Moritz von Rappard

Moritz von Rappard im Interview mit Rory MacLean

Moritz von Rappard. © Lutz Schramm
Moritz von Rappard. © Lutz Schramm
Künstler mit unkonventioneller Arbeitsweise – Grenzgänger zwischen den Disziplinen – bleiben oft in Presse und Öffentlichkeit unbeachtet. Der Öffentlichkeit ist es meist lieber, wenn Maler mit Farbe und Schriftsteller mit Worten arbeiten, während die Presse Künstler in die entsprechenden Schubladen einordnen muss. Redakteure (und Leser) wären verunsichert, wollte man Gerhard Richter als klassischen Musiker neu einordnen oder den Schriftsteller Bernhard Schlink auf den Seiten über Tanz rezensieren. Aber die Grenzen zwischen den verschiedenen Disziplinen reichen nur so weit wie unsere Fantasie. Nichts hält einen Dramatiker davon ab, farbig zu schreiben, oder einen Pantomimenkünstler, Vorträge über soziale Plastik zu halten, abgesehen vom Ausbleiben der Gage am Ende der Show.

Moritz von Rappard ist Dramaturg. Und Kurator. Und Installationskünstler. Und Bühnenbildner und Lichtdesigner. Seine multidisziplinären Ausstellungen, ortsspezifischen Präsentationen historischer Hörspiele und aufführungsfreien Theaterstücke haben in ganz Deutschland und über die Landesgrenzen hinaus sein Publikum schockiert, provoziert und amüsiert. An einem sonnigen Nachmittag bitte ich ihn in seiner Schöneberger Wohnung, sich selbst zu definieren, und er lacht. „Dann gehen wir vielleicht am besten ganz zurück zum Anfang“, sagt er als Erklärung. „Aufgewachsen bin ich in Hannover. Da gab es mitten in der Stadt ein verwildertes und zugewuchertes Gelände, auf dem wir viel gespielt haben. Als ich etwa dreizehn war, wurde genau an dieser Stelle das Sprengelmuseum gebaut. Wir haben unseren Spielplatz sehr vermisst, bis eine Nachbarin uns vorschlug, das Museum einfach mal zu betreten und zu sehen, was es dort gibt. Für mich tat sich eine unglaubliche Welt auf, und so lernte ich, auf einer ganz anderen Ebene zu spielen.“

Im Sprengelmuseum und in der Schule wurde sich von Rappard der Kommerzialisierung der Kunst bewusst, vor allem der zeitgenössischen Malerei, und so verlor eine traditionelle Laufbahn als Künstler ihre Attraktivität.

„Ich habe mich gefragt, ob es wirklich Picasso war, der sich überlegt hat, wie lang seine blaue Periode dauern würde, oder der Markt“? fragt er mit einem Lächeln.

Stattdessen stellte er fest, dass ihn die „Zwischenräume“ anzogen: der nebulöse Raum zwischen Leben und Kunst, Alltag und Performance. „Von Anfang an hat mich gereizt, Sachen anders zu sehen“, sagt er mir. „Ich wollte auf nette und unterhaltsame Weise etwas zeigen, was das Publikum auf eine beinahe freundliche und zuvorkommende Weise dazu bringt, die Dinge anders zu sehen und damit den Alltag auf konstruktive Weise infrage zu stellen.“

An der Universität Köln studierte er Theaterwissenschaft, deutsche Sprachwissenschaft und Pädagogik. Auf der Studiobühne, wo die meisten Hochschulabsolventen Klassiker aufführten und hofften, „entdeckt“ zu werden, stellte er sich wieder gegen das Konventionelle. Stattdessen verwandelte er in Zusammenarbeit mit Adrian Winkler Schillers „Räuber“ in ein Installationsstück, entfernte den Text und lud das Publikum ein, durch das Stück zu spazieren, um so die Rituale des normalen Theaters zu hinterfragen.

Rauschraum Exhibition. © Winfried TobiasVon Rappards nächste Arbeit an der Studiobühne war Rauschraum, produziert mit Georgia Zervoulakos de la Forge für das Null Komma Nichts Festival 1991. Wieder einmal war das Ziel, die Einschränkungen des traditionellen Theaters infrage zu stellen, vor allem in Hinblick auf die allgemein akzeptierte Verwendung von Symbol und Sinn. Von Rappard und de la Forge erkundeten zusammen die Welt der Töne und stellten schließlich den Fön als Haushaltsgerät in den Mittelpunkt. Dreißig Föne, deren Stromzufuhr über eine Reihe von Regelwiderständen gesteuert wurde, hingen von der Decke und erzeugten einen bolero-artigen Tanz um die Köpfe der Zuschauer.

„Nach der Aufführung haben die Besucher uns erzählt, dass sie das Gefühl hatten, im Dschungel oder auf einem Schiff gewesen zu sein“, erinnert er sich. „Und dass sie nach diesem Erlebnis nie wieder normal würden fönen können.“ Er fährt fort: „Dabei ging es mir keineswegs nur um einen großen Spaß. Vielmehr hatte diese Arbeit für mich auch etwas durchaus Politisches, eben weil sie die Funktionalität des Alltags infrage stellt und dem Publikum deutlich macht, dass selbst ein unscheinbarer Fön noch ganz andere Seiten hat.“

Sein Weg zu den „Zwischenräumen“ brachte von Rappard nach Berlin, wo er mit Adrian Winkler 2000 das Stadt Theater gründete. Ihr imaginäres Theater hatte weder Bühne, Text noch Schauspieler, aber ein volles Aufführungsprogramm.

„Wir wollten unbedingt im Theater arbeiten, aber es gab kein Theater, für das wir gern tätig geworden wären“, erzählt er mir voller Begeisterung. „In unserem Stadt Theater fanden die Aufführungen ausschließlich in den Köpfen des Publikums statt. Unsere fünf Produktionen waren so genau durchdacht, dass die Vorstellung in dem Moment begann, in dem man das Programmheft aufschlug. Und so konnten wir eine Reihe von Projekten realisieren, die man in der Wirklichkeit niemals hätte machen können.“

Im letzten Jahrzehnt arbeitete von Rappard mit den Installationskünstlern Christian Boltanski und Ilya Kabakov sowie dem Ensemble Sequentia für mittelalterliche Musik, mit dem er in Amerika, Australien und Afrika Gastspiele gab. Er hat Dutzende von Berliner Denkmälern, unter anderem den Fernsehturm, die Cafeteria am Flughafen Tempelhof und einen S-Bahn-Zug, vorübergehend in Theaterräume verwandelt, die das Publikum erkunden und dabei entsprechende historische Radiodokumentationen und Hörspiele hören konnte. Anlässlich des zwanzigsten Jahrestags des Mauerfalls gestaltete von Rappard zwei Projekte zum ehemaligen ostdeutschen Jugendradiosender DT64.

Seine bisher prominenteste Veranstaltung war 2009 Embedded Art an der Berliner Akademie der Künste. Diese Ausstellung untersuchte Fragen der nationalen Sicherheit, staatlicher Kontrolle und persönlicher Freiheit vor dem Hintergrund der Terroranschläge auf das World Trade Center und in Madrid, Moskau und London. Neben von Rappard waren die Kuratoren der Ausstellung Olaf Arndt, Janneke Schönenbach und Cecilia Wee von der Künstlergruppe BBM, und 41 internationale Künstler waren eingeladen, auf Themen wie Terrorismus, Terror, Sicherheit und Kontrolle zu reagieren.

Embedded Art exhibition. © olaf arndt/BBM 2009„Um die Aufmerksamkeit auf das Eindringen von Sicherheitsthemen ins tägliche Leben zu richten, trug das Wachpersonal in der Galerie kugelsichere Westen, und alle Kunstwerke waren in einer ‚Sicherheitszone in den vier Untergeschossen der Akademie untergebracht“, beschreibt er die provokante Ausstellungsgestaltung. „Die Besucher hatten die Wahl, die Kunstwerke entweder auf Videobildschirmen oder in einer streng überwachten ‚Führung‘ in den Untergeschossen zu betrachten”.

Als Leiter zweier Produktionen des Ballhaus Naunynstraße, die in Manhattan in einer Kollaboration mit Performance Space 122 aufgeführt werden, pendelt von Rappard diesen Monat zwischen Berlin und New York.

„Ich habe stets versucht, den Begriff der Dramaturgie herauszufordern und zu erweitern. In allen Arbeiten frage ich mich so Embedded Art exhibition. © olaf arndt/BBM 2009ehrlich wie möglich, wie das konkrete Thema am besten zu vermitteln wäre. Und vielleicht ist es eben dies, was es scheinbar so schwer macht, mich und meine Arbeit einzuordnen. Ich finde keineswegs, dass etwas nicht geht, nur weil es noch keinen Namen hat, geschweige denn eine Kategorie dafür gibt. Das ist doch nur eine Frage der Kommunikation mit dem Publikum. Und schließlich nicht so weit weg von der Übersetzung eines Spielplatzes in ein Museum und umgekehrt.“

Rory MacLean
November 2010

Übersetzt von Moritz von Rappard und Susanne Mattern

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