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Rory MacLean im Interview mit Berge

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An einem milden Abend im angesagten Stadtteil Friedrichshain weckten Musikklänge meine Neugier. Im ehemaligen Reichsbahnausbesserungswerk hinter der Revaler Straße umringte ein begeistertes Publikum einen winzigen weißen Wohnwagen. Darin spielte Berge, ein bemerkenswertes junges Musikduo, ihre Single Die fetten Jahre sind vorbei. Marianne Neumann, mit schöner Stimme und von ebenso schöner Präsenz, und ihr fester Partner Rocco Horn, lachend an der Gitarre, wurden live auf Video gefilmt und ihr Bild auf die Vorderfront des Wohnwagens projiziert.

„Dies ist der verrückteste Ort, an dem ich je aufgetreten bin“, lacht Neumann in die Kamera und ins Publikum, bevor sie zu Glück ansetzt. Dabei lehnt sie sich gegen das große Fenster des Wohnwagens, als ob sie ihre Fans erreichen möchte.

Die energiegeladene, lyrische Musik des Duos (man denke an Rilo Kiley gemischt mit Jason Mraz) und seine nachdenklichen, aufrüttelnden Texte berührten mich und das Publikum. Einige Tage später traf ich Marianne und Rocco in der Dachkammer in der Simon-Dach-Straße um die Ecke.

© Berge„Als Kind war mir nicht klar, dass Musik geschrieben werden muss“, erzählt mir der 32-jährige Rocco, als wir uns an einen runden Tisch am Fenster setzen. „Ich dachte, sie wäre einfach da, wie Wasser, wie die Sonne. Man musste sie nur aus der Luft ziehen. Als ich lernte, ein Instrument zu spielen, konnte ich das hervorholen, was bereits da war“.

„Ich denke, das ist der Schlüssel für unsere Kreativität und für unsere Arbeitsweise“, sagt Marianne begeistert, und ihre blauen Augen leuchten, als sie Rocco zunickt. Sie spricht mit einer entwaffnenden Ehrlichkeit, beinahe Ernsthaftigkeit. „Wir versuchen, immer möglichst offen und in Fluß zu bleiben, damit uns die Musik einfach in den Sinn kommen kann“.

Marianne und Rocco lernten sich vor acht Jahren kennen. Sie war 16 und hatte bereits drei Jahre lang Songs geschrieben, die sie zuhause für ihre Familie auf einem Kassettenrekorder aufnahm. Er war 24, ein junger Gitarrist mit langen Haaren und einem gewissen Ruf bei den Mädchen. Nach einem Schulkonzert, bei dem er auftrat, fuhr er sie nach Hause, und sie bat ihn, sich ihre Kassetten anzuhören. Als er ihre Stimme und ihre Texte hörte, war er zutiefst berührt.

„Marianne war kein typisches Mädchen“, räumt er zwischen kleinen Schlucken aus seinem Becher Pfefferminztee mit charmantem Understatement ein. „Außerdem ist sie eine sehr gute Sängerin“.

Innerhalb weniger Wochen gründeten sie die Band „Frau Neumann“ und debütierten bei Aufsturz an der Oranienburger Straße Berlins, wo sie poppigere Versionen von Mariannes Songs aufführten.

© Berge„Es war seltsam, dass eine Band – alle um die Mitte Zwanzig – Songs spielte, die ein Mädchen im Alter von zwölf oder dreizehn Jahren geschrieben hatte“, meint Rocco mit einem Lachen.

Aber Marianne und Rocco hatten eine Zauberformel gefunden. In ihren ersten beiden Jahren gaben sie über fünfzig Konzerte und bauten sich eine örtliche Fangemeinde auf.

‘“Es war ein gutes Gefühl. Ich war jung. Ich war noch in der Schule. Ich war jeden zweiten Abend auf der Bühne“, gibt Marianne zu.

Ihr Erfolg und die Schule ließen ihnen jedoch keine Zeit, um neues Material zu schreiben, und allmählich wurden sie mit ihrer Arbeit unzufrieden.

„Wir wollten weg von der reinen Popmusik, weg vom Produkt, und etwas Kreativeres und Originelleres machen: Musik, die uns eher entsprach“, sagt Marianne.

Zusammen verwandelten sie sich in Berge und schrieben Songtexte, die mysteriös und anspruchsvoll waren.

© Berge„Wir wollten keine Gruppe sein, die bequeme Texte sang“, insistiert Rocco, als unser Gespräch locker von einem zum anderen am Tisch springt. „Unsere Songs wären dann vielleicht unbekannt, vielleicht würden manche unserer Fans sie hassen, aber wir waren fest entschlossen, nicht billig zu sein“.

Die Bemühungen, einen einzigartigen Sound zu entwickeln, waren schwierig und kosteten Berge einen Vertrag mit einem großen Plattenlabel, doch mit ihrem ersten Album Keine Spur kamen sie als eine ganz eigene Berliner Band heraus.

„Für uns ist es sehr wichtig, eine Verbindung zum Publikum zu schaffen“, meint Marianne. „Je mehr Emotionen wir in den Leuten wecken können, desto mehr sind sie mit Kopf und Herz dabei und umso intensiver ist ihr Erlebnis“. Mit einem Lachen fügt sie hinzu: „Anfangs ist es beängstigend. Aber mit Roccos Unterstützung habe ich gelernt, es einfach nur zu machen, und dann entdeckte ich, dass ich immer freier sein konnte“.

Um das Publikum zu überzeugen, ließ Rocco einmal seine Gitarre durch einen Looper laufen, ein elektronisches Gerät, das eine bestimmte Phrase oder Melodie wiederholt. So konnten er und Marianne beide von der Bühne treten und durch die Menge laufen, in drahtlose Mikros singen, alle Anwesenden in die Aufführung mit einbeziehen und sie zum Tanzen animieren. Ähnlich gingen sie diesen Sommer auf eine zweiwöchige Deutschlandtournee und gaben jeden Abend in einer anderen Stadt in kleinen Bars und Cafés kostenlose Konzerte.

„Diese intimen Orte produzieren eine ganz andere Energie“, sagt Marianne. „Man muss sich auf die Person direkt vor einem konzentrieren. Für mich ist es wunderbar, wenn ich die Gefühle der Leute berühren kann. Wenn das passiert, dann glaube ich, dass wir auf dem richtigen Weg sind“.

Wie überall ist es für das Duo schwer, als unabhängige Musiker zu überleben. Ohne einen Plattenvertrag im Hintergrund muss eine Band ihre Aufnahmen selbst mastern, die Herstellung von CDs arrangieren und eigene Marketing-Kampagnen gestalten. Aber der kommerzielle Durchbruch von Berge scheint mit ihrem neuen Album Vor uns die Sinnflut gesichert. Es ist eine Art Hymne auf die Ökologie des Einzelnen und des Planeten sowie ein Appell an die YouTube-Generation, wieder eine Verbindung miteinander und mit der Umwelt einzugehen.

© Berge„Der Schwerpunkt liegt darauf, sich zu kümmern“, meint Marianne. „Sich um den Planeten zu kümmern, um die Gefühle des anderen, um uns selbst und um unsere begrenzte Zeit. Wir hoffen, dass es die Menschen dazu bringen wird, über die Geschenke, die uns gegeben sind, nachzudenken“. Das Album, das 2012 erscheinen soll, beinhaltet die eindringliche Single Glück, ein Wort, das sowohl Glücksfall als auch Glücksgefühl bedeuten kann und das, wie Marianne singt, „unser fünftes Element ist“.

„Wir möchten unsere Musik verwenden, um konstruktive und positive Gefühle zu vermitteln“, meint Rocco und spreizt die Hände auf dem Tisch. „Ich sehe die Dinge immer physikalisch. Mit unserer Musik versuchen wir, die Menschen zu bewegen, Emotionen zu bewegen, uns selbst zu bewegen. Wir möchten Dinge in Bewegung, zum Leben bringen“.

„Was bedeutet, dass man selbst in Bewegung sein muss“, fügt Marianne hinzu und bringt damit seinen Gedanken zu Ende.

Für mich stellt sich die Frage nach ihrem eigenen Glück - danach, den idealen kreativen Kooperationspartner zu finden. „Weißt du, die Offenheit, die Improvisation, funktioniert nicht mit jedem“, sagt Marianne. „Du musst jemanden finden, der auf der gleichen Linie liegt, wie Rocco. Mit ihm kann ich mich einfach entspannen und singen. Er hat mir geholfen, mich selbst zu definieren“.

Für Berge, ein dynamisches und prinzipientreues Berliner Duo, das Gefühle mit Intelligenz verbindet, ist der Erfolg keine Frage von Geld, Selbstgefühl oder Berühmtheit, sondern einfach der Wunsch, gehört zu werden, Menschen zu bewegen.

Rory MacLean
November 2011

Übersetzt von Susanne Mattern

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