Claudia Skoda

Experimentell seit 1975: die Modedesignerin Claudia Skoda

Claudia Skoda auf dem Fototeppich von Martin Kippenberger, Achtzigerjahre, Copyright: Claudia Skoda

Aktuelle Kollektion, Copyright: Claudia Skoda/Foto: Sybille Bergemann

Kollektion Siebzigerjahre, Copyright: Claudia Skoda

Sie ist eine der bekanntesten und einflussreichsten Strickdesignerinnen der Welt. Seit über 35 Jahren beeindruckt Claudia Skoda mit ihren avantgardistischen, körpernahen Kreationen aus hauchdünnen Garnen die Modewelt.

Wer sich fragt, warum Claudia Skoda nach über 35 Jahren in der Mode immer noch ganz vorne mitspielt, muss sie nur über Garne reden hören. „Uns kann es gar nicht extrem genug sein. Wir machen aus allen möglichen Neuerungen sofort ein neues Stück.“ Ihre Neugierde ist nach wie vor dieselbe, ebenso ihre Lust am Experimentieren. Und ihre Stricktechnik unübertroffen. Deshalb lieben 60-jährige Damen ihre Jäckchen aus Strick und Pelz und 20-jährige Studentinnen ihre Mützen. Deshalb kaufen Hollywoodstars wie Cate Blanchett, Milla Jovovich und die Familie Ridley Scott bei Skoda ein, wenn sie in Berlin sind.
„Fabrikneu“
Offiziell hat alles 1975 angefangen, dem Jahr, als sie ihr Modelabel gründete. Doch schon vorher hatte die damalige Verlagsangestellte – Claudia Skoda ist Autodidaktin – Mode für ihre Freunde gemacht. Ihre Freunde waren Musiker, bildende Künstler, Filmemacher, mit fünf von ihnen hatte sie eine Fabriketage im Berliner Bezirk Kreuzberg gemietet und ausgebaut, um darin zu leben und zu arbeiten. „Wir wurden immer wieder mit der New Yorker Factory von Andy Warhol verglichen, was ich absolut falsch fand, aber für bescheidene Berliner Verhältnisse stellte sich das so dar“, erzählt sie. Die „Fabrikneu“, wie das 650-Quadratmeter-Loft hieß, war ein offenes Haus. Freunde gingen aus und ein, einige blieben für eine ganze Weile. Einer von ihnen war der berühmte Künstler Martin Kippenberger. Claudia Skoda hatte ihn auf Ibiza kennengelernt. Kippenberger kam 1976 nach Berlin, um in der Künstler-WG zu leben. Und er installierte aus rund 1.000, in der Lebensgemeinschaft „Fabrikneu“ aufgenommenen Fotos den Boden des Laufstegs, auf dem 1977 die Skoda-Modenschau stattfand.
Legendäre Schauen
Dies war die legendärste einer ganzen Reihe von legendären Skoda-Schauen. Claudia Skoda machte aus jeder Kollektions-Präsentation ein spektakuläres Happening, vor allem für ihre Freunde. Zu ihnen zählten David Bowie und Iggy Pop, die zu der Zeit in Berlin wohnten, auch sie kamen zu ihren Schauen, bei denen es neben Mode auch immer Live-Musik gab. Später lud sie auch Kunden und Einkäufer ein und verlegte ihre Laufstege in die Kongresshalle und das Ägyptische Museum, „Das hat zu dieser Zeit sonst keiner gemacht“, sagt sie. Erst heute ist es wieder en vogue, ungewöhnliche Orte mit Mode zu bespielen.
Vertigo Shorts. Copyright: Claudia Skoda/Foto: Nils Muhl

Kollektion Siebzigerjahre, Copyright: Claudia Skoda

Kollektion Achtzigerjahre, Copyright: Claudia Skoda

Kollektion Achtzigerjahre, Copyright: Claudia Skoda

Dass Claudia Skoda so eine Anziehungskraft auf andere berühmte Künstler hatte, verwundert nicht, wenn man sie erlebt. Vor zwölf Uhr verabredet sie sich nur ungern, da ist sie dem alten Szene-Leben treu geblieben. Sie trägt hohe Schuhe, einen kurzen Vintage-Rock und ansonsten Skoda: Einen Pullover und eine Mütze, die sie auch im Büro nicht abzieht. Bei Mode geht es eben um den Look, nicht um die Raumtemperatur. Claudia Skoda ist in ihrem persönlichen Auftreten unprätentiös und zuvorkommend, aber in allen Fragen, die ihre Mode betreffen, sehr sicher und selbstbewusst.
Raus aus Berlin
Es war ihr Freund David Bowie, der ihr Ende der 1970er-Jahre riet: „Du musst raus aus Berlin, du musst nach New York.“ Zu der Zeit präsentierte Claudia Skoda ihre Kollektionen auch auf der Messe in Düsseldorf. Doch New York, das war der Schritt in die große Modewelt. Sie wagte ihn 1982 mit einem eigenen Laden in Soho, das einzige Skoda-Geschäft weltweit, nur die Produktion blieb in Berlin. „Erst in New York habe ich gemerkt, was für einen Stellenwert ich habe. Das habe ich erst im internationalen Vergleich erfahren können, und das war für mich ganz wichtig“, sagt sie. Vivienne Westwood, Comme des Garçons und andere Designer der europäischen und japanischen Avantgarde bildeten die neue Nachbarschaft, in der sie sich mit ihren Strickkleidern behaupten konnte.

1987 bekam sie vom Westberliner Senat den Auftrag, die Eröffnungsgala für die Kulturhauptstadt Berlin im Jahr darauf zu gestalten. Ein toller Auftrag. Sollte sie danach nach New York zurückkehren? Oder in Berlin bleiben? Die Entscheidung kam mit dem Mauerfall. „Wenn die Wende nicht gekommen wäre, wäre ich nach New York zurückgegangen. Aber da ich Berlinerin war, dachte ich, in so einer Situation kann ich nicht weggehen und habe einen Laden am Ku’damm aufgemacht.“ Und für die Einrichtung dieses Geschäfts gewann Claudia Skoda keinen geringeren als den australischen Designer Marc Newson, dessen Werke heute zu den teuersten Design-Objekten der Welt zählen.
Kollektion Siebzigerjahre, Copyright: Claudia Skoda

Kollektion Siebzigerjahre, Copyright: Claudia Skoda

Kollektion Siebzigerjahre, Copyright: Claudia Skoda

Kollektion Achtzigerjahre, Copyright: Claudia Skoda

Kleid „Buket“, Copyright: Claudia Skoda/Foto: Nils Muhl

„Sharing“, Copyright: Claudia Skoda/Foto: Nils Muhl

Kleid „Banket“, Copyright: Claudia Skoda/Foto: Nils Muhl

Einzigartige Stricktechnik
Heute führt Claudia Skoda einen Laden in der Alten Schönhauser Straße 35 im Bezirk Mitte, wo die wichtigen Berliner Designer ihre Läden haben. Dass sie neben Wolfgang Joop, ein Freund von ihr, die einzige Überlebende aus den 1970er-Jahren ist, stört sie ebenso wenig wie die Tatsache, dass sie ihr Label schon länger führt als die meisten der jungen Modedesigner um sie herum überhaupt auf der Welt sind. „Nach wie vor orientieren sich junge Modedesigner an dem, was ich tue“, sagt sie, „weil ich schon so viele Jahre Mode mache, und zwar nicht für ältere Damen, sondern für junge Menschen. Und das motiviert sie.“ Die Kontakte sind vielfältig, auch weil Claudia Skoda häufig in der Jury von Modewettbewerben sitzt.

Da ist dann auch ihr Rat gefragt. „Die Chance, die man hat, ist die, sich zu spezialisieren. Sonst wird man nicht wahrgenommen.“ Ihr eigener Weg beweist, wie wichtig das ist. Strickmode ist weltweit mit ihrem Namen verbunden. Sie hat ein unglaubliches technisches Wissen, da sie von Anfang an mit Garnen, Färbeverfahren und Strickmethoden experimentiert hat. Bei ihren Modellen wird nichts geschnitten oder gekettelt, sondern alles in einem Stück auf den Körper gearbeitet. Ihre Stricktechnik ist einzigartig, kaum nachzumachen. Da kommen die jungen Designer nicht ran. Und sie hatte nie das Bedürfnis, etwas anderes als Strickmode zu machen. „Es bedeutet für mich nach wie vor eine Herausforderung, mit Strick etwas Ungewöhnliches zu machen, etwas wirklich Unverwechselbares“, erklärt sie. Außerdem arbeite sie ja auch mal mit Pelz oder Stoffen als Ergänzung, oder entwerfe Teppiche.
Eine neue Perspektive und viel Energie
Doch ihr größtes Kapital sind ihr frischer Blick und ihre Energie. „Ich will keine unauffällige Mode machen.“ Claudia Skoda ruht sich nicht auf ihrer Vergangenheit aus, sondern geht voran. Mit ihren gestrickten Männerhosen ist sie ganz vorne mit dabei, ebenso mit den Mützen, die sie vor zwei Jahren eingeführt hat. Die weich nach hinten fallenden Modelle aus Baby-Alpaka und die baumwollenen Ritterhelme mit herunterklappbarem Kinnschutz sind handgestrickt. Zu den Mützen sind inzwischen ebenfalls handgestrickte Pullover und Kleider gekommen. „Wir machen keine Ökoprodukte“, betont Claudia Skoda. „Das ist gerade die Herausforderung, mit dieser traditionellen Technik auch Mode zu produzieren.

Hinter dem Laden ist die Werkstatt, in der Claudia Skoda neue Muster und Modelle entwirft, und wo die Prototypen gefertigt werden. Sie arbeitet jedes Jahr an zwei Themen, doch fast wöchentlich kommen neue Stücke in den Laden. Dem Zwang, jedes halbe Jahr eine neue Kollektion zu präsentieren, unterwirft Claudia Skoda sich nicht. Wenn ein Teil fertig ist, kommt es als Einzelstück in den Laden. Wird es gut angenommen wird, lässt sie mehr davon fertigen. Einen guten Teil der Verkäufe machen die Klassiker wie die figurbetonten Kleider aus, schlicht aber mit raffinierter Taillenpassage, also Modelle, die auch sie nicht mehr verbessern kann. Und alles wird in Berlin hergestellt.
Exklusiv und überschaubar
Skoda gibt es nur bei Skoda – im Laden und im Online-Shop. „Ich halte die Marke bewusst so klein“, sagt sie. Das macht sie exklusiv (nicht zu verwechseln mit sehr teuer, Mützen gibt es ab 100 Euro, Pullover und Jacken kosten um die 450 Euro). Und die Überschaubarkeit ihrer Firma lässt sie unabhängig bleiben. „Ein wichtiger Grund, warum ich nach wie vor kreativ bin, ist, dass ich immer tun konnte, was ich wollte.“ Deshalb kann Claudia Skoda seit 1975 experimentelle Mode machen.
Stefanie Dörre
ist stellvertretende Chefredakteurin der Berliner Stadtmagazins „tip“.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
November 2010

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