Michael Schiefel

Michael Schiefel im Interview mit Rory MacLean

Michael Schiefel. Photo by Joerg Grosse Geldermann/NEXT
Michael Schiefel. Photo by Joerg Grosse Geldermann/NEXT
Manche Menschen haben von Natur aus eine positive Einstellung, andere bekommen sie, wenn sie das Glück haben, ihre Leidenschaften verfolgen zu können. Einigen wenigen Glücklichen ist beides vergönnt, so dem bemerkenswerten Stimmkünstler Michael Schiefel.

„Ich habe immer sehr gern zu Schallplatten mitgesungen“, erzählt mir Schiefel in einem Café in der Goltzstrasse im grünen Berliner Stadtteil Schöneberg. „Schon als kleiner Junge war ich versessen auf Plattenspieler. Im Alter von drei Jahren baute ich einen aus Bauklötzen. Als ich vier war, gaben meine Eltern meiner Vorliebe nach und kauften mir einen echten. Darauf spielte ich alles ab, was ich in die Finger bekam: Glenn Miller, Mozart, Hits der Fünfziger und Sechziger, die ich mir von den Nachbarn im Oberstock auslieh. Ich entwickelte einen äußerst vielseitigen Geschmack“.

Schiefel wuchs in einer musikalischen Familie in Münster auf. Seine Mutter spielte Klavier und war auf den Unterricht für Kinder spezialisiert. Als er noch ein Kleinkind war, brachte sie ihm das Notenlesen bei, indem sie die Noten farbig anmalte: C war violett, G grün. Er liebte die Musik und übte jeden Tag Klavier, aber das Instrument selbst reizte ihn nie.

Michael Schiefel. Photo by Joerg Grosse Geldermann/NEXT„Als ich dann zehn Jahre alt war, mieteten meine Eltern eine Ferienvilla in Italien. Im Haus gab es eine riesige Sammlung 78er Jazzplatten. Die liebte ich“, begeistert sich Schiefel, von blühender Gesundheit und jungenhaft gutem Aussehen. „Ich nahm sie alle auf dem Kassettenrekorder auf, spielte sie immer wieder und sang dabei mit“. Er schüttelt den Kopf bei dieser wunderbaren Erinnerung. „Aber es kam mir nie in den Sinn, dass meine Stimme mein Instrument sein und dass ich sie ausbilden könnte. Ich hatte einfach nur Spaß“.

Zwei Ereignisse brachten Schiefel auf den Weg zum Vokalisten. Erstens gründete er eine Schulband und zweitens verließ sein Klavierlehrer Münster.

„Ich hatte jahrelang Unterricht gehabt und musste nun einen neuen Lehrer finden. Also spielte ich ein wildes Stück vor, und die neue Lehrerin klagte: „Ihre Fingertechnik ist entsetzlich. Wir müssen ganz von vorn anfangen“. Da wurde mir klar, dass ich mit dem Unterricht aufhören musste, und dies sagte ich ihr. Sie anwortete: „Dann gehen Sie doch in die Jazzabteilung und nehmen Sie Unterricht auf dem Jazzpiano“. Bis heute weiß ich nicht, ob sie es ironisch oder ernst gemeint hatte, aber dieser Rat war der beste“.

Michael Schiefel. Photo by Joerg Grosse Geldermann/NEXTDas Klavier ist das beste Instrument, um zu lernen, wie Musik funktioniert. Durch jahrelange Übung hatte Schiefel seine organisierte Struktur sowie Akkorde und Akkordfolgen verstehen gelernt. Als er nun mit dem Jazzpiano begann, lernte er die Grundlagen der Intonation.

„Mir wurde klar, dass ich nicht auf dem Klavier, sondern mit meiner Stimme improvisieren wollte“.

In seiner ersten Jazzband, Art Starts, sang Schiefel wie eine Trompete oder ein Trompetenspieler zum Saxofon, wobei er weniger das Instrument, sondern eher sein Verhalten und seine Seele darstellen wollte. Er machte seine Stimme zu seinem Instrument.

„Ich liebte das Freie am Jazz: du kannst du selbst sein, du kannst improvisieren, du kannst schauen, wo das hinführt“.

Durch seine Freiheitsliebe kam Schiefel an die Universität der Künste Berlin und an David Friedman, den bekannten Vibraphonisten, Marimbaphonisten, Komponisten und Jazzlehrer. An der UdK machte Friedman ihn mit einer Reihe bemerkenswerter Musiker sowie dem Prototyp des „Loop-Geräts“ bekannt.

„David hatte die Maschine in der Schweiz gekauft, ohne zu wissen, was man damit macht. Als ich sie zum ersten Mal sah, wusste ich, dass sie wie für mich geschaffen war“.

Michael Schiefel. Photo by Joerg Grosse Geldermann/NEXTDas „Loop-Gerät“ nahm digitale Tonspuren auf, die dann „geloopt“, d.h. ständig wiederholt werden konnten und Schiefel den Aufbau einer Klangcollage ermöglichten. Nur mit seiner Stimme konnte er einen Drum-Loop und dann eine Bass-Spur aufnehmen, eine Melodie und selbst Songtexte hinzufügen. Er experimentierte mit Gitarren-Octavers, um seine Stimme eine Oktave tiefer zu legen, und mit anderen Audioeffekten. Mit zunehmendem Können und fortschreitender Technologie arbeitete er mit Ljubo Majstorovic, einem Freund des Schweizer Erfinders des „Loop-Geräts“, an der Entwicklung einer reinen Softwareversion, dem „Micha-Loop“.

Mit dem „Micha-Loop“ – und davor dem „Loop-Gerät“ und dem „Echoplex Digital Pro“ – schafft Schiefel nun prägnante, üppige Kompositionen, oft voller Witz und Humor und erstaunlicherweise immer das Produkt einer einzigen Stimme.

„Ich kann nicht wirklich erklären, wie ich mir Musik vorstelle“, meint er. „Ich sitze einfach vor der Maschine und fange an, eine Basslinie oder eine Melodie oder Akkordfolge zu singen. Es ist so, als ob ich in ein akustisches Holodeck trete, du kennst doch den Realitätssimulator von Raumschiff Enterprise“?

Bei seinen Auftritten in ganz Europa, Nord- und Südamerika, Afrika und Asien kombiniert Schiefel vorbereitete Stücke mit freier Improvisation.

Michael Schiefel. Photo by Joerg Grosse Geldermann/NEXTNeben seinen Solovorstellungen arbeitet er mit vielen anderen Musikern und in vielen Genres: Funk und Pop mit JazzIndeed, klassisch inspirierte Big-Band-Musik mit Thärichen’s Tentett, moderner Jazz mit seinem ehemaligen Lehrer Friedman

oder Balkan-Beats mit dem deutsch-bulgarischen Quintett Batoru. Außerdem ist Schiefel Professor für Jazzgesang an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar. Bei seiner Berufung war er der jüngste Professor für Musik in Deutschland.

„Heute stehe ich mit meiner Arbeit an einem entscheidenden Punkt“, sagt Schiefel. „In den letzten zwanzig Jahren habe ich mich auf sehr viel fremdes Neuland begeben. Ist meine Stimme nun ein Instrument oder nicht? Ist der „Micha-Loop“ die Begleitung für eine Stimme oder eine Stimme an sich? Ich möchte nun meine Arbeit in eine verständliche Form bringen, sie irgendwie formalisieren“. Er schüttelt den Kopf, und sein Mund verzieht sich zu einem Lächeln. „Es ist ein spannender, seltsamer Prozess“.

Rory MacLean
März 2012

Übersetzt von Susanne Mattern

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