Porträt Max Raabe

In der Zeitschleife

Max Raabe. Foto/Copyright: Olaf Heine
Max Raabe. Foto/Copyright: Olaf Heine
Eigentlich müsste Max Raabe in der heutigen Zeit als Freak gelten. Immer höflich, stets im adretten Anzug, ganz der Gentleman alter Schule. Auch seine Lieder im Stil der Zwanzigerjahre sind eher eine Ausnahme in der deutschen Musiklandschaft. Genau das macht ihn zu jedermanns Liebling: Die Musik der „Goldenen Zwanziger“ ist zeitlos.

Britney Spears’ lasziv gesungener Hit Oops, I did it again von 2001 scheint nur für einen Sommer gedacht. Doch dann nimmt Max Raabe in seiner eigenen Coverversion den Drumcomputer und die Synthesizer heraus und instrumentiert das Lied mit einem Orchester: viele Hörner, Violinen, ein Banjo und eine Klarinette. In welchem Popsong hört man heute noch eine Klarinette? Mit ein paar Kniffen bekommt das Girlie-Liedchen den Anstrich einer weitaus glamouröseren Ära: der „Goldenen Zwanzigern“ – damals blühten in Deutschland für kurze Zeit Kunst, Kultur und Wissenschaft auf. Zumal der 46-Jährige die mädchenhaften Worte in einem altmodischen amerikanischen Akzent näselt, so als käme er direkt aus der Verfilmung von F. Scott Fitzgeralds Der große Gatsby. Die Deutschen lieben es. Max Raabe und sein Palast Orchester sind ein deutsches Pop-Phänomen – aber, anders als Kraftwerk oder Rammstein, eines, das in die Vergangenheit blickt.

ABBAs Super Trouper im Zwanzigerjahre-Stil

Der schmale Herr Raabe ist leicht zu verwechseln mit den Herren aus dem Comedian-Harmonists-Sextett, dem Berliner Vokalensemble, das von 1927 bis 1935 seine Schlager trällerte. Darauf legt er es auch an: Er trägt das Haar nie ohne Pomade, gerne einen Frack, und hebt vielsagend die Augenbraue, als käme er aus einem Stummfilm. Oft lehnt er bei Auftritten einfach am Flügel und schaut blasiert in die Gegend. Max Raabe hat zahlreiche Lieder im Stil der Zwanziger- und Dreißigerjahre geschrieben, ist sich aber auch nicht zu schade, Super Trouper von ABBA, Tainted Love von Soft Cell oder gar Angel von Shaggy zu covern.

Max Raabe wird 1962 im westfälischen Lünen geboren; sein Geburtsname ist Matthias Otto. 1986 geht er ins große Berlin, das er seitdem nicht verlassen hat. Er will Sänger werden und lässt sich an der Hochschule zum Opernsänger ausbilden, in der Stimmlage Bariton. Mit Studienfreunden gründet er das Palast Orchester und spielt zunächst alte Schellacks nach, die alten Gummilack-Schallplatten der Fünfzigerjahre. Ihren ersten größeren Auftritt hat die Gruppe im Foyer der Berliner Hochschule der Künste.

Hochzeitsständchen für Marilyn Manson

Den Durchbruch schafft das Palast Orchester 1992 mit Raabes erster Eigenkomposition, dem scherzhaft gemeinten Kein Schwein ruft mich an – der pampig vorgetragene Song trifft anscheinend einen Nerv beim Publikum. Max Raabe hat Kurzauftritte in Sönke Wortmanns Film Der Bewegte Mann (1994) und in dessen Version des deutschen Komödienklassikers Charley’s Tante (1997). Der vorläufige Höhepunkt von Raabes Karriere ist das Konzert in der New Yorker Carnegie Hall im Oktober 2007. Nach mehr als 20 Alben ist Max Raabe nun ein Weltstar, tourt in Japan, Russland und Amerika. Grusel-Rocker Marilyn Manson zählt zu seinen Fans: Er wollte, dass Max Raabe und sein Orchester als Hochzeitskapelle bei seiner Trauung mit Dita von Teese spielen.

Mit seinem Lieder-Repertoire aus der Weimarer Zeit – Tango, Schlager, Jazz – ist Raabe das vielleicht erfolgsreichste Produkt einer Nostalgie-Welle, die mit deutschen Chansoniers wie Tim Fischer und dem Schauspieler-Musiker Ulrich Tukur begann – irgendwann Anfang der Neunzigerjahre. Tanzschulen registrierten verstärkten Zulauf; in Berlin wurde 1992 das Wintergarten Varieté eröffnet, als Hommage an den ursprünglichen „Wintergarten“ der Weimarer Zeit. Das Varieté, die mit dem Zirkus verwandte Singhalle, bedeutete artistische, tänzerische, akrobatische und musikalische Vorstellungen – leichte Unterhaltung, genossen mit einem edlen Tropfen.

„Ein schön schwarzer Humor“

Woher diese Faszination an der Nostalgie kommt, ist schwer zu begründen. Während in Frankreich der Chanson bei den Jugendlichen nie aus der Mode kam, hat Deutschland keine derartige Tradition. Die einfachste Erklärung: Der Swing mit seinen synkopierten Rhythmen zum Mitschwingen scheint zeitlos zu sein. Beim Eurovision Song Contest 2009 setzt Deutschland mit den Musikern Alex Swings Oscar Sings! wieder auf Retrosound – nachdem die deutsche Frauenpopgruppe No Angels 2008 so schlecht abgeschnitten hatte. Die leichte Unterhaltungsmusik muss man nicht mögen, es lässt sich aber auch schwer etwas gegen sie sagen. Ihr ist sogar ein eigenes Online-Radio-Programm gewidmet: Weimar Rundfunk sendet nur Musik aus der Weimarer Zeit.

Doch Raabe ist mit seinem schnieken Stil eben auch herzeigbar, eine Art „Everybody’s Darling“. Er spielte auf Benefizkonzerten wie „Tu was!“ oder moderierte die festliche Berliner Operngala für die AIDS-Stiftung als Nachfolger des deutschen Humoristen Vicco von Bülow alias Loriot. Max Raabe mag die „intelligente Form der Banalität“, wie er es in einem Zeitungsinterview ausdrückt, die „Kunst der Ablenkung“. Unabhängig davon besäßen die Lieder der Weimarer Zeit einen schön schwarzen Humor, besonders die des von Raabe verehrten amerikanischen Musical-Komponisten Cole Porter. Die Schlager der Zwanziger seien nicht geschaffen worden, um die Welt zu verändern, sie sollten die Menschen lediglich aus ihrer tristen Realität herausreißen, sagt Raabe. Mehr nicht. Ähnlich sieht das Eric Cruz aus Norwegen, der den ersten Max-Raabe-Fanclub auf Facebook gegründet hat: „Es klingt sauber, frisch und eingängig. Ich glaube, diese Musik ist einfach deshalb so populär, weil die Melodien so altbekannt klingen.“

Franziska Schwarz
hat Kunst und Journalistik studiert und ist freiberufliche Journalistin in München.

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März 2009

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