André de Ridder

Rory MacLean trifft sich mit André de Ridder

© Marco Borggreve
© Marco Borggreve
„Wie höre ich Musik“? fragt André de Ridder, dann blickt er zur Seite, um über die Frage nachzudenken. „Für mich ist Musik die unausweichlichste, körperlichste und instinktivste aller Kunstformen. Schallwellen berühren und umhüllen mich im wahrsten Sinne des Wortes. Mein Herzschlag verändert sich, ich bekomme Gänsehaut, die Härchen auf meinen Armen stellen sich auf. Die Musik hebt mich vom Boden ab auf eine andere Ebene“. Er dreht sich wieder zu mir und fügt hinzu: „Sie gibt mir eine Art von Glück“.

„Glück”? frage ich.

„Musik kann mir Frieden bringen. Sie ist spürbar, man kann damit die wesentlichen Dinge des Lebens besser sehen. Musik versetzt mich an einen anderen Ort, und oft möchte ich dort sein”.

Er lacht auf und fragt sich dann laut: „Vielleicht erklärt die Körperlichkeit der Musik, warum ich Dirigent geworden bin? Beim Dirigieren geht es darum, Musik möglichst in sichtbare Bewegungen umzuwandeln”.

© Marco BorggreveAndré de Ridder ist einer der mutigsten und faszinierendsten Dirigenten der heutigen Zeit. Er ist Principal Conductor der britischen Sinfonia ViVA. Seine gewagten, innovativen Programmgestaltungen machen ihn zum gern gesehenen Gast beim BBC Symphony Orchestra, der London Sinfonietta, der Britten Sinfonia und dem Hallé Orchestra Manchester. Durch seine Leidenschaft für die Entwicklung zeitgenössischer Musik kam er zum Manchester International Festival, wo er die Uraufführungen von Damon Albarns Monkey: Journey to the West und der höchst originellen neuen englischen Oper Dr. Dee leitete. Er orchestrierte und dirigierte Plastic Beach von den Gorillaz und brachte das Elektronik-Duo Mouse on Mars sowie die MusikFabrik von Chicago an die Kölner Philharmonie und an das Londoner Barbican Centre.

„Musik versetzt die Zuhörer an einen anderen Ort und verändert sie, und das ist ein Zeichen für große Kunst”, sagt er mir bei unserem Treffen in seiner Berliner Wohnung mit hohen Fenstern und Blick auf eine ruhige Wohnstraße. „Es handelt sich um einen Ablauf von Ereignissen in zeitlicher Folge. Hört man Musik, so hört man eine Struktur, eine Geschichte. Diese Geschichte wird nicht unbedingt wörtlich erzählt, sondern es ist eher eine abstrakte Reise, durch die Gefühle dargestellt und vielleicht sogar ausgedrückt werden können. Die Musik ist absolut. Als Zuhörer muss man nicht verstehen, worum es dabei geht oder wohin die Musik führt, aber sie kann neue Verbindungen entstehen lassen und eine Art Entmaterialisierung bewirken”.

De Ridder ist mit klassischer Musik groß geworden. Sein Vater war Operndirigent in Berlin, seine Mutter Opernsängerin. Von klein auf vermittelten ihm seine Eltern ihre Leidenschaft für Musik. Er bekam Klavier- und Geigenunterricht. Im Alter von zehn Jahren nahm ihn ein Cousin mit zu einem Rockkonzert auf der Waldbühne. Die Körperlichkeit der Musik, vor allem die der Krautrock-Band Abendrot, berührte ihn zutiefst – wie auch der Anblick des tanzenden, elektrisierten Publikums. Er begann, privat Joy Division, dann New Order und The Cure zu hören, während er in der Öffentlichkeit klassische Musik spielte.

Im Alter von fünfzehn Jahren, an einem entscheidenden Punkt in seiner kreativen Entwicklung, wechselte de Ridder den Geigenlehrer. Der neue Lehrer bestand darauf, dass er einige Grundtechniken korrigieren und sein motorisches Gedächtnis umstellen sollte. Als Folge konnte de Ridder nicht in ein klassisches Jugendensemble eintreten, wie es für einen talentierten Geiger seines Alters üblich gewesen wäre. Da er ein kreatives Ventil brauchte, gründete er stattdessen eine Popband, die erste an seinem traditionell humanistischen Gymnasium.

„Ich war sofort von dem Gefühl begeistert, mit einer Gruppe zu arbeiten”, meint er. „Ich lernte Gitarre und sang. Wir nahmen uns alternative amerikanische Indie-Bands zum Vorbild. Wir waren ziemlich laut”.

© Marco BorggreveAls de Ridder dann doch anfing, in Jugendorchestern zu spielen, brachte er eigene klare Vorstellungen über die Beziehung zwischen klassischer und zeitgenössischer Musik mit und eckte damit bei seinen Dirigenten an. Da er eine traditionelle deutsche Ausbildung zum Kapellmeister für zu eingeschränkt hielt, entschied er sich stattdessen für eine Ausbildung zum Tonmeister – auch deshalb, damit er und seine Band Zugang zum Tonstudio bekamen. Nach einer Studienzeit an der Wiener Musikakademie gewann er gegen hunderte von Mitwettbewerbern einen Platz im Dirigentenkurs der Royal Academy of Music.

„Ich war immer anglophil”, erzählt er mir, das Gesicht umrahmt von langen schwarzen Haaren. „Ich habe durch die Popmusik Englisch gelernt, indem ich die Covertexte der Songs auswendig lernte. In der Zeit, als ich Unforgettable Fire von U2 hörte, habe ich meine Eltern zweimal durch Irland geschleppt, um nach keltischen Kreuzen und Burgruinen zu suchen. Ein Studium in London war mein Traum”.

De Ridder hatte die nächsten sieben Jahre lang seinen Wohnsitz in Großbritannien, bekam seine erste Stelle beim Bournemouth Symphony Orchestra und dann einen Posten am Hallé Orchestra, bevor er Verbindungen zu einer Reihe von anderen britischen Organisationen und Orchestern aufbaute.

„Ein Orchester kann aus bis zu 80 Instrumenten bestehen, hat aber immer nur einen Dirigenten, also kann das Dirigieren eine eigenartige und einsame Erfahrung sein. Man muss davon überzeugt sein, dass dies der richtige Platz für einen selbst ist und dass man das Zeug dazu hat. Jeder Musiker hat natürlich eine musikalische Meinung, und der Dirigent muss jeden Einzelnen davon überzeugen, seinen speziellen Weg mitzugehen. Dabei muss der Dirigent aber auch zulassen, dass sich jeder Musiker selbst entfalten kann”.

Heute wohnt de Ridder wieder in Berlin, wo er unter anderem mit dem jungen Kammerorchester Solistenensemble Kaleidoskop zusammenarbeitet, aber seine innovativste Arbeit macht er nach wie vor im englischsprachigen Raum.

„Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust”, erklärt er mit Gefühl und begleitet das Goethe-Zitat selbstkritisch mit einer wegwerfenden Handbewegung. „Privat und persönlich bin ich in Deutschland zuhause, aber beruflich habe ich überwiegend in Großbritannien zu tun. Zum Teil liegt dies an meiner ‚familiären Beziehung’ zu bestimmten Orchestern und an der britischen Arbeitseinstellung: Musiker, die professionell, aber auch bodenständig sind und der Musik alles geben”. Er seufzt und fährt fort: „Aber es gibt noch einen anderen Grund. In Großbritannien sind die Grenzen zwischen den Musikgenres gefallen. Wegbereitende zeitgenössische Musik, zum Beispiel Pop und Elektronik, wird genauso ernsthaft geschätzt wie klassische Musik. Am Barbican und an der Royal Festival Hall steht eine Symphonie von Strawinsky neben einer Industrial-Band auf dem Programm. Aber in Deutschland ist die Förderung meistens auf große Institutionen ausgerichtet, und viel wirklich innovative Arbeit in nichtklassischen Genres wird trotz des enormen Interesses seitens der Kunstreporter tatsächlich nicht auf die gleiche Weise unterstützt”.

De Ridder erklärt, dass es in der Politik nach wie vor eine Unterscheidung der Kunst in zwei Klassen gibt, nämlich die Trennung zwischen E-Musik (ernster Musik) und U-Musik (Unterhaltungsmusik und folglich nichternster Musik).

“Ich weiß, dass dies provokativ ist, oder vielleicht liegt es auch nur an den Leuten, mit denen ich gearbeitet habe, aber in den letzten Jahren habe ich viele Popmusiker kennengelernt, die sich ernsthafter mit ihrer Arbeit beschäftigen als manche Musiker aus der Klassik”.

© Marco Borggreve„Ich würde liebend gern am Aufbau einer neuen Plattform oder eines Festivals in Deutschland mitwirken, das verschiedene Kunstformen vereint und Künstler inspiriert, in der Musik neue Wege der Zusammenarbeit zu gehen”, betont de Ridder und denkt dabei vielleicht an Manchester und das weltweit erste Festival origineller neuer Arbeiten, das von Künstlern geleitet wurde. „Damit dies aber geschieht, muss die Einstellung zu den Künsten ganzheitlicher werden. Und es müssen politische Entscheidungen fallen, für die das Establishment noch nicht ganz bereit ist”. Er schüttelt den Kopf und fügt hinzu: „Ich liebe dieses Land und sein kulturelles Erbe, aber ich bin Musiker, kein Politiker”.

In diesem Moment sieht de Ridder wieder kurz weg, und ich stelle ihn mir vor, wie er eine Versammlung von Musikern betrachtet und sie nicht als amorphe Masse, sondern als Gemeinschaft sieht, als Beginn einer Zusammenarbeit für eine neue große Reise. „Allein schaffe ich es nicht”, sagt er, wie er es vielleicht zu einem Orchester sagt, wenn er zum ersten Mal den Dirigentenstab hebt. „Ich brauche Leute, die bereit sind, mir dabei zu helfen”.

Rory MacLean
Dezember 2011

Übersetzt von Susanne Mattern

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