Campino

Rory MacLean im Interview mit Campino

Campino.  © Jochens Kleine Plattenfirma GmbH & Co
Campino.  © Jochens Kleine Plattenfirma GmbH & Co
„Großartige Songs werden geschrieben, weil etwas gesagt werden muss und nicht, weil jemand etwas zu sagen hat. Sie sind größer als das Ego eines Einzelnen.“

Beim Morgenkaffee frage ich Campino, den Sänger der Toten Hosen, wie er einen Song schreibt: Fängt er mit der Musik oder mit dem Text an?

„Deine Frage kommt zum perfekten Zeitpunkt“, lächelt er und nippt an seinem Milchkaffee. „Nächstes Jahr ist das 30-jährige Jubiläum der Toten Hosen und auch mein 50. Geburtstag. Wir planen 2012 eine große Tournee. Wenn wir aber keine neuen Songs schreiben, bleiben wir zuhause.“

Er erklärt: „Jahrelang hatte ich zuerst die Musik im Kopf und habe mich von der Stimmung der Musik zu den Texten inspirieren lassen. Aber ich kann natürlich heute nicht mehr so wie im letzten Jahr oder in den 80ern schreiben. Man muss seine Herangehensweise stets verändern und neue Ausdrucksformen finden. Ich suche gerade einen neuen Weg für mich. Ich versuche, zuerst den Text in Reimform zu schreiben und dann die Musik kommen zu lassen.“

Er lacht mit herzlicher Aufrichtigkeit. „Aber ich weiß nicht, ob das funktioniert, also kann ich dir nicht sagen, wie ich Songs schreibe. Ich bin wieder mal nur ein Anfänger …“

Die Toten Hosen 2008.  © Dieter EikelpothDer „Anfänger“ Campino hat mit der Band Die Toten Hosen über 15.000.000 Tonträger verkauft, sechs Nummer-Eins-Alben eingespielt und siebenmal den ECHO (der „deutsche Grammy“) gewonnen. Als erfolgreichste deutschsprachige Rockgruppe aller Zeiten haben sich Die Toten Hosen mit ihrer elektrisierenden Energie, künstlerischen Integrität und ihrem Mut zur Kreativität außerdem einen Platz im Herzen aller Rock- und Punkfans hierzulande und in aller Welt erobert.

 

Campino und seine Freunde gründeten die Band 1982 in Düsseldorf. „In dieser Anfangszeit waren wir schon zufrieden, für Benzingeld oder einen Kasten Bier aufzutreten“, erzählt er mir.

Ein früher Förderer war das Goethe-Institut, auf dessen Einladung die Band auf Frankreich-Tournee ging, bis sich der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl gegen eine offizielle Unterstützung der Gruppe aussprach, da die Hosen für Deutschland nicht repräsentativ seien.

„Wir haben nur darüber gelacht, da wir eh keinen großen Plan hatten. Uns ging es in erster Linie um den Spaß. Wir waren auf einem Kreuzzug ins Glück.“

So nannten sie dann auch ihr sechstes Studioalbum. Auf dem Kreuzzug ins Glück war 1990 die Nummer Eins der Albumcharts, und die Band wurde eingeladen, mit den Rolling Stones zu spielen.

„Wir wussten nicht, wie wir mit dem Erfolg umgehen sollten – wir waren Punks und wollten auf der gleichen Ebene wie unsere Freunde bleiben – also beschlossen wir, ‚zurück‘ nach London zu gehen, zu der Musik, mit der für uns alles angefangen hat, um die für uns größten Hits zusammen mit unseren Idolen neu aufzunehmen.“

So entstand das bemerkenswerte Album Learning English, Lesson One, eine Kollektion von 23 Songs, die die Hosen geprägt und beeinflusst haben. Das Coveralbum war zudem ein einmaliges Who’s Who des Punkrock.

„Es war ein echtes Erlebnis, Legenden wie Joey Ramone, Johnny Thunders, Charlie Harper und Jimmy Pursey von Sham 69 kennenzulernen und mit ihnen zu arbeiten.“

Learning English war ein riesiger internationaler Erfolg, obwohl einige britische Kritiker das Album verrissen und meinten, dass eine deutsche Band sie nicht an ihre eigene Tradition erinnern müsse. Nichtsdestotrotz spielte John Peel ihre Musik auch weiterhin. Er erkannte bereits 1984 das Potenzial der Band und lud sie zu seinen Peel Sessions in den Sender BBC Radio 1 ein.

„Unsere Wurzeln liegen zu 100% im englischen Punk“, bekräftigt Campino. „The Jam, The Clash, die hatten etwas zu sagen. Die waren aggressiv. Die waren aber nicht nur gegen Dinge. Die waren auch für Dinge: die Anti-Nazi-Liga, raus mit den Faschisten, Kampf dem Rassismus. Das war für mich ungeheuer wichtig.“

Ich komme noch einmal auf das Songwriting zurück, diesmal speziell auf seine tief bewegende Single Nur zu Besuch von 2002, die er nach dem Tod seiner Mutter komponierte.

„Ich stamme aus einer Familie mit sechs Kindern. Unser Familienzusammenhalt war und ist sehr stark. Meine Mutter war Engländerin. Mein Vater war Deutscher. Als ich sieben Jahre alt war, galt meine ganze Leidenschaft dem FC Liverpool. Ich war ein Hardcorefan, in gewisser Weise wegen meiner Mutter.“

„Als ich älter wurde, entwickelte ich mich ein bisschen zum Querulanten, kleidete mich als Punk und sang God save the Queen… the fascist regime… she ain’t no human being von den Sex Pistols. Meine Mutter nahm sich das zu Herzen, und eine Zeitlang hing der Haussegen schief. Sie machte mir Frühstück, ging aber aus dem Zimmer, wenn ich hereinkam.“

„2000 stand eine große Tour der Toten Hosen an. Ich riss mir das Kreuzband im Knie, und wir mussten alle Shows absagen. Am nächsten Tag wurde meine Mutter krank. Ich nahm es als Zeichen, mit ihr in Düsseldorf Zeit zu verbringen. In den nächsten sechs Monaten sah ich sie fast täglich, und wir führten die besten Gespräche unseres Lebens. Wir hatten die Chance, alles zwischen uns wieder ins Reine zu bringen. Als sie dann Weihnachten starb, waren meine Schwester und ich bei ihr.“

Die Toten Hosen.  © Jochens Kleine Plattenfirma GmbH„Ich habe Nur zu Besuch in 15 Minuten geschrieben und den Text nicht ein einziges Mal überarbeitet, was bei mir selten ist. Der Song war meine Art, ihr Danke zu sagen. Seit er herauskam, haben mir Tausende von Leuten geschrieben, dass sie ihn bei einem Begräbnis gespielt hätten oder dass er ihnen bei der Bewältigung eines eigenen Verlusts geholfen hat und dass sie sich in Nur zu Besuch selbst ein bisschen wiedererkannten.“ Campino sitzt einen Moment still und dreht die Kaffeetasse in seinen Fingern. „Mir gefällt die Vorstellung, dass alles nicht reiner Zufall ist, sondern manche Dinge geschehen sollen, auch wenn wir nicht verstehen warum. Ich denke auch, dass meiner Mutter der Song gefallen hätte.“

Campinos Kreativität geht über die Musik hinaus. 2006 spielte er Mackie Messer in Brechts Dreigroschenoper unter Regie von Klaus Maria Brandauer. „Brandauer hatte extrem viel Geduld mit mir als Amateur“, erinnert er sich. „Ich kann diesen großartigen Mann nur loben.“ Das Stück war die in dem Jahr erfolgreichste deutsche Theateraufführung. 2007 schrieb dann Wim Wenders das Drehbuch für den Spielfilm Palermo Shooting, in dem die Hauptrolle speziell auf Campino zugeschnitten war.

Campino hat ein ausgeprägtes soziales Gewissen und unterstützt unter anderem Aufklärungskampagnen für Krebs. Er ist Pate der Regine-Hildebrandt-Schule in Birkenwerder und setzt sich für ihr Projekt „Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage“ ein. Und gemeinsam mit der Band hat er Einnahmen aus Tonträgerverkäufen dem Düsseldorfer Appell gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus gespendet. Daneben hat sie als Haupt- und Trikotsponsor von Fortuna Düsseldorf den Fußballverein vor dem Konkurs gerettet.

An diesem Vormittag reden Campino und ich auch über seine Liebe zum Eishockey (er ist Fan der DEG Metro Stars sowie der Eisbären Berlin), die Zentralasien-Tournee der Band von 2010 (mit willkommener Unterstützung des Goethe-Instituts), seine Begeisterung für südamerikanische und ganz besonders die „herzlichen und netten“ argentinischen Fans (nach ihrem Besuch im nächsten Jahr werden die Hosen die internationale Band mit den meisten Auftritten in Argentinien sein) und schließlich das geplante Konzert zum 30-jährigen Jubiläum. Ostern 1982 hatten die Hosen ihren allerersten Auftritt in Bremen (wo sie als die Toten Hasen vorgestellt wurden).

„Also würde es schon Sinn machen, auch Ostern 2012 dort zu spielen – sofern wir neues Material haben.“

Campino breitet die Arme aus, als wolle er eine vorbeigehende Muse an unseren Tisch einladen. „Mir fällt es schwer, die Wahrheit zu Papier zu bringen“, gibt er mit entwaffnender Bescheidenheit zu. „Immer wenn ich an etwas arbeite, weiß ich, dass ich nur ein Anfänger bin.“

Campino 2008.  © Kiste EikelpothMit diesen Worten macht er sich auf den Weg an seine Arbeit, um neue Songs zu komponieren, eine neue Art des Schreibens zu finden und sich selbst neu zu erfinden, wie es alle dynamischen Künstler tun müssen – immer und immer wieder.

Rory MacLean
März 2011

Übersetzt von Susanne Mattern

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