Salomé

Salomé im Gespräch mit Rory MacLean

Salomé  © Henning von Berg
Salomé  © Henning von Berg
„Wieviel hat meine Homosexualität dazu beigetragen, dass ich Künstler wurde“? fragt Salomé und faltet seine feingliedrigen langen Finger über dem weißen Tischtuch. „Hundert Prozent. Sonst wäre das nie so gekommen“.

Der originelle „heftige“ Maler Berlins hat sich bei Borchardt, der beliebtesten Pariser Brasserie der Hauptstadt, mit mir verabredet. Ein gut aussehender Oberkellner nimmt mir den Mantel ab. Eine attraktive Kellnerin gießt mir ein Glas San Pellegrino ein. Die kultivierte Umgebung scheint weit weg zu sein von dem rauhen und wilden Berlin, das Salomé 1973 entdeckte.

„Damals nannte man Westberlin ‚die Insel der Glücklichen‘“, erinnert er sich mit einem Lachen. „Ich wuchs in Karlsruhe auf und machte eine Ausbildung als Bauzeichner, aber wissen Sie, diese Arbeit von sieben bis fünf war tödlich für meine Individualität. Dann lernte ich einen Tänzer kennen – einen verrückten, wilden Ballettänzer – und der nahm mich mit auf meine erste Reise in diese Stadt. Sechs Monate später zog ich endgültig hierher.’

In den 1970ern war Westberlin ein Zentrum für radikale Politik. Junge Berliner demonstrierten für Frauenrechte, randalierten gegen Pershing-Raketen und forderten die Schwulenemanzipation.

„Diese politischen Schwulengruppen haben mir die Augen geöffnet“, meint Salomé, als die Kellnerin unsere Bestellung aufnimmt. „Ich fand es wichtig, dass in der Kunst persönliche Erfahrungen als Mittel zur Veränderung der Gesellschaft reflektiert wurden. Ich sah den Künstler als politisches Wesen“.

Salomé 1977 'Fuck' 150x210cm Acryl Canvas 1 © SaloméSalomé bekam einen Studienplatz an der Berliner Hochschule der Künste. Das Geld war jedoch knapp. Er wohnte mit Rainer Fetting am Moritzplatz in einem Dachzimmer, das als Heizung nur einen kleinen Holzofen hatte. Der erste Winter war so kalt, dass er rheumatisches Fieber bekam. Aber seine Leidenschaft war stark. Bei seinem ersten Treffen von HAW – „Homosexuelle Aktion Westberlin’“ – sah der Organisator Gerhard Hoffmann auf und sagte: „Hier kommt die Tochter der Herodias!“

„Was für eine seltsame Königin ist das“? dachte Salomé, der damals orangefarbenes Haar hatte und Schlapphüte, den grünen Wintermantel seiner Mutter, eine rote Fuchsstola und hochhackige rote Schuhe trug.

Hoffmann war später der Besitzer von „Anderes Ufer“, wo Salomé als Kellner arbeitete, sowie der Bar Matalla und der Diskothek Dschungel.

„Es sollte wohl alles so kommen,“ sagt er mit einem Lachen. „Wenn ich Hoffmann – der mir den Namen Salomé gab – nicht getroffen hätte, hätte ich weiterhin meinen Nachnamen benutzt – Cihlarz, der ungarisch ist. Mit einem Namen wie Cihlarz wäre ich in der Kunstszene niemals zu etwas gekommen“!

In den Schwulencafés und -clubs traf Salomé gleichgesinnte Maler, Musiker, Fotografen und Theaterleute. Zusammen entwickelten sie die Schule der Heftigen Malerei und schufen ehrliche und schockierende Portraits vom Leben in Berlin.

„Unsere Inspiration waren Expressionisten wie Kirchner und Heckel“, teilt er mir mit. „Aber wir rebellierten auch gegen den Minimalismus. Wir wollten den Menschen wieder in die Kunst einbringen, die Malerei wieder zum Leben erwecken“.

Und doch blieb Salomé ein Traditionalist. „Wissen Sie, ein Maler muss sein Medium beherrschen. Er muss kunstfertig sein. Nur wenn er seine Traditionen kennt, kann er Revolutionär sein“.

Salomé, 1988, 'Grosse Seerosen I', 300x300cm Acry Canvas © SaloméZusammen mit Künstlern wie Fetting, Helmut Middendorf, Bernd Zimmer, Anne Jud, Berthold Schepers und Rolf von Bergmann gründete Salomé 1977 die Galerie am Moritzplatz. Drei Jahre später wurden er und drei Kollegen eingeladen, an der Ausstellung Heftige Malerei im Haus am Waldsee teilzunehmen. 1982 erhielt er ein Stipendium des DAAD für einen Aufenthalt in New York. Zwei Jahre später wurden seine Arbeiten am Museum of Modern Art gezeigt, womit er zum damaligen Zeitpunkt als jüngster deutscher Künstler überhaupt am MOMA ausstellte. Salomé lebte beinahe fünfzehn Jahre in New York und den USA, und seine Arbeit führte ihn auch nach Toronto, Brasilien und Japan, bis er 1999 nach Berlin zurückkehrte.

Neben der Malerei und dreidimensionalen Arbeiten (wie zahlreiche Projekte mit der Porzellanmanufaktur Rosenthal) gründete Salomé mit Luciano Castelli die Punkband Geile Tiere. Im „Anderen Ufer“ kreierte er neben Ballet- und Theatershows die Performance Für meine Schwestern in Österreich als Reaktion auf die Verfolgung Homosexueller in Österreich. Seine letzten CDs, Dark Desires und Ich bin Kunst – in erster Linie für Freunde produziert – haben einen treibenden Electro-Techno-Beat.

„Mich interessiert das Gesamtkunsttwerk“, meint er. Also facettenreiche kreative Arbeit.

Heute befinden sich Salomés Gemälde in Museen und Privatsammlungen in aller Welt. Zu seinen bekanntesten Werken zählen die Serien Schwimmer und Seerosen, die der deutsche Kritiker Bazon Brock als „Geschenk für die Menschheit“ bezeichnete.

Salomé 1982 'Im Seerosenteich II' 400x300cm, Acryl-Canvas © Salomé„Der oder die Schwimmer sind immer ich selbst. Alle meine Arbeiten haben eine stark autobiographische Qualität. Ich bin kein Maler, der Blumen oder eine Landschaft malen kann; das verkauft sich vielleicht, aber das bin nicht ich. Ich muss meine Sujets kennen, erleben, sogar lieben“.

Salomé malt auch Bilder mit ganz offenkundig schwulen Themen.

„Ich engagiere mich jetzt seit über 30 Jahren in der Schwulenbewegung und habe immer die Kunst als Motor der Emanzipation betrachtet. Aber heutzutage scheint sich der Markt der Seelen vieler junger Künstler bemächtigt zu haben, ob schwul oder hetero. Junge schwule Maler stellen eine Situation vielleicht dar, bieten aber keine Lösung und kein politisches Ziel“. Er schüttelt den Kopf. „Es gibt immer weniger, das meine Seele erschüttert“.

Ein Kellner serviert unser Mittagessen. Ich esse Borchardts „klassisches“ Wiener Schnitzel, zweifellos das leichteste und köstlichste, das ich jemals gegessen habe. Salomé hat Kalbsleber mit Petersilien-Kartoffelpüree und glasierten Zwiebeln.

„Es gibt mehr im Leben als Stereotypen“, sagt er beim Kaffee. „Erst das eigene Glück macht das Leben lebenswert“.

Salomé schaut sich im gut besuchten Restaurant um, und plötzlich habe ich das Gefühl, er blickt auf sein Leben zurück – auf seine Anfangszeit in Westberlin. „Ich bin jetzt älter, reifer und dümmer, aber diese frühen Jahre waren etwas Besonderes. Ich hatte solchen Spaß. Ich wollte mein Leben nie im Verborgenen führen. Ich lebe jetzt so, wie ich leben will“. Er nimmt einen letzten Schluck Kaffee. „Ich werde weiter so wie jetzt malen und arbeiten, bis der Sargdeckel zufällt“.

Rory MacLean
Mai 2011

Übersetzt von Susanne Mattern

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