Ilona Ziok

Rory MacLean im Gespräch mit Ilona Ziok

© Ilona Ziok
© Ilona Ziok
„Wenn die Zuschauer das Kino verlassen, dann sollen sie sich an den Film, den sie gerade gesehen haben, erinnern und ihn nicht gleich vergessen“, sagt Ilona Ziok, Regisseurin von vier äußerst kontroversen deutschen Kino-Dokumentarfilmen. „Meine Filme haben stets eine Botschaft, weil ich mich für die Zukunft unseres Landes mitverantwortlich fühle. Aber dafür muss man auch mit unserer Vergangenheit richtig umgehen“.

Zioks Vater war ein Aristokrat vom Niederrhein, der als Hitlers Gegner in den Osten fliehen musste. Ihre Mutter stammte aus einer wohlhabenden schlesischen Grundbesitzerfamilie. Ziok kam auf dem Gut der Familie zur Welt, wuchs dort auf und war noch ein Kind, als ihre Mutter sie 1968 in den Westen brachte, um der Diskriminierung der polnischen Kommunisten gegenüber der „besitzenden Klasse“ zu entgehen. Sie besuchte die Grundschule in England und das Gymnasium in Deutschland. Sie studierte Politologie, Slawistik und Theater- und Filmwissenschaften in Frankfurt am Main, danach Theater- und Spielfilm-Regie in New York, Los Angeles und Moskau.

„Deshalb war mein Stil nie typisch made-in-Germany“, erzählt sie mir schmunzelnd bei unserem Treffen in der Nähe ihrer Berliner Wohnung. „Ich habe eine andere Perspektive, weil ich nicht mein ganzes Leben hier verbracht habe. Und wenn ich mich mit unserer Geschichte befasse, ist meine Sichtweise auch deshalb eine andere, weil es auf beiden Seiten unserer Familie keine Nazis gab“.

Zioks vier Dokumentarfilme sind rebellisch, provokativ, einfühlsam und menschlich. In Kurt Gerrons Karussell (1999) erzählt sie die Geschichte des Berliner Künstlers Kurt Gerron, der als einer der erfolgreichsten deutschen Entertainer der Dreißiger Jahre als Jude ins KZ Theresienstadt deportiert wurde und dort zur Täuschung der Welt ein Kabarett-Programm auf die Beine stellen und aufführen musste. Später wurde auch er in Auschwitz vergast.

„Das ist ein erschütternder Film“, sagt Ziok mit Leidenschaft und Klarheit. „Oft sind die Menschen davon so ergriffen, dass sie am Schluss weinen oder noch etwa zehn Minuten in tiefem Schweigen im Kino verharren. „Kurt Gerrons Karussell“macht deutlich, dass Hitlers Regime nicht nur die jüdische Bevölkerung und alle Gegner seiner Ideologie vernichtete, sondern dass dieser Mord an Millionen gleichzeitig das Wesen der vor 1933 grossen und berühmten deutschen Kultur zerstörte.

Film poster Fritz Bauer Tod auf Raten © Ilona ZiokDoch ihre Erfahrungen mit der Finanzierung derart kontroverser Filme ließen Ziok oftmals hinterfragen, ob Deutschland das Erbe des Nazismus tatsächlich bewältigt hatte. Obwohl die deutsche Regierung ihren Dokumentarfilm Fritz Bauer – Tod auf Raten (2010) finanziell unterstützte, wurde er von den meisten Filmförderungen und den großen TV-Sendern abgelehnt. Fritz Bauer war der Wegbereiter der deutschen Demokratie. Er war nicht nur der Hessische Generalstaatsanwalt, der den Frankfurter Auschwitz-Prozess initiierte, sondern auch der Staatsanwalt, der in einem Prozess im Jahre 1952 in Braunschweig die Rehabilitierung der Männer und Frauen erreichte, die gegen Hitler Widerstand geleistet hatten und die bis dahin im Sinne des Gesetzes immer noch als „Landesverräter“ galten. Denn erst nach diesem durch ihn gewonnenen „Prozess um die Attentäter des 20. Juli 1944“ trat auch in Deutschland der Begriff UNRECHTSSTAAT für das nationalsozialistische Regime erstmals in Kraft.

Bis heute ist Bauers plötzlicher Tod in der Badewanne ein kontroverses Thema.

„Zivilcourage ist Bürgerpflicht“, sagte er einmal. Durch Verwendung von Archivaufnahmen, von ungekürzten Interviews und gezielt eingesetzter Musik zieht Ziok den Zuschauer hinein in ein fortdauerndes historisches Dilemma und zeichnet Bauer als einen vorbildlichen Kämpfer für Menschenrechte und Werte.

„Gerechtigkeit ist für mich von größter Bedeutung“, sagt Ziok und hofft, dass Fritz Bauer zur Vorbildfunktion auch für die nächste Generation wird. „In Deutschland steht man den sogenannten Nestbeschmutzern kritisch gegenüber. In meiner Arbeit möchte ich aber auf diese Nestbeschmutzer aufmerksam machen, deren wichtige Stimmen ignoriert oder unterdrückt wurden. So möchte ich dazu beitragen, dass diesen Personen gesellschaftlich und deutschlandweit Gerechtigkeit widerfährt“.

Ihr Film Der Junker und der Kommunist (2009) erzählt die Geschichte zweier Männer, die von ihrer Herkunft und Weltanschauung nicht unterschiedlicher sein könnten, aber in ihrem Widerstand gegen Hitler vereint waren. Er zeichnet die Lebensgeschichten des Grafen Carl-Hans von Hardenberg und des Kommunisten Fritz Perlitz im Verlauf des 20. Jahrhunderts nach, von deren Beteiligung am Widerstand gegen das NS-Regime über die Teilung Deutschlands nach dem Krieg bis hin zur Wiedervereinigung – eine Reflektion über 80 Jahre deutscher Geschichte ohne den Versuch einer Wertung.

„Das politische Gedächtnis kennt nur einen Sieger – jedenfalls bis zur nächsten Revolution“, meint Ziok. „Wir Künstler haben dagegen die Pflicht, die Erinnerung für die Nachwelt zu bewahren“.

The Sound of Silents film poster © Ilona ZiokZioks Film The Sounds of Silents (2006) – Der Stummfilmpianist spiegelt ebenfalls Aspekte ihrer Moral wider. Dieser Dokumentarfilm erzählt die Geschichte Willy Sommerfelds, des letzten authentischen Stummfilmpianisten der Zwanziger Jahre und lebenden Zeugen beinahe des gesamten vorigen Jahrhunderts. „In dem Film wollte ich wieder aufleben lassen, wie die Ereignisse von 100 Jahren Geschichte das Leben des 103-jährigen Mannes prägten. Willys Liebe zur Musik hielt allen historischen Umbrüchen stand und ließ ihn weit länger leben als die übliche Lebenserwartung. Er ging keine faulen Kompromisse ein und ließ sich trotz schwieriger und destruktiver Umstände nie unterkriegen oder verbittern“.

Wie in allen ihren Filmen verwendet Ziok keinen Kommentar. Sie stellt keine Szenen nach und gebraucht keine manipulativen Schnitttechniken. Doch mit ihrer beeindruckenden und konzentrierten Dramaturgie erschafft sie Dokumentarfilme, die so spannend sind wie Krimis und ihr in aller Welt Anerkennung und Bewunderer einbringen (unter anderem Sandy Lieberson und Roman Polanski).

Gegenwärtig in Produktion ist Zioks bewegender neuer Film Sing das Lied des Sozialismus, der die Geschichte der DDR in Dutzenden ihrer patriotischen Lieder erzählt, unter anderem gesungen von Johann Georg Reißmüller, dem legendären Politik-Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Weitere geplante Projekte sind z.B. Love Letters from Berlin, ein musikgeschichtliches Porträt vom Berlin des Komponisten und Musikers Manuel Göttsching (Ash Ra Tempel, Ashra), The Making of Seven Up! über die musikalische Begegnung der Musiker der weltweit bekannten Krautrock-Band Ash Ra Tempel mit Timothy Leary im Jahr 1972 in der Schweiz – ihre Träume und was daraus wurde, ferner eine Biographie des ostdeutschen Archäologen Friedrich W. Hinkel, der die antiken Pyramiden des Sudan rettete, sowie einen Dokumentarfilm über die Freimaurer, für den Ziok als Erste Zugang zu deren Archiven erhält und mit der Kamera Exklusivinterviews aufzeichnen darf.

„Warum sollte ich bei so fantastischen echten Helden mit Schauspielern einen Spielfilm machen“? fragt sie mit einem Lachen.

© Ilona ZiokZiok verwendet Biografien als Mittel zur Untersuchung spezieller historischer Epochen oder Ereignisse. Sie legt größten Wert auf das Verhalten des Einzelnen und die Auswirkungen dieses Verhaltens auf die Gesellschaft. Nicht nur die Person an sich fesselt sie, sondern auch das, was er oder sie für die Menschheit bedeutet.

„Beim Filmemachen ist es mein persönliches Ziel, die Dynamik der Politik, der Geschichte und der Psychologie menschlichen Verhaltens zu verstehen. Aber ich bin auch getrieben von dem tiefen Wunsch, die Vergessenen und Verdrängten zurückzubringen“.

Rory MacLean
Oktober 2014

Übersetzt von Susanne Mattern

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