Ben Klock im Interview mit Rory MacLean

Techno entstand in den 1980ern in Detroit durch die Aufnahme des europäischen Synthesizers in die afro-amerikanische Musik. Funk, Chicago House und Electric Jazz wurden kombiniert und klassische Tracks zu einem Sound verarbeitet, der schnell, futuristisch und rebellisch war. Musiker wie Zuhörer gaben sich dem pulsierenden, dekomponierten Geist des Techno-Beat hin.
Nach Beendigung des Kalten Kriegs 1989 verbreitete sich das Genre durch die frisch geöffneten Lücken in der Berliner Mauer. Underground-Partys bemächtigten sich der verlassenen Gebäude im Ostteil der Stadt, wanderten von einem Veranstaltungsort zum nächsten und brachten junge Leute von beiden Seiten der Zonengrenze zusammen. Auf den Tanzflächen von UFO, SO36 und Tresor leistete Techno einen wesentlichen Beitrag zur Wiederherstellung des sozialen Zusammenhangs zwischen Ost- und Westdeutschland.
„Für mich standen die 1980er für Pop und oberflächliche Musik überhaupt“, sagt Klock. „Aber nach der Wende wurde mir klar, wie aufregend Berlin tatsächlich war: zwei verschiedene Welten existierten nebeneinander in einer Stadt. Ich fand es toll, als es dann tiefer ans Eingemachte ging, als die Musik intensiver und körperlicher wurde.“
Klock spielte seine ersten Gigs im Cookies, WMF, Delicious Doughnuts und Tresor. Anfangs legte er vor allem House auf, aber nach einiger Zeit wurden seine Sets immer rauer und kraftvoller. Als Electroclash die Musikszene dominierte, ließ sein Interesse nach, aber die Eröffnung des Berghain 2004 entfachte seine Leidenschaft neu.
„Die Architektur, der Sound – genau so ist die Musik gemeint“, schwärmt er. „Das Puzzle passte endlich zusammen.“
Reportern zufolge ist das Berghain an der Grenze zwischen KreuzBERG in Westberlin und FriedrichsHAIN in Ostberlin heute „die Welthauptstadt des Techno“. Der Club belegt ein riesiges ehemaliges Kraftwerk mit einer achtzehn Meter hohen Decke, die sich über der Haupttanzfläche erhebt. Zwischen seinen Auftritten an Veranstaltungsorten in ganz Europa bringt Klock den Club einmal im Monat mit seiner hypnotischen, pulsierenden Musik und Videoshows zum Beben und 1500 Gäste auf Touren.
„In den letzten zwei Jahren war meine Entwicklung als DJ von zweistündigen Sets geprägt, die in Clubs auf aller Welt so ziemlich Standard sind“, sagt er. „Ich habe gelernt, kürzere, kompakte Sets zu spielen und die Energie durchweg aufrechtzuerhalten.“
Das Berghain ist inzwischen so populär, dass viele junge Europäer heute für ein Rave-Wochenende Billigflüge nach Berlin buchen.
„Früher kamen nur Stammgäste in den Club, aber heute ist es ein Mix“, bemerkt Klock. „Es wird immer Leute geben, die sich beklagen, dass ‚zu viele Touristen’ da sind, aber hey, was ist daran so schlimm? Solang die Leute an der Tür ihren Job machen und sie nicht busweise reinlassen, bringt dieser Mix tolle Vibes.“
In den letzten Wochen trat Kloch auch im Blå Club in Oslo, dem M25 in Warschau, dem Amnesia in Mailand, dem Redrum in Helsinki und dem Sub Club in Glasgow auf. Vorigen Monat spielte er am Goethe-Institut in London einen unvergesslichen Set, der von Mark Pritchards zutiefst atmosphärischem „?“ bis hin zu Tracks von Planetary Assault Systems in perfektem Tempo reichte. Wir tanzten alle. Wir tauchten ein in den Rhythmus. Wir bekamen Hornhaut und Blasen. Und über Nacht wurde meine bescheidene Wenigkeit Anhänger des Berliner Techno-Beat.
„Ich hoffe, dass ich ein paar Farben in die Musikwelt bringen kann, mehr nicht“, erzählt mir Klock mit einer gewissen Bescheidenheit trotz allen Ruhms. „Ich denke, es ist alles schon da, wir erfinden nichts wirklich Neues, sondern setzen Elemente nur neu zusammen oder kombinieren sie auf unsere eigene, einzigartige und besondere Weise. Meine Farbe ist auf jeden Fall tiefer und dunkler, aber immer irgendwie sexy. Ich interessiere mich nicht besonders für Trends. Für mich ist wichtig, dass man seine eigene Stimme findet und das, was man wirklich machen will. Ich freue mich, wenn ich sehe, dass ich andere dazu inspirieren kann, ihren eigenen Weg zu finden.“
Ich frage ihn, wie die Zukunft seiner Arbeit aussieht.
„Das weiß ich wirklich noch nicht“, antwortet er. „In letzter Zeit habe ich sehr viele Remixe gemacht. Also habe ich, seit das Album herauskam, eigentlich nicht an meinen eigenen Sachen arbeiten können. Als nächstes mache ich eine Mix-Zusammenstellung for Ostgut Ton. Aber ich habe vor, 2010 an neuen Ideen zu arbeiten und eventuell wieder ein Album anzufangen, das vielleicht etwas konzeptioneller und noch weniger für den Dancefloor gedacht ist als One.“
Er macht eine Pause, um Luft zu holen.
„Ich will etwas ganz Atmosphärisches schaffen. Ich würde außerdem wirklich sehr gern nochmal mit Elif Bicer arbeiten, der Sängerin, die auf zwei Tracks meines ersten Albums erscheint. Auch würden Marcel (Dettmann) und ich wirklich gern noch einmal zusammenarbeiten und neues Dettmann/Klock-Material herausbringen.“
Bens unvergessliche Kreationen und Arrangements strotzen vor guter Laune, dunkler Sinnlichkeit und diesem unwiderstehlichen, pulsierenden Beat. Einfach himmlisch. Oder wie man auf der Tanzfläche ausruft, der absolute Abschuss.
Dezember 2009
Übersetzt von Susanne Mattern










