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DJ-Kultur in Deutschland

Copyright laut.deSven Väth, Westbam, Hell oder Tanith sind Namen, die die Herzen der Musikfans in aller Welt höher schlagen lassen. Sie kommen aus Deutschland.
 

Der DJ ...

Historisch betrachtet ist die Figur des Disc Jockeys oder DJ alles andere als eine deutsche Erfindung. Als ein Aspekt und Gestalter von Popkultur ist er zunächst ein amerikanischer Import. Dort entstand diese Profession in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, gefördert durch die rasante Entwicklung der neuen Radiotechnik und in diesem Zusammenhang vor allem in kleinen Provinz-Sendern, die sich, wie von den mächtigen Musikergewerkschaften eigentlich vorgeschrieben, kein eigenes Radio-Orchester leisten konnten.

In den 1950er-Jahren erlebte dieser Radio-DJ seinen Siegeszug als massenbeeinflussender Star und Marketingfaktor im neuen Konsumsegment der Teenager. Zu Beginn der 1960er begannen DJs in New York dann erstmals, die bis dahin üblichen Tanzorchester in den Clubs zu ersetzen. Ende der 1960er schließlich entwickelte sich das kreative Plattenauflegen zu einer Kunstform im eigenen Recht.

... in Deutschland

Für die Entwicklung der Disco- und DJ-Kultur im Nachkriegsdeutschland West bedeutete das eine klare Orientierung: die ersten Discos entstanden in den Zentren der amerikanischen Besatzungszonen und waren oft genug amerikanischen GIs vorbehalten. Die eigentlich verbotenen Besuche in diesen oft musikalisch sehr progressiv orientierten, Funk, Soul und Rock favorisierenden Clubs gehören noch heute zu den Highlights in den persönlichen Biographien so mancher altgedienter DJs aus dem Hessischen und Pfälzischen.

Neben dem Aspekt, Discos als Austragungsort schwarzer, amerikanischer Popkultur zu verstehen, spielte aber bald auch die Idee von Disco als Schauplatz psychedelischer Hippieaktivitäten eine tragende Rolle: das Grünspan in Hamburg etwa gilt als die erste deutsche Disco mit einer amtlichen Lightshow, in deren Gewitter man sich zu Jimi Hendrix und Krautrock verlieren konnte.

Wenig ist überliefert über die Menschen, die damals die Musik auswählten und auflegten.

... zwischen Dienstleistung...

Die deutsche DJ-Kultur, wie wir sie heute kennen, ist hingegen eng an Namen, Persönlichkeiten und Identitäten gekoppelt. Zwei davon stehen wohl wie keine anderen für den Aufstieg deutscher DJs aus dem Rang von Disco-Dienstleistern zu eigenständigen Interpreten dieser Tätigkeit: Westbam und Sven Väth.

Väth darf als typisches Kind der spezifisch frankfurterischen Prägung durch das Aufwachsen im Dunstkreis der US-Army-Kultur betrachtet werden. Selbst ein Spross von Discobesitzern, wuchs er in das Metier nicht nur von der musikalisch-unterhaltenden, sondern auch von der gastronomisch-wirtschaftlichen Seite hinein. Väth legte schon auf, als es noch völlig uncool war und Discos als Orte betrachtet wurden, die eigentlich nur von „Hirschen“ und „Mäusen“ besucht wurden.

Als Ende der 1980er-Jahre jedoch durch die rasante Entwicklung elektronischer Musikproduktion und die damit verbundene Entstehung ganz neu funktionierender und das Nachtleben neu sortierender Stile ein sich rasch über die ganze Welt ausbreitender Paradigmenwechsel eintrat, war Väth zur Stelle. Mit seiner Mischung aus bodenständig geerdeter Unterhaltungs-Passion und wachem Geist für die neuen Formen des Feierns konnte er sich als die spektakulärste deutsche DJ-Figur etablieren. Seine Marathon-Sets aus den frühen 1990ern sind Legende, bis zu zwölf Stunden pflegte Väth aufzulegen und dabei weder sich noch sein Publikum zu schonen. Bis heute gilt Väth zwar nicht als technisch brillanter DJ, als instinktsicherer Auswähler aber fasziniert er nach wie vor die Massen.

... Kunstanspruch und ...

Westbam hingegen, obwohl als DJ schon seit Beginn der 1980er aktiv, begründete seinen Zugang zu dieser Profession auf einer ganz anderen, wenngleich auch unmittelbar amerikanisch geprägten Idee. In Münster aufgewachsen beeindruckten den jungen Maximilian Lenz die ersten New Yorker Hip-Hop-DJs, die begonnen hatten, auf unerhört kreative Weise die Vinylschallplatte als Werkzeug zu verstehen. Von einer der wichtigsten dortigen Figuren, Africa Bambaataa, ließ er sich zu seinem Künstlernamen inspirieren: Westfalia Bambaataa, bald verkürzt zu Westbam.

Westbam war aber auch, zumindest auf einer bundesweiten, medial wahrnehmbaren Ebene, der Erste, der die Figur des DJs in einen subkulturellen, tendenziell eher links-rebellischen Kontext überführte. So erschloss sich sowohl die Welt des tanzorientierten Nachtlebens als auch die Profession des DJs für ganz neue Kreise. Bis heute äußert sich der aus einer Künstlerfamilie stammende Westbam gerne auf philosophisch-politische Weise in der Öffentlichkeit, berühmt wurde sein gemeinsam mit Rainald Goetz verfasstes Buch Mix, Cuts und Scratches (Merve, Berlin 1997).

Der Westbam-Ansatz begann im großen Stil zu greifen, als Ende der 1980er Jahre mit Techno ein Musikstil die Szene eroberte, der erstmals nicht nur als Import oder als drittklassige deutsche Kopie Verwendung fand, sondern ästhetisch wie inhaltlich in Deutschland besonders geprägt wurde.

... regionalen Eigenheiten ...

Von der Imaginationsenergie des Techno angefeuert, fächerte sich in den Metropolen bald das ganze Spektrum an Techno-DJ-Charakteren auf, analog zu den verschiedenen musikalischen und clubkulturellen Spielarten: Berlins Tanith mit seinem allzeit kampfbereiten Camouflage-Look, passend zum Harte-Zeiten-Techno der Ära des Mauerfalls und des ersten Golfkriegs. Hooligan aus dem Ruhrgebiet mit seinem regionsspezifischen Sinn für das Nötige. Münchens Hell mit hochverfeinertem Geschmacksinszenierungen, musikalisch wie modisch. In Frankfurt natürlich die Clique um Väth, mit Marc Spoon, DJ Dag und anderen, die auf eine mediterrane Weise die Prinzipien von esoterischem Schamanentum und dekadenten Orgien vermählten.

... in allen denkbaren Stilen!

Parallel zu den in der öffentlichen Wahrnehmung zweifellos am präsentesten Techno-DJs florierte die deutsche DJ-Kultur seit den frühen 1990ern in allen denkbaren Stilen: HipHop, House, Drum & Bass, vor allem auch im Bereich der sogenannten Ohrensessel-Elektronik. Den kulturellen Bedingungen eines freiheitlich-wohlhabenden Landes entsprechend ist Deutschland einer der wichtigsten weltweiten Absatzmärkte für DJ-Vinyl und elektronisches Musikequipment. Gleichzeitig betreiben unzählige DJs hierzulande ihre eigene kleine bis mittlere Plattenfirma, oft genug ohne ökonomische Interessen, sondern als selbstkontrolliertes Outlet der eigenen Ideen auf höchstem Level. Dies wiederum schlägt sich in einer starken Präsenz deutscher Underground-DJ-Produktionen auf den Plattentellern der Discos dieser Erde nieder.
Hans Nieswandt
arbeitet seit mehr als zwanzig Jahren als DJ, Musikproduzent und Autor in wechselnden Mischungsverhältnissen. Zahlreiche Plattenveröffentlichungen als Solokünstler wie auch mit dem Projekt Whirlpool Productions. 2006 erschien sein Buch Disko Ramallah bei Kiepenheuer & Witsch.

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