Stephan Krawczyk

Rory MacLean im Interview mit Stephan Krawczyk

© Stephan Krawczyk
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„Es ist immer der gleiche Vorgang“, meint Stephan Krawczyk, Dichter, Autor, Sänger und Humanist. „Am Anfang steht ein Zufall, eine wahre Begebenheit oder Sache, die mich berührt und bewegt, die meine Sinne anspricht. Eine solche Begebenheit oder Idee, ein Wort oder ein Ausdruck haben einen Energiekern mit einer Ladung, einer Potenz. Genauso ist es bei einer Melodie. Ich habe so viele Melodien im Kopf. Manche pfeife ich einmal und sie sind weg, aber andere packen mich und ich merke, dass ihnen etwas innewohnt, das ich herausholen muss. So beginnt für mich der kreative Prozess“.

Krawczyk wurde 1955 in Thüringen geboren. Als er noch ein Kind war, starb sein Vater, nachdem er in den Uranbergwerken der ostdeutschen Wismut gearbeitet hatte. Seine Mutter distanzierte sich daraufhin von den staatlichen Behörden. Sie lehnte es ab, sich der Stasi zu beugen und weigerte sich, Briefe für sie abzufangen: sie sei Postbeamtin und keine Hafennutte. Dadurch erteilte sie ihrem Sohn schon früh eine Lektion in Integrität.

Nach Abschluss seines Studiums im Fach Konzertgitarre an der Franz-Liszt-Hochschule Weimar gewann Krawczyk 1981 den Hauptpreis beim DDR-Chansonwettbewerb für „hervorragende künstlerische Leistungen“. Mit seiner Folk-Gruppe Liedehrlich begann er darüber zu singen, wie es in der DDR zuging, und sprach dabei Wahrheiten aus, die andere nicht äußern konnten oder wollten. Zum Beispiel sang er über die Doppelmoral der Politbüro-Mitglieder, die in Paris Urlaub machten, während es den restlichen Bürgern des Landes verboten war, weiter zu reisen als bis zur Ostseeinsel Rügen.

Besorgte Kollegen und Kulturfunktionäre ermahnten ihn zu „größerer Zurückhaltung“ und „keinen Erwähnungen von Macht in negativem Zusammenhang“. Ihm wurde geraten, über den „echten, lebendigen Sozialismus“ und nicht über das wirkliche Leben unter dem Kommunismus zu singen.

„Die Behörden wollten den persönlichen Ausdruck unterdrücken, der natürlich das Wesen eines Künstlers ausmacht“, erzählt er mir bei unserem Treffen in der Nähe seiner Berliner Wohnung. „Ich fragte mich: ‚Aber warum soll ich denn nicht singen, was ich will‘? Wenn ich mich ihren Einschränkungen beugte, wäre ich kein Künstler mehr“.

Krawczyk wies die Aufforderungen nach Konformität von offizieller Seite zurück. Als Ergebnis seiner Offenheit „erklärten sie mich nur drei Jahre, nachdem ich die höchste musikalische Auszeichnung des Landes erhalten hatte, für ‚moralisch und künstlerisch vollkommen talentlos‘“, meint er und schüttelt angesichts dieser Ironie ungläubig den Kopf. „So etwas geht nur in einer Diktatur“.

Öffentliche Auftritte wurden ihm verboten, und als seine Lieder begannen, die DDR-Bürgerbewegung zu inspirieren, wurde er verhaftet und im berüchtigten Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen in Einzelhaft gehalten. 1988 schob man ihn nach Westdeutschland ab.

„Während meines gesamten ersten Jahres im Westen hatte ich jede Nacht Alpträume, wachte eine Sekunde vor meiner Erschießung schreiend auf. Mir war klar, dass ich diese Zeit rational betrachten musste, dass ich nicht in ihr gefangen bleiben durfte, sondern heraufinden musste, wer ich war, und einen Weg nach vorn finden musste“. Er fügt an: „Gleichzeitig habe ich mich erst nach meiner Ankunft hier mit meiner Sterblichkeit, meiner Menschlichkeit auseinandergesetzt. In der DDR sah man all meine Handlungen als politisch an. Inzwischen finde ich es am wichtigsten, zu lernen, sich selbst zu lieben“.

Mit der Zeit fand Krawczyk heraus, dass über 80 ehemalige Freunde und Kollegen, auch sein Rechtsanwalt, ihn für die Stasi bespitzelt hatten. Aber diese schreckliche Erfahrung bestärkte ihn erst recht darin, wie wichtig Ehrlichkeit und Widerstand ohne Schuldzuweisung waren. In den nächsten zwanzig Jahren schuf Krawczyk ein reiches und vielseitiges Werk: ein Dutzend Bücher, zehn Alben sowie ein Schauspiel und eine Oper. In seiner Arbeit spricht er oft noch immer für Opfer, für Menschen, die keine Stimme haben.

Nach dem Amoklauf von Winnenden 2009 sah er sich zum Beispiel veranlasst, sein tief empfundenes Winnenden-Lied zu schreiben.

© Stephan Krawczyk„Das Bedürfnis, das Lied zu schreiben, überkam mich eines Nachts um 12 Uhr“, erinnert sich der Vater von drei Kindern. „Jeder von uns war einmal Kind, und jeder hat sich schon einmal gefragt, wie es ist zu sterben. Ich identifizierte mich mit den jungen Opfern. Ich beschloss, den Text von ihrem Standpunkt aus zu schreiben, nicht von dem eines unbeteiligten Beobachters oder des Täters“. Krawczyk hält inne und schüttelt wieder den Kopf. „Natürlich möchten viele Menschen solche Lieder nicht hören, nicht mit einer solchen Hölle konfrontiert werden. Sie möchten unterhalten werden“.

Das„Winnenden-Lied“ ergriff die Eltern der Opfer so sehr, dass sie Krawczyk achtzehn Monate später zu einem privaten Konzert in ihre Wohnungen einluden. In einem ergreifenden privaten Ritual waren manche Familien zum erstenmal in der Lage, über den Verlust ihrer Kinder zu reden, und dies half ihnen, nach der schrecklichen Tragödie wieder nach vorn zu schauen.

Seine neueren Arbeiten bringen Krawczyks moralische Ansichten auf den Punkt. Zuerst war da sein Roman Mensch, Nazi, in dem er die fiktive, nur allzu glaubwürdige Geschichte der Wandlung eines jungen Mannes zum Neonazi mit einem tatsächlich stattgefundenen Gespräch zwischen Krawczyk und seinem siebenjährigen Sohn verwebt. Dabei betont er, dass Eltern die Pflicht haben, ihren Kindern den Unterschied zwischen Recht und Unrecht beizubringen.

In seinem neuesten Album Erdverbunden, luftvermählt, „arbeitet“ er mit Martin Luther und setzt sich mit Fragen wie Glaube, Berühmtheit und persönlicher Verantwortung in der heutigen Zeit auseinander.

„Martin Luther war Künstler und Rebell“, sagt Krawczyk. „Aber er wurde zum Held hochstilisiert und auf ein Podest gestellt, was für unsere Zeit typisch ist“. In Liedern wie Ich, Martin Luther stellt Krawczyk sich vor, er sei Luther. „Ich möchte von ihm lernen, aber ich kann nicht von jemand lernen, der oben auf einem Podest festsitzt“.

Krawczyk ist ein Mensch, der anscheinend keine Bitterkeit hegt, sondern nur Teilnahme und Mitgefühl für andere, für die Gesellschaft, für Kinder, die ohne Führung großwerden und leichte Beute für heimtückische Menschen oder Ideologien sind. Gekleidet in ein schwarzes Hemd und Lederjacke, funkeln die ruhigen, nachdenklichen Augen in seinem hageren, abgespannten Gesicht mit einem bemerkenswerten Licht und Feingefühl.

Neben seiner kreativen Arbeit erhebt Krawczyk nach wie vor seine Stimme gegen moralische Kompromisse in der Politik, zum Beispiel die Art und Weise, wie sich die ostdeutschen Kommunisten in „Die Linke“ umbenannten. Wie er dem Stern mitteilte: „Dass sich die PDS damals umbenannt hat in ‚Die Linke‘ war ein cleverer Schachzug. Der Name lässt die Leute schnell vergessen, dass diese Partei die Nachfolgerin der SED ist. Stasi-Spitzel haben ihre Mitmenschen verraten und in Kauf genommen, dass sie Repressalien erdulden mussten, ins Gefängnis geworfen oder schlimmstenfalls sogar ermordet wurden. Daran gibt es nichts zu deuteln und zu entschuldigen. Wer bestimmte Grundsätze einmal verraten hat, ist dazu unter Umständen wieder fähig. Die Möglichkeit, Macht zu missbrauchen, anderen das Leben schwer zu machen, bietet jedes öffentliche Amt.“

© Stephan KrawczykGoethe schrieb einmal: „Deutschland ist nichts, aber jeder einzelne Deutsche ist viel, und doch bilden sich letztere gerade das Umgekehrte ein“. In seiner Arbeit wie auch in seinem Leben beweist Krawczyk die Möglichkeiten des Einzelnen und inspiriert andere durch seine Integrität und tiefes Mitempfinden. In seinem Berliner Viertel Neukölln, seiner neuen Heimat, drückt dieser empathische, feinfühlige Künstler in Worten und Musik sein tiefes Verständnis dessen aus, wie man sich als Mensch fühlt und was es bedeutet, Mensch zu sein.

‘Wo ich wohne, stehen die Birken / wie ein Zeichen ihrer selbst, / zwei mit fremden Eigennamen: erdverbunden, luftvermählt.’

Rory MacLean
Dezember 2012

Übersetzt von Susanne Mattern

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