XOOOOX

XOOOOX im Interview mit Rory MacLean

Norbert Kentrup with Rory MacLean (behind)
Rory MacLean in front of a Berlin wall stencil by XOOOOX. Copyright XOOOOX
Rory mit Graffiti von
XOOOOX
Auf allen einprägsamen Fotografien aus dem Berlin des Kalten Krieges ist die Mauer über und über mit Graffiti bedeckt – aber nur auf der Westseite. Die Ostseite, bewacht von bewaffneter Grenzpolizei und Wachttürmen, blieb immer nackter Beton. Bis zur Revolution von 1989, die zum Mauerfall führte. Danach begannen die Berliner Street Artists mit der Bearbeitung dieser leeren Betonleinwand und machten sich diese brutale, urbane Umgebung zueigen.

Die Künstler ließen den Todesstreifen rasch hinter sich, und heute sind Teile Berlins ähnlich besprüht wie New York in den Siebzigern. Die Circleculture Gallery vertritt viele Künstler der aufstrebenden Urban-Art-Bewegung der Stadt, wie Anton Unai, Daniel Tagno, Marok und XOOOOX.

XOOOOX ist ein überaus produktiver, von Pop Art und Dadaismus beeinflusster Graffiti-Künstler, dessen charakteristische Schablonenarbeiten die Straßen von Berlin und Hamburg ebenso schmücken wie die von Paris, Mailand, Wien und New York. Seine lebensgroßen Portraits modischer Frauen, provokativ in Pose gesetzt wie Fotomodels, sind ungeheuer evokativ und erinnern an die Arbeiten von Street Artists wie Blek le Rat, Misstick und Banksy. Sowie ich sie zu Gesicht bekam, wollte ich den Künstler kennenlernen. Doch es stellte sich als unmöglich heraus, ein persönliches Interview zu arrangieren. XOOOOX trifft sich nicht mit Journalisten. Warum? Weil „XOOOOX seine / ihre Identität schützen muss, damit er / sie nicht wegen Vandalismus verklagt werden kann“, sagte mir der Direktor von Circleculture, Johann Haehling von Lanzenauer.

Also einigten wir uns als Kompromiss auf ein Interview per Email, das sich über mehrere Wochen hinzog. Als erstes fragte ich ihn – obwohl er nicht gewillt war, sich als männlich oder weiblich zu erklären – wie er als Street Artist begann.

Stencil in Hamburg. Copyright XOOOOXStencil in Hamburg.  Copyright XOOOOXStencil in Berlin.  Copyright XOOOOX

 

 

 

 

 

 

„Ich glaube, ich fing mit 15 mit klassischem Graffiti an“, erzählt XOOOOX. „Ich habe nie eine Kunstschule besucht. Ich brachte es mir durch Üben unter Eisenbahnbrücken und bei Reisen in Großstädten wie Frankfurt, München und Köln selber bei.“

Aber warum Sprühdosen und Außenwände, frage ich. Warum hast du nicht lieber im Innenraum in einem Atelier gearbeitet?

„Es ist nichts dagegen einzuwenden, mit dem Pinsel im Atelier zu arbeiten“, antwortet er. „Aber ich meine, wenn Künstler die Menschen wirklich erreichen wollen, dann müssen sie einfach nach draußen gehen. Ein gesprühtes Statement an einem öffentlichen Ort wirkt auf den Betrachter viel stärker als die Werbung darüber.“

Daher sein Interesse an Werbekampagnen und der Modebranche. An anderer Stelle hat XOOOOX zugegeben, dass seine Figuren und die von ihm übernommenen Designerlogos eine Hommage an die Kultur der Haute Couture darstellen, aber auch eine Kritik am Massenmarketing der globalen Einzelhandelsketten.

„Ich glaube, du kannst die Kraft der Mode wie eine persönliche Waffe nutzen“, erklärt der Künstler. „Sie kann dir als Schutzschild dienen, aber genauso kann sie dich zerstören.“

Der Ort, an dem ein Graffiti-Künstlers tätig wird, hat mich immer interessiert. Ich frage XOOOOX, wie er seine „Leinwand“ auswählt? Und hat die Wand selbst einen Einfluss auf das, was er darauf malt?

„Ja. Das Thema hängt vom Ort und der Wand selbst ab. Für mich müssen beide zusammenwirken. Manchmal ist es echt schwer, einen guten Platz zu finden. Bevor ich anfange, an einer Schablone zu arbeiten, betrachte ich gern die Wand aus der Ferne und versuche, die Atmosphäre des Ortes einzufangen.“

Wurdest du jemals bei der Arbeit gestört? frage ich.

„Nicht wirklich“, antwortet er. „Manchmal kommen schon Leute vorbei, wenn man mit einer Schablone arbeitet, also muss man lernen, schnell zu sein. Wenn jemand fragt, was man da tut, muss man einfach schlau sein und die Fragen beantworten.“

Für mich hebt sich die Arbeit von XOOOOX durch seine Verwendung von Schablonen von der seiner Zeitgenossen ab. Warum, frage ich ihn, ist er von den „traditionellen“ Sprühdosen abgekommen?

„Nachdem ich ein paar Jahre lang Graffiti gemacht hatte, fing ich an, Fotografien aus Modezeitschriften auszuschneiden und sie an Wände zu kleben. Aber es ärgerte mich, dass ich immer einen Eimer mit Kleister herumtragen musste und ständig klebrige Finger hatte. Also beschloss ich, stattdessen Schablonen der Abbildungen zu schnitzen. Ich liebte sie, weil sie so einfach und effizient sind. Und natürlich sind Schablonen ein etabliertes Medium zum Ausdruck von Protest und Rebellion.“

Für mich schafft der Mensch unter anderem deshalb Kunstwerke, weil er sich über seine Sterblichkeit hinwegsetzen will. Der Künstler fängt die flüchtigen Momente des Lebens ein und versucht, in seinem Werk etwas zu schaffen, das über den Tod hinaus Bestand hat. Aber alle Straßenarbeiten von XOOOOX sind dem Untergang geweiht, sei es durch Witterung, Abbruch oder einen undankbaren Besitzer mit einem Schrubber. Ich frage ihn, wie er zur unvermeidlichen Zerstörung seiner Arbeit steht?

„Ich finde es spannend, dabei zuzusehen, wie die Zeit an den Stücken arbeitet. In der Tat sehe ich sehr gern, wie ein älteres Werk verfällt und brüchig wird.“

Was wird die Zukunft bringen? frage ich.

„Meine neuen Werke entwickeln sich immer mehr zu Installationen aus Objekten, die ich an verlassenen Orten sammle. Ich versuche, sie mit neuen, ganz anderen Materialien zu kombinieren.“

Diesen Sommer hat XOOOOX eine neue Ausstellung in der Circleculture Gallery. Aber er wird bei der Vernissage nicht anwesend sein, und falls doch, dann wird er es niemand sagen.

„Ich besuche meine Vernissage genauso wenig wie die Vernissagen meiner früheren Ausstellungen. Ich mag keine Künstlerpartys. Mir ist es viel lieber, Ausstellungen in aller Stille anzuschauen.“

Aber der Galeriedirektor Johann Haehling von Lanzenauer wird da sein. Wie er mir erklärte, ist „XOOOOX ein Konzeptkünstler, der sehr zeitgemäße, abstrakte Installationen, Guerilla-Kampagnen und räumliche Arbeiten schafft. Seine Frische, sein vielseitiger Ausdruck und seine intellektuelle Bandbreite machen ihn zu einem Künstler, der Aufmerksamkeit in der breiten Öffentlichkeit verdient.“

Rory MacLean
April 2009

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