog sie nach Deutschland zurück, und schließlich ließ sie sich in Westberlin nieder. Anfangs hielt sie sich mit Hochzeitsfotografie und Kinderportraits über Wasser. Dann bekam sie durch ihre Sprachbegabung – Ende der 1960er beherrschte sie vier Sprachen – einen Auftrag als Dolmetscherin bei der Berlinale. Sie nahm ihre Kamera mit, und als sie Schnappschüsse von den Stars machte, fiel Festspielleiter Alfred Bauer auf, wie sie mit den Menschen ins Gespräch kam. Erika plauderte in fließendem Spanisch, Französisch oder Englisch mit den fotografierten Personen, die daraufhin offen mit ihr redeten. Bauer bestimmte sie sofort zur ersten offiziellen Fotografin der Festspiele.

„Warum spreche ich immer mit den Personen, die ich fotografiere“? fragt Erika und spielt dabei mit ihren zahlreichen Anhängern und Halsketten. „Weil ich neugierig bin. Weil ich eine Verbindung mit ihnen suche. Weil sich ihre Gesichter verändern, wenn wir miteinander reden“.

Copyright Erika RabauIm Lauf der Jahre hat sie die besten Film- und Theaterschauspieler der Welt abgelichtet, unter anderem Liza Minnelli, Martin Scorsese, Robert de Niro, Claudia Cardinale, Romy Schneider, Antonio Bandera und James Stewart. Melina Mercouri tanzte für sie auf dem Tisch, und Jack Nicholson streichelte ihr die Wange. Sie zog mit Geraldine Chaplin und Carlos Saura durch die Clubs. Mit Hanna Schygulla ist sie privat befreundet.

Erika trat auch auf der anderen Seite der Kamera in Erscheinung.

„Einmal lag ich auf den Knien, um einen Festspielempfang in Schloss Bellevue zu fotografieren, und als ich aufblickte, sah ich Wim Wenders, der gerade Bilder von mir machte“, erinnert sie sich lachend. „Er hatte eine kleine Minox – das war damals eine besondere Kamera – und wir kamen ins Gespräch. Ich fragte ihn, warum er ein Foto von mir wollte. Wenders antwortete: ‚Ich hätte dich gern in meinem nächsten Film’“.

Rainer Werner Fassbinder. Copyright Erika RabauDer Film war Der Himmel über Berlin, einer der zwei oder drei großartigsten Filme über Berlin, die jemals produziert wurden. Im Film spielt Erika an der Seite von Peter Falk sich selbst als Fotografin der Crew und der Schauspieler eines Films. Erika hatte außerdem Gastauftritte in dreißig weiteren Filmen, unter anderem unter der Regie von R. W. Fassbinder und Lothar Lambert.

Nach ihrem Hüftbruch vor drei Jahren war sie gezwungen, ihre andere große Leidenschaft aufzugeben: das Segeln. „Nach dem Unfall konnte ich nur auf Krücken laufen“, erzählt sie mir kopfschüttelnd. „Ich watschelte wie eine lahme Ente“.

An dem Abend, als sie zum ersten Mal wieder arbeitete, schritt Karl Lagerfeld den roten Teppich entlang. Erika griff nach ihrer Kamera, wusste aber nicht, was sie mit den Krücken machen sollte. „Ich schob sie einfach jemandem hin, der neben mir stand. ‚Halt die mal’, sagte ich dem Mann. ‚Aber natürlich, Erika’, antwortete der Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit“.

Wie Scheherazade, die sagenumwobene persische Prinzessin, die tausendundeine Nacht lang fesselnde Geschichten erzählt, scheint Erika für jede einzelne ihrer einer Million Fotografien eine Anekdote parat zu haben. Ihre sprudelnde positive Energie und ihr elfenhafter Körperbau erinnern mich an Shakespeares Puck – voller Streiche, Schabernack und Späße, der „lustige Wanderer der Nacht“ („Ruf mich niemals vor zwei Uhr nachmittags an!“ sagt sie mir).

Copyright Erika RabauUnser Treffen hatte für mich auch ein persönliches Echo. Vor fünfunddreißig Jahren arbeitete ich zum erstenmal in Berlin als Regieassistent an einem Film mit David Bowie in der Hauptrolle. Während der Dreharbeiten kam Erika am Set vorbei, um ein paar Fotos zu machen. Ich hatte die Bilder nie gesehen, und beim Abschied fragte ich sie, ob sie vielleicht irgendwie an sie herankommen könnte.

„Unmöglich“, meint Erika Rabau mit einem Lächeln. „Ich bin so chaotisch, dass man sie in meiner Wohnung niemals finden würde“.

Rory MacLean
September 2011

Übersetzt von Susanne Mattern

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