Manuel Göttsching

Rory McLean im Gespräch mit Manuel Göttsching

Manuel Göttsching portrait by Frank Seiffert, 2001 © MG.ART
Manuel Göttsching portrait by Frank Seiffert, 2001 © MG.ART
„Es ist mein Naturell unabhängig zu sein, nicht nur in der Musik“, sagt Manuel Göttsching mit einem bescheidenen, aber entwaffnenden Lächeln. „Unabhängigkeit hat mir immer viel bedeutet“.

Göttschings Unabhängigkeit – gepaart mit seiner kreativen Begabung und Freude an Spontaneität – machten ihn zu Deutschlands legendärstem „kosmischen“ Gitarristen sowie zu einem der einflussreichsten modernen Komponisten und zum „Paten des Techno“.

Göttsching wuchs in West-Berlin auf, von Opernklängen und klassischer Musik umgeben: Seine Mutter sang Schumann und Schubert, und er erhielt Unterricht in klassischer Gitarre. Aber als Jugendlicher in den frühen 1960ern verdrehte ihm die Popmusik den Kopf.

„Ich hörte die Temptations, die Four Tops, Blues und Soul auf AFN und BFBS, dem amerikanischen und dem britischen Radiosender“, erzählt er mir, als wir uns im Berliner Café Einstein treffen. „In Deutschland hatte der Krieg nicht nur Häuser und Menschen, sondern auch die Kultur zerstört. Die Melodien und der Klang dieser neuen Musik berührten mich so sehr, dass ich wusste, ich muss eine Band gründen“.

Im zarten Alter von 14 Jahren formieren Göttsching und sein bester Freund Hartmut Enke The Bomb Proofs. Sie spielen Coverversionen von Songs der Rolling Stones oder Small Faces bei Partys und Tanzveranstaltungen. „Ich sang Get Off of My Cloud und Gloria auf Englisch, einer Sprache, die ich damals noch nicht sprechen konnte“, sagt er mit einem Lachen und streicht sich das lange graue Haar zurück. „Unser größtes Problem war, einen Schlagzeuger zu finden. In der damaligen Zeit hatten wenige Schüler das Geld, um sich ein Schlagzeug kaufen zu können“.

Aber anstatt weiter der anglo-amerikanischen Mainstream-Popmusik nachzutrotten, will Göttsching bald etwas Neues schaffen; jetzt inspiriert ihn die Musik von John Mayall, Peter Green, Jimi Hendrix und von Cream. Schrittweise wird seine Musik immer innovativer. Zu ersten Improvisationen kommt es beim Singen von Everybody Needs Somebody to Love, wenn immer er sich vom sorgfältig einstudierten Songtext löst und etwas Eigenes macht. Ab da „fingen wir an, sehr seltsame, sehr experimentelle Musik zu machen“, erinnert sich Göttsching. „Bei einem unserer Konzerte – mit meiner zweiten Band Bad Joe – spielten wir ohne Tonart, nur mit Geräuschen - der Auftritt war nach zehn Minuten vorbei“.

Ash Ra Tempel 1971: Klaus Schulze, Manuel Göttsching and Hartmut Enke  © MG.ARTEs war ein Lernprozess, vor allem im „Beatstudio“ des Schweizer Avant-Garde-Komponisten Thomas Kessler in der Pfalzburger Straße. Hier trafen Göttsching und Enke – damals erst 17 Jahre alt – auf den Schlagzeuger Klaus Schulze, der kurz zuvor Tangerine Dream verlassen hatte. Enke war gerade mit vier riesigen Pink Floyd-Verstärkern und Lautsprechern aus London zurückgekehrt, die er von seinen und Göttschings gesamten Ersparnissen gekauft und per Bahn und Taxi durch Europa geschleppt hatte. Schulze sah die Anlage – bei weitem die beste (und lauteste) in West-Berlin – und meinte: „Jungs, wir sollten zusammen Musik machen“! Spontan gründeten Göttsching und Enke mit ihm Ash Ra Tempel, und in dieser Besetzung bestand die Gruppe ein produktives Jahr lang. Zusammen mit Enke entstanden drei weitere Ash Ra Tempel Alben, während Göttsching immer noch zur Schule ging.

Blues und Improvisation waren die Kernpunkte von Göttschings anfänglicher Arbeit mit Ash Ra Tempel, deren Musik sich nach einer eigenen Logik entwickelte und durch Repetition, Sequenzen, später durch Loops und elektronische Instrumente halluzinatorisch und unwiderstehlich wirkte. Die einstündigen Klaviersequenzen des Minimal-Musikers Terry Riley faszinierten ihn. Stockhausen und Ligeti fand er zu zerebral, begeisterte sich stattdessen für Steve Reichs und Philip Glass' Verbindung von Intellekt und Emotion, deren Ästhetik er in seine eigene Arbeit einzubringen suchte.

Von Ash Ra Tempel über Ashra und sein Solowerk – besonders eindrucksvoll sein Album Inventions for Electric Guitar von 1974 – entwickelte sich Göttsching mehr und mehr zu elektronisch konstruierter Musik, die seine Arbeit bestimmen sollte. Berühmt wurde er dafür, dass er 1981 an einem Dezemberabend in sein Berliner Studio spazierte, die Synthesizer und Sequenzer sowie die Rhythmusmaschine einschaltete, Patches vorbereitete, seine Gitarre einstöpselte und zwei Akkorde wählte. Dann begann er zu spielen und nahm spontan das elektro-minimalistische Meisterwerk E2-E4 auf.

Manuel Göttsching, Ashra, 1979 Photo by Harald Grosskopf  © MG.ART„Es gibt im Leben solche guten Momente, wo man etwas hervorbringt und es an dem Punkt noch nicht einmal merkt“, erzählte Göttsching vor kurzem Keith Moliné in The Wire. „Das kommt erst später. Manchmal erst Jahre später“.

Dreiunddreißig Jahre später ist E2-E4 noch immer eines der „revolutionärsten und wichtigsten Alben, die jemals gemacht wurden“, so Moliné. „Es schwingt über seine gesamte Länge zwischen diesen beiden wunderbar schwebenden Akkorden hin und her…es zwingt einen, sich auf eine ganz eigene Art damit auseinanderzusetzen…es ist warm, zugänglich und oft erstaunlich melodisch…um zu verstehen, warum sein Einfluss sich als so nachhaltig herausstellte, ist vielleicht am wichtigsten, dass man darauf tanzen kann“.

Göttschings E2-E4 spielt in der Entwicklung der House- und Technomusik eine fundamentale Rolle, und der Widerhall ist bis heute zu hören - in den Clubs der Stadt und weit darüber hinaus im Detroit-, Chicago- und Balearic-Sound.

Manuel Göttsching on stage, Berlin 2012 © MG.ARTIm Lauf der Jahre umgab sich Göttsching mit innovativen und kreativen Personen, von Musikern bis hin zu Malern und Filmemachern, von Timothy Leary bis hin zu Modedesignern wie Wolfgang JOOP! Er hat für Modeschauen von JOOP! und Claudia Skoda Livemusik komponiert und gespielt. Die verstorbene Sängerin und Songwriterin Nico, früher bei The Velvet Underground und eines von Andy Warhols Chelsea Girls, soll nur dann gern in Berlin aufgetreten sein, wenn Göttsching im Publikum saß. Göttsching hat sein frühes Material überarbeitet und unter seinem eigenen Label MG.ART neu herausgebracht. Er hat Filmmusik geschrieben und Filme produziert, ist im Berliner Berghain und in der Akademie der Künste aufgetreten, im Lincoln Center in New York, in der Royal Festival Hall in London, in Frankreich, Polen, Spanien, China, Korea, Japan und vielen anderen Ländern. Wie es heißt, soll er mit seiner pulsierenden, betonerschütternden, voluminösen Musik buchstäblich dazu beigetragen haben, im Berliner Haus der Kulturen der Welt das Dach zum Einsturz zu bringen. Kurz nach seinem Konzert dort musste das Gebäude sechs Jahre lang für Reparaturarbeiten geschlossen werden.

Manuel Göttsching at Berghain, Berlin 2006. Photo by Sven Marquard © MG.ARTEines seiner vielen aktuellen Projekte sind Pläne für eine E2-E4-Tanzshow mit dem Choreographen und Balletttänzer Gregor Seyffert und für ein „spontanes Studiokonzert“, das drei Generationen Berliner Gitarristen vereinen wird: Jochen Arbeit von den Einstürzenden Neubauten, Schneider TM, den ehemaligen Leadgitarristen von Hip Young Things und Locust Fudge, sowie Göttsching selbst.

Geplant ist auch eine Aufführung der Filmmusik Le Berceau de Cristal, die 1975 für den gleichnamigen Film von Philippe Garrel entstand, starring Nico, Anita Pallenberg und Dominique Sanda.

„Ich will immer etwas Neues finden, etwas Interessantes und Innovatives, ob mit Gitarre, Keyboard oder Computer. Außerdem ist es mein Ziel, dazu beizutragen, dass die elektrische Gitarre zum klassischen Instrument erhoben wird“, erzählt er mir und schließt damit den Kreis zu seinen Anfängen in seiner Heimatstadt West-Berlin. „Ich möchte, dass sie als klassisches Instrument anerkannt wird“.

Rory MacLean
September 2014

Übersetzt von Susanne Mattern

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